20. März 2020

Klausenburger Stadt- und Kulturgeschichte

Vom 22. bis 24. November 2019 fand in der Bildungs- und Begegnungsstätte „Der Heiligenhof“ in Bad Kissingen ein Wochenendseminar der Akademie Mitteleuropa in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis für siebenbürgische Landeskunde (AKSL) sowie der Babeş-Bolyai-Universität zur Stadt- und Kulturgeschichte von Klausenburg/Cluj-Napoca/Kolozsvár statt. Die Tagung wurde maßgeblich vom damaligen AKSL-Vorsitzenden Dr. Ulrich Andreas Wien vorbereitet und von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert. Es nahmen 115 ehemalige und heutige Klausenburger und weitere Interessenten daran teil.
Der Bildvortrag von Dr. Wilfred Schreiber war mit einem „Kulturgeografischen Rundgang durch Klausenburg“ der Auftakt. Klausenburg war laut Volkszählung von 2011 die zweitgrößte Stadt Rumäniens, in der Antike eine römische Colonia, ab 1316 eine königliche Freistadt. Der Rundgang begann im mittelalterlichen Stadtzentrum, setzte sich in dessen Außenbereichen fort. Einzelne Themen wurden besonders hervorgehoben: z. B. neue Wohnviertel, umfunktionierte Bauten, neue Bauten, Statuen, die Erinnerungskultur der Siebenbürger Sachsen (Straßennamen, Büsten) sowie Malls. Mit nur wenigen Neubauten in der Altstadt (fast keine stehen unter Denkmalschutz) ist Klausenburg eine sehr dynamische und in den Außenbezirken rasant wachsende Stadt, dessen aufkommender Verkehr noch zu lösen wäre.

Dr. Albert Zsolt Jakab beschäftigte sich mit „Ungarischen und rumänischen Erinnerungskonstrukten in Klausenburg im 19. und 20. Jahrhundert sowie mit der sozialen Funktion der Erinnerung“. Am Beispiel von Klausenburg wurde die Art, wie Erinnerung konstruiert wird und diese Konstrukte im gesellschaftlichen Bereich genutzt werden, untersucht. Dabei konzentrierte sich Jakab auf die Organisation, die Funktionsweise und die Folgen der Herausbildung einer Gedächtniskultur. Hierfür wurden Inschriften und Standbilder erfasst, die der Vertiefung oder Konstruktion geschichtlicher Erinnerungs- und Identitätsmerkmale dienen wollten bzw. wollen. Es wurde versucht, alle zwischen 1440 und 2004 angebrachten Inschriften oder aufgestellten Standbilder bzw. Büsten im jeweiligen historischen, ethnischen und sozial-politischen Kontext zu analysieren. Dies um festzustellen, welche Absichten mit ihnen verfolgt worden sind und welche Auswirkungen damit verbunden waren.

