8. Oktober 2020

52. Jahrestagung des Landeskundevereins über die Industrialisierung Siebenbürgens

Am 12. September 2020 fand auf Schloss Horneck die 52. Jahrestagung des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde (AKSL) statt, die in Kooperation mit dem Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa an der Universität Oldenburg (BKGE) durchgeführt und von der Kulturreferentin für Siebenbürgen gefördert wurde. Dass diese Jahrestagung überhaupt stattfinden konnte, war lange ungewiss. Doch schließlich wurde nach intensiver Abwägung entschieden, sie nicht abzusagen, sondern wie geplant als Präsenzveranstaltung vor Ort durchzuführen, wenn auch mit pandemiebedingten Einschränkungen und natürlich unter strikter Einhaltung aller erforderlichen Vorsichtsmaßnahmen.
Die 52. Jahrestagung des AKSL zum Thema ...
Die 52. Jahrestagung des AKSL zum Thema „Gründerzeit im Karpatenbogen. Die Industrialisierung Siebenbürgens“ fand in Corona-Zeiten auf Schloss Horneck statt. Foto: Anneliese Vater
So wurde die Teilnehmerzahl von vornherein auf 25 begrenzt, da nur so ein ausreichender Sicherheitsabstand bei der Bestuhlung des Jugendstilsaals auf Schloss Horneck eingehalten werden konnte. Während der gesamten Veranstaltung, auch während der Vorträge im Saal, bestand Maskenpflicht, von der lediglich die Referenten für die Dauer ihres Vortrags befreit waren. Alle Saaltüren blieben für die Dauer der Veranstaltung offen und in den Pausen wurden die Fenster geöffnet, so dass auch auf eine ausreichende Belüftung geachtet werden konnte. Alle Teilnehmer hielten sich vorbildlich an die Vorsichtsmaßnahmen und begegneten den Einschränkungen unaufgeregt und mit erkennbarer Routine. So konnte die Jahrestagung mit daran anschließender Mitgliederversammlung als wichtigstes Ereignis im Jahreskalender des AKSL und als Angebot an die Mitglieder zur direkten Begegnung untereinander, mit dem Vorstand und der Geschäftsführung trotz der schwierigen allgemeinen Situation angemessen und reibungslos durchgeführt werden. Dafür sei allen Organisatoren, Helfern und natürlich Teilnehmern an dieser Stelle nochmals herzlich gedankt.

Das Thema der Jahrestagung lautete „Die Gründerzeit im Karpatenbogen – Die Industrialisierung Siebenbürgens 1867-1918“. Nach einer kurzen Einführung in die Thematik sowie Skizzierung des historischen Kontexts jener Zeit durch Gerald Volkmer beschrieb dieser in seinem Beitrag „Ökonomische und politische Netzwerke siebenbürgisch-sächsischer Gründerzeitindustrieller“ personelle und strukturelle Verflechtungen unter den wichtigsten Industriellenfamilien und Großunternehmen jener Zeit. Anhand der sechs größten Kronstädter Unternehmen jener Zeit verdeutlichte er, wie die betreffenden Familien neben ihrer unternehmerischen Leistung solche Netzwerke schufen. Dabei ging es nicht nur um die Sicherung der eigenen Nachfolgeregelung, sondern auch um die strategische Positionierung von Familienmitgliedern in anderen sächsischen Großunternehmen oder Banken sowie um Verbindungen in die sächsische Politik.

