15. Dezember 2019

Enkel entdecken Schlesien: Auf der Suche nach der verlorenen Heimat

Zu den Arbeitsgebieten von Privatdozent Dr. habil. Jürgen Nelles vom Institut für Germanistik an der Universität Bonn, wo er Neuere deutsche Literaturwissenschaft lehrt, gehören Literaten und Literaturen vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart, das Verhältnis von Kunst, Künstlern und Gesellschaft sowie Kriminal-Literatur und deutschsprachige Literatur in Osteuropa. Trotzdem ist sein Vortrag am 28. November 2019 im Nürnberger Zeitungs-Café Hermann Kesten für das überwiegend nichtstudentische Publikum leicht verständlich: Der Referent kann sich anscheinend mühelos auf die vor ihm sitzenden sehr aufmerksam Zuhörenden einstellen.
Bei der Spurensuche in einem (un-)bekannten Land gibt es drei Tendenzen: Nach dem Fall des Eisernen Vorhanges konnten im Osten Lebende in den Westen reisen, dort arbeiten und leben, während die nach 1945 Vertriebenen wieder ihre ehemalige Heimat besuchen konnten. Viele Kinder und Enkel suchten die Heimat der Vorfahren auf.

Ähnliche Tendenzen zeichnen sich auch in der Literatur ab: Im Osten aufgewachsene Autoren haben über ihr Leben in Freiheit geschrieben, wie z.B. Radek Knapp und Paulina Schulz. Den umgekehrten Weg schlägt Artur Becker in einer Novelle und einem Roman ein. Autoren wie Jochen Hoffbauer, Maria Frisé oder Reinhard Leue, die vor 1945 in Schlesien gelebt haben, erinnern in ihren Werken an ihre erlebte Heimat. Meist kennen ältere Autoren, die autobiografische Bücher schreiben, das andere Schlesien (also nach 1945) nur aus Erzählungen und reisen erst 1990 wieder dorthin.
Jürgen Nelles hielt einen Vortrag am 28. November ...
Jürgen Nelles hielt einen Vortrag am 28. November 2019 im Nürnberger Zeitungs-Café Hermann Kesten in Nürnberg. Fotos: Inge Alzner
Immer mehr Kinder und Enkel vertriebener Deutscher aus Schlesien begeben sich im Land ihrer Vorfahren auf Spurensuche. Ein wesentliches Merkmal bei der Vergangenheitserkundung ist, dass viel Wert auf Sprache und Stil gelegt wird. Diese Autoren, wie z.B. Ulrike Draesner, schreiben keine Erinnerungsbücher, sie haben ja keine eigenen Erfahrungen, sie können nicht rekonstruieren, sondern müssen die Vergangenheit konstruieren. Die fiktiven Romane spielen auf verschiedenen Ebenen: in der Vergangenheit, aus der es oft keine Bilder, Fotos, höchstens Urkunden und traumatische Erfahrungen von Angehörigen gibt, die man nur erahnen kann, und in der Gegenwart, in der sie selber leben. Erschwerend kommt hinzu, dass Bilder aus Kriegsfilmen die individuellen Erinnerungen und Bilder der Zeitzeugen überlagern: So werden deren Erfahrungen überschrieben. Dr. Nelles erwähnt in diesem Zusammenhang auch Sabrina Janesch, die ihre Akzente auf Einflüsse legt, die sich generationenübergreifend auswirken, ebenso Roswitha Schieb und Olaf Müller. Textpassagen werden immer wieder exemplarisch vorgestellt.
Privatdozent Dr. habil. Jürgen Nelles lehrt ...
Privatdozent Dr. habil. Jürgen Nelles lehrt Neuere deutsche Literaturwissenschaft am Institut für Germanistik an der Universität Bonn.
Freilich spielen auch Tagebucheinträge eine Rolle im Rahmen von Identitätsversicherungen, wie z.B. bei Harald Gesterkamp; und wenn von verbundenen Verbindungen die Rede ist, sind es meist die Werke der mittleren Generation, die eigene Erinnerungen mit Erkundungen nach 1990 verbinden, bzw. die jüngere Generation sich in literarisch ambitionierter Art auf den Weg macht, persönliche Familiengeschichten mit historischen Ereignissen zu verbinden. Dadurch werden zum einen Familientraditionen bewahrt und zum anderen Deutungen für Geschichte und ihre Verläufe und Verirrungen erzeugt, die bis in die Gegenwart wirken und Perspektiven für die Zukunft eröffnen (können).

Susanne Schneehorst von der Stadtbibliothek im Bildungscampus Nürnberg, Fachteam Literatur + Sprache, Interkulturelle Angebote, begrüßte als Mitorganisatorin des Vortrages die zahlreichen Gäste im Zeitungs-Café. Inge Alzner als Vertreterin des Nürnberger Kulturbeirates zugewanderter Deutscher stellte den Referenten vor und dankte ihm zum Schluss für den interessanten Vortrag. Bei der anschließenden Diskussion stellte sich heraus, dass Schlesien vielen Zuhörern vertraut ist bzw. die meisten dort geboren sind oder Wurzeln in Schlesien haben. Die Vertreter der Landsmannschaft der Oberschlesier Nürnberg warben für ihre Veranstaltungen im Haus der Heimat Nürnberg und durften sich nachher noch den anwesenden Studentinnen vorstellen. Das Interesse an den erwähnten Autoren und deren Bücher war groß: Viele schrieben schon während des Vortrages die von Dr. Nelles erwähnten Titel auf.

Doris Hutter


Schlagwörter: Literatur, Erinnerungsliteratur, Nürnberg, Schlesien

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