Hon.-Prof. Dr. Konrad Gündisch sah sich veranlasst, die eher theoretischen und abstrakten Ausführungen von Jakab im Hinblick auf die Zuhörerschaft zu erläutern. Dabei können Erinnerungsorte positiv oder negativ konnotiert werden. Im Fall der siebenbürgisch-sächsischen Erinnerungskultur wurde am Beispiel von Klausenburg der Typus des negativen Erinnerungsortes anhand von einigen Beispielen aus der einschlägigen Geschichtsschreibung herausgearbeitet und aufgezeigt. Klausenburg sollte in der siebenbürgisch-sächsischen Ideologie und Politik als Warnung vor dem oft beschworenen Finis Saxoniae dienen und war auch ein „geteilter Erinnerungsort“, ein Ort des Konflikts und der Wechselwirkung unterschiedlicher Ethnien und Konfessionen.
Klausenburg. Stadtansicht von Georg (Joris) ...
Klausenburg. Stadtansicht von Georg (Joris) Hoefnagel, 1617. Foto: Wikimedia Commons
Dr. Szilárd Ferenczi ging auf „Die Entwicklung Klausenburgs und die städtischen Eliten im 19. und frühen 20. Jahrhundert“ ein. Bis 1910 war Klausenburg eine Großstadt mit 60 000 Einwohnern. Fast 60 Jahre lang (1790-1848) war Klausenburg die Hauptstadt des Fürstentums Siebenbürgen und beherbergte die wichtigsten Gouverneursämter des Landes. Zugezogene adelige Familien zusammen mit der örtlichen, meist protestantischen Elite prägten die architektonische Landschaft. Die Grundlagen für den kulturellen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt der Stadt wurden damals gelegt. Ein politisch aktives Bürgertum beteiligte sich aktiv an der Revolution von 1848/1849. Nach deren Niederlage verlor Klausenburg ein Viertel seiner Einwohner. Nach dem Österreichisch-Ungarischen Ausgleich von 1867 und der Vereinigung Siebenbürgens mit Ungarn verlor Klausenburg seinen Status als Hauptstadt. Als Entschädigung dafür wurde die zweite Universität in Ungarn gegründet. Klausenburg wurde ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt Siebenbürgens. Die Stadt war das Verwaltungszentrum und ein Magnet der Region.

Dr. Robert Nagy führte in die neuere Geschichte Klausenburgs ein und stellte die „Entwicklung der Infrastruktur und der Industrie in Klausenburg im Zeitalter des Dualismus“ vor. Diese dauerte vom Österreichisch-Ungarischen Ausgleich 1867 bis zum Ende der Doppelmonarchie. Zu jener Zeit machte die Stadt eine rasante Entwicklung durch, die nicht nur den Baustil und die Stadtstruktur veränderte, sondern auch die Stadtgesellschaft mobiler werden ließ. Die Region konnte in den 1850er und 1860er Jahren die sich ausweitende Getreidemarkt-Konjunktur nicht ausnutzen, da der erste Zug in Klausenburg erst 1870 einlief. Aufgrund ihrer geografischen Lage entwickelte sich die Stadt in eine andere Richtung als Kronstadt und Hermannstadt. Ihre Chance hatte sie jedoch aufgrund ihrer politischen, administrativen und Bildungsinstitutionen, die die Bevölkerung anwachsen und wohlhabender werden ließ. Zum Ende der untersuchten Zeitspanne kann eine überdurchschnittliche Infrastruktur und eine gute mittelständische Industrie verzeichnet werden.

Ph. D. Cosmin Rusu widmete sich in seinem Vortrag den „Nichtdeutschen und Nichtungarischen Ethnien“, also Rumänen, Roma und diversen individuellen Zuwanderern. Die Ungarn und die Sachsen waren in der Stadtgeschichte bis ins 20. Jahrhundert die dominierenden Gruppen, bis sich die rechtlichen und demografischen Verhältnisse grundlegend änderten. Um 1900 waren rund 80 Prozent der damaligen Bevölkerung Ungarn, derzeit sind rund 80 Prozent Rumänen und immer noch 19 Prozent Ungarn. Die Bevölkerung hat sich im 20. Jahrhundert verfünffacht.

PD. Dr. Edit Szegedi behandelte in einem Beitrag die „Kirchengeschichte Klausenburgs“. Sie schränkte ein, dass eine Übersicht über die Kirchengeschichte dieser Stadt angesichts der Komplexität dieses Themas sowie der sich widersprechenden ethnisch-nationalen und konfessionellen Erinnerungskulturen notwendigerweise eine Einführung bleiben muss. Der Vortrag schlug einen Bogen vom kirchlichen Leben der mittelalterlichen Stadt Ofener Rechtes bis zur Gründung der Klausenburger Metropolie, der rumänisch-orthodoxen Kirche sowie der Durchsetzung der Freikirchen in der religiösen Landschaft der Stadt. Dabei wurde auch die jüdische Gemeinde erwähnt, weil ihre Geschichte mit jener der christlichen Gemeinschaften interferierte. Die wichtigsten Etappen der Kirchengeschichte Klausenburgs wurden aufgeführt, wobei der Schwerpunkt auf der frühen Neuzeit lag.