Stéphanie Danneberg konnte wegen kurzfristiger Verhinderung ihren Beitrag „Interaktion und Abgrenzung zwischen rumänischen und sächsischen Gewerbeorganisationen in Hermannstadt und Kronstadt“ nicht selbst halten. Stattdessen verlas Gerald Volkmer eine Zusammenfassung ihrer Dissertation, die dem Vortrag zugrunde lag. Danneberg untersuchte in ihrer Arbeit, wie durch die Magyarisierungspolitik Ungarns nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich von 1867 und die dadurch bedingten veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse in Handel und Gewerbe die Wirtschaftspolitik bei Sachsen und Rumänen ins Zentrum deren Nationalpolitik rückte. Die verstärkte wirtschaftspolitische Selbstorganisation innerhalb beider Gruppen erscheint dabei als Mittel der eigenen nationalen Selbstbehauptung, in deren Folge wirtschaftliche Konkurrenzsituationen in ethnosoziale Konflikte umgedeutet wurden und ein beiderseitiger Wirtschaftsnationalismus entstand.
Historische Aktie. Foto: Hellmar Wester ...
Historische Aktie. Foto: Hellmar Wester
Hellmar Wester illustrierte mit seinem Vortrag „Siebenbürgische Wirtschaftsgeschichte der Gründerzeit im Spiegel der Aktien: Industriebetriebe, Banken, Infrastruktur“ das zuvor Gesagte und zeigte zahlreiche Aktien und andere Wertpapiere. Dabei wies er nicht nur auf deren dokumentarische sowie wirtschaftshistorische Bedeutung hin, sondern auch auf deren regionalspezifische grafische und ästhetische Gestaltung. Mit über zweitausend historischen Wertpapieren zu Siebenbürgen hat der Referent eine der größten Sammlungen dieser Art zusammengetragen, die er 2018 auf Grundlage eines Schenkungsvertrags dem AKSL für das Siebenbürgen-Institut überließ. Die diese großartige Sammlung überhaupt erst ermöglichende Leidenschaft zum Thema war dabei sowohl dem Vortrag wie auch dem Referenten anzumerken.

Eine Illustrierung anderer Art bot Volker Wollmann in seinem Beitrag „Das siebenbürgisch-sächsische materielle Industrieerbe der Gründerzeit im Lichte historischer und aktueller Aufnahmen“. Anhand zahlreicher historischer und aktueller Fotografien sowie historischer Ansichtskarten dokumentierte der Referent nicht nur Industrie- und Gewerbeeinrichtungen jener Zeit, sondern bot auch Einblicke in damalige Produktionsanlagen und -einrichtungen sowie die Innenausstattungen größerer und kleinerer Gewerbebetriebe. Einige jener Gebäude der Gründerzeit sind bis in die Gegenwart erhalten geblieben, andere wurden zerstört, abgetragen oder dem Ver­fall preisgegeben. Praktisch keines der erhaltenen Industriedenkmäler wurde jedoch in das nationale Denkmalverzeichnis Rumäniens übernommen.

Nach den Vorträgen lud Konrad Gündisch, Vorsitzender des „Siebenbürgischen Kulturzentrums Schloss Horneck e.V.“, zu einer Begehung des umgebauten Schlosses ein. Davor erläuterte er den Teilnehmern den Umbau sowie damit verbundene Herausforderungen, die Umstände, die zu Erwerb und Umbau des Schlosses führten, und die integrierte Nutzung als Begegnungs- und Kulturzentrum mit Schlosshotel, Siebenbürgischem Museum sowie Siebenbürgen-Institut mit Bibliothek und Archiv.

In der anschließenden Mitgliederversammlung wurde nach Begrüßung durch den im Januar 2020 neu gewählten AKSL-Vorsitzenden Harald Roth in einer Schweigeminute der verstorbenen Mitglieder gedacht. Konrad Gündisch hielt einen Nachruf auf Prof. Harald Zimmermann, Stefan Măzgăreanu verlas den Nachruf von Ulrich A. Wien auf Prof. Andreas Möckel. Mit ihnen verstarben die beiden letzten Gründungsmitglieder des Landeskundevereins. Der AKSL zählt gegenwärtig 456 Mitglieder, der AKSL Rumänien 115. Nach den Vorstandswahlen im November 2019 erfolgte die neue Konstituierung des Vorstands im Januar 2020 durch die Wahl eines neuen Vorsitzenden und dessen Stellvertreters sowie des geschäftsführenden Vorstands, dem neben Roth noch Stefan Măzgăreanu, Erika Schneider, Ingrid Schiel, Thomas Şindilariu und Gerald Volkmer angehören. Weiterhin erläuterte Harald Roth einige grundlegende Beschlüsse, die auf der AKSL-Vorstandssitzung im März 2020 getroffen wurden: Straffung der Strukturen der um das Siebenbürgen-Institut mit Bibliothek und Archiv bestehenden Einrichtungen sowie in diesem Zusammenhang Änderungen an der AKSL-Satzung, um diese Straffung zu ermöglichen.

