2. Oktober 2020

Künstlerische Artefakte und ethnografische Dokumente: Thomas Hellers Siebenbürgen-Bilder

„Siebenbürgen, süße Heimat“. Die Anfangszeile der letzten Strophe des Siebenbürgenlieds habe ich, der ich selbst keine familiären Bezüge zu Siebenbürgen habe, zum ersten Mal als Kind in gestickter Form in den frühen 1970er Jahren wahrgenommen. Sie zierte in biedermeierlichen Lettern einen selbst gestickten Wandbehang, den sich eine gebürtige Hermannstädterin aufgehängt hatte – in ihrem bescheidenen Zimmer in Oberbayern. Ihre Tochter und ihr Schwiegersohn zählten zum Freundeskreis meiner Eltern.
Wenn mir heute dieser Vers als Titel eines Bildbandes erneut begegnet, ist meine erste spontane Assoziation: Hier muss es sich um Aufnahmen von wehrhaften Kirchenburgen, malerischen Städtekulissen und sanft beschwingten Landschaften vor dem Hintergrund der steil aufragenden Karpaten handeln. Doch bereits das auf dem Bucheinband reproduzierte Foto – im Inneren des Buches erfährt der Leser, dass es sich um eine Aufnahme des 82-jährigen Trompeters Andreas Gottschling aus Probstdorf handelt – konterkariert solche Stereotypen eines romantisch geprägten Regionalismus. Was der Dresdner Fotograf Thomas Heller da vor sein Objektiv gebracht und in insgesamt 68 Aufnahmen im Klassischen Mittelformat festgehalten hat, ist alles andere als die Befriedigung herkömmlicher Siebenbürgen-Vorstellungen. Seine Schwarz-Weiß-Bilder sind feinfühlige Annäherungen an heimatverbliebene Siebenbürger Sächsinnen und Sachsen unterschiedlicher Altersgruppen und sozialer Schichten in ihrer vertrauten Umgebung. Vertraute Umgebung, das heißt in diesem Falle nicht nur die Region, sondern auch das ganz persönliche Umfeld, der Alltag, der zumeist durch bestimmte Attribute gekennzeichnet wird. Utensilien, Arbeitsgeräte, Musikinstrumente, Schlüssel, das Haus, der Hof, der Garten, die Dorfzeile, der Blumenstrauß in der Hand, der kurz nach der Aufnahme als Altarschmuck in einer Kirche aufgestellt wird. Insofern zeigen die Bilder weniger die „süße Heimat“ Siebenbürgen, sondern Menschen, die noch immer in Siebenbürgen zu Hause sind und für die es Heimat bedeutet. Unter den Dargestellten sind einige bekannte Persönlichkeiten, etwa Dr. Gerhild Rudolf, die Leiterin des Begegnungs- und Kulturzentrums Friedrich Teutsch in Hermannstadt, die Heller mit einem Schlüssel in der Hand neben den Katalogkästen der dortigen Bibliothek aufgenommen hat. Der Musiker Klaus Philippi blickt dem Betrachter entgegen, seine Oboe fest umfassend, während auf einem anderen Bild der Lehrer und Philosoph Dr. Carol Neustädter den Besucher aus Dresden in seinem Innenhof zu empfangen scheint. Die Fotografien führen uns Menschen in unterschiedlichen Kontexten vor Augen, in ihrem Arbeitsumfeld, in ihrem Dienst an der Gemeinschaft, in der Freizeit oder im wohlverdienten Ruhestand.

Thomas Heller ist mit seinen aussagekräftigen Bildern ein Spagat gelungen. Seine Aufnahmen sind gleichermaßen fotografisch gelungene künstlerische Artefakte und ethnografische Dokumente, Bestandsaufnahmen einer noch immer lebendigen, in sich selbst ruhenden Welt der Deutschen in den Dörfern und Städten Siebenbürgens. Aus manchen Bildern spricht eine tiefe Melancholie, als wollten die Bilder vermitteln: Wenn die hier gezeigten Menschen einmal nicht mehr leben, bricht unweigerlich und unwiederbringlich eine kulturelle Tradition ab, die sich in Siebenbürgen über Jahrhunderte entwickelt hat. In ihrer Optik erinnern manche Fotografien Thomas Hellers an die des tschechischen Fotografen Jindřich Štreit, der seit Jahrzehnten in seiner nordmährischen Heimat mit ähnlicher Sensibilität, gelegentlich auch einer Prise Humor, den Alltag von Menschen festhält. Der mitteldeutsche verlag in Halle hat Hellers Aufnahmen hochwertig reproduziert und überhaupt die grafische Gestaltung des Bandes aufwändig betrieben.

Der Bildteil wird von zwei Texten gerahmt, die bereits an anderer Stelle veröffentlicht worden sind. Thomas Perle schildert in seiner Erzählung „holz.“, die seinem 2018 erschienenen Prosaband „wir gingen weil alle gingen“ entnommen ist, das Leben des Waldarbeiters Karl, seiner Frau Margarethe und ihrer drei überlebenden Töchter im turbulenten Verlauf des 20. Jahrhunderts. Ein knapper historischer Siebenbürgen-Überblick aus der Feder von Thomas Schulz, der sich vor allem an Leser wendet, die mit der Geschichte der Region und ihrer Menschen nicht vertraut sind, rundet den Band ab.

Auch wenn die Bilder im Grunde für sich selbst sprechen, hätte man sich als Leser des Buches und Betrachter der Fotografien möglicherweise noch einen kurzen Einblick des Künstlers in die Genese seines Bildmaterials gewünscht. Wie kam Thomas Heller zu seinem Thema, wie gewann er seine Gegenüber dazu, an ihren Wohn- und Arbeitsplätzen, mit Accessoires ihres Alltags, für den Fotografen Modell zu stehen und nicht nur dem Abdruck der Fotos, sondern auch ihres Namens, Alters und Wohnorts zuzustimmen? Die spärlichen biografischen Informationen zu Thomas Heller, Thomas Perle und Thomas Schulz im Anhang sind hierzu nicht wirklich erhellend. Dieser kleine Kritikpunkt ist der einzige, den ich vorzubringen habe, und vielleicht bin ich in diesem Punkte als Historiker und Volkskundler viel zu sehr einem wissenschaftlichen Denken verhaftet, um nicht „l’art pour l’art“ gelten zu lassen.

In jedem Fall bleibt abschließend festzuhalten: Dieser Band bereichert den vielfältigen Siebenbürgen-Buchmarkt auf sehr erfreuliche und erfrischende Weise. Angesichts der schon wieder im Kalender näher rückenden Weihnachtszeit sei er allen Lesern dieser Zeitung, die an ein originelles und hochwertiges Geschenk mit siebenbürgischer Note denken, als gute Idee für den Gabentisch ans Herz gelegt.

Tobias Weger


Thomas Heller: „Siebenbürgen süße Heimat“. mitteldeutscher verlag, Halle (Saale), 2020, 128 Seiten, 25 Euro, ISBN 978-3-96311-375-8.

Schlagwörter: Bildband, Siebenbürgen, Porträts, Fotografie, Buchbesprechung

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