In seinem Beitrag berichtete Prof. Dr. Andras F. Balogh über die „Die Rolle der Klausenburger Germanistik im rumäniendeutschen Literaturbetrieb 1919-2019“. Der erste Teil widmete sich den Anfängen der germanistischen Philologie im späten 18. Jahrhundert in Siebenbürgen. In Klausenburg fasste sie erst mit der Universitätsgründung 1872 Fuß. Kurz danach erschienen die Acta comparationis, weltweit die erste komparatistische Zeitschrift. Nach dem Ersten Weltkrieg konnte sie eine bedeutende Stellung wahrnehmen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie auf ein Minimum reduziert, es wurde aber ab den 1950er Jahren wieder Bedeutendes geleistet: eine Reihe von Übersetzungen in die rumänische und ungarische Sprache sowie Veröffentlichungen im Dacia-Verlag vieler junger Autoren. In den 1970er und 1980er Jahren wurde Klausenburg zu einer Hochburg der rumänischen Germanistik, welche sich nach 1989 neu aufstellen musste.

Der Schriftsteller Dr. h.c. Joachim Wittstock las aus seinem Roman „Die uns angebotene Welt. Jahre in Klausenburg“ (Bukarest 2007). Die Schilderung ist auf die letzten 1950er und den Beginn der 1960er Jahre ausgerichtet. Das damalige Zeitgeschehen bestimmte doch in unmittelbarem Sinn die Existenz, konfrontiert mit den politischen Ereignissen in Ungarn von 1956. Kommentare und Lesepassagen ließen das Folgegeschehen der Ungarn-Ereignisse in Siebenbürgen und dessen wichtigster Ortschaft Klausenburg erkennen. Nicht nur an Personen und Geschehnisse wurde während der Lesung erinnert, sondern auch an Örtlichkeiten.

Dr. Robert Offner widmete sich den „Ärzten und Apothekern in Klausenburg vom 15. bis 19. Jahrhundert“. Es wurden vorgestellt die spärliche Datenlage zum Thema Medizinalwesen der Stadt Klausenburg im Mittelalter und der frühen Neuzeit sowie die allgemeinen Aspekte der Krankenversorgung in jener Ära. Damals existierten mindestens zwei Hospitäler (Heilig-Geist und Hiob), die aber eher Alten-, Waisen- und Pflegeheime als Krankenhäuser waren. Vor dem 18. Jahrhundert gab es nur wenig akademisch gebildete Ärzte (Stadtphysici). Es wurden exemplarisch für das 16. Jahrhundert zwei gebürtige Klausenburger Ärzte vorgestellt: Johannes Hertelius (1565-1612) und Thomas Jordanus (1540-1586). Weiterhin wurde kurz die Geschichte der Medizinisch-Chirurgischen Lehranstalt Klausenburg (1775-1872) zusammengefasst und einige namhafte Ärzte, die dort als Dozenten wirkten, vorgestellt. Thema des Vortrages war auch die Entwicklung der Apotheken der Stadt. Hier fokussierte der Referent auf die Geschichte der Stadtapotheke, die ab 1700 privatisiert wurde, sowie auf einzelne Apotheker.

Ein ehemaliger Klausenburger Studentenchor, die „Cantores Vivaces“, der sporadisch noch zu Proben oder Tourneen zusammenkommt, gab während der Veranstaltung Kostproben seines multikulturellen Repertoires.

Die Veranstaltung war Teil einer Seminarfolge „Stadt- und Kulturgeschichte“ von Deutschen im östlichen Europa. Dank an alle Referenten, Veranstalter und Teilnehmer, die zu dieser einzigartigen Tagung beigetragen haben.

Monika Jekel

Schlagwörter: Tagung, Klausenburg, Wissenschaft, Kultur, Geschichte, AKSL, Bericht

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