Geschäftsführerin Ingrid Schiel berichtete über die Entwicklung im Institut und in der Siebenbürgischen Bibliothek. Die Anzahl der Medieneinheiten ist auf über 90000 gestiegen, das Archiv umfasst über 1500 laufende Meter, zahlreiche neue Vor- wie Nachlässe wurden im vergangenen Jahr aufgenommen. Im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie musste die Bibliothek im April 2020 auf Weisung des Landes Baden-Württemberg geschlossen werden. Seit diesem Zeitpunkt wird für drei Mitarbeitende Kurzarbeit beantragt. Seit Mitte Mai ist der Lesesaal der Bibliothek wieder geöffnet, in dem sich maximal drei Personen gleichzeitig aufhalten dürfen. Für einen Besuch der Siebenbürgischen Bibliothek empfiehlt sich daher eine Voranmeldung. Abgeschlossen wurde in Zusammenarbeit mit der Universität Heidelberg das Forschungsprojekt „Tages- und Wochenzeitungen der Deutschen in Rumänien während der kommunistischen Herrschaft und der Wendezeit (1949-1992)“. Zurzeit wird mit Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) durch die Stiftung Kirchenburgen die Sicherung und Erhaltung ausgewählter siebenbürgisch-sächsischer Kirchenburgen durch baulich-denkmalpflegerische Maßnahmen einschließlich konzeptioneller Arbeiten bis zum Jahr 2022 durchgeführt. In der zweiten Juniwoche folgte der Umzug von Buchhaltung und Geschäftsführung in die neuen Räume des Siebenbürgen-Instituts im ersten Obergeschoss auf Schloss Horneck. Umzug wie weitere Renovierungsarbeiten wurden durch die Mitarbeiter in Eigenleistung erbracht. Eine neue Archiv-Rollanlage, die mit Hilfe der Projektförderung des Landes Baden-Württemberg und durch weitere Zuwendungen ergänzt erworben werden konnte, wurde im Zuge des Umzugs eingebaut. Der Einbau der zweiten Rollanlage für die Bibliothek hängt von weiteren pekuniären Mitteln ab. Die Kosten für eine solche Anlage bewegen sich im unteren fünfstelligen Bereich. Die Geschäftsführerin dankte ausdrücklich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Michaela Adam, Jutta Fabritius, Martha Holl-Krause, Hannelore Schnabel und Christian Rother sowie den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern Edith Haberich, Ute Heiser, Helga Lutsch, Edda Rother, Hermann Tosch und Anneliese Vater für deren Einsatz und Unterstützung.

Nach den Erläuterungen zum Kassenbericht für das Jahr 2019, dem Verlesen des Kassenprüfungsberichts von Doris Binder-Falcke und Jürgen Binder, die beide nicht teilnehmen konnten, und einer kurzen Aussprache wurde der Vorstand durch die Mitglieder einstimmig entlastet. Anschließend erläuterte Harald Roth die vorgeschlagenen Änderungen zur AKSL-Satzung, die in den letzten 14 Jahren nicht geändert wurde, so dass mehrere Punkte angepasst werden müssen. Mit dem Böhlau-Verlag muss nach dessen Verkauf an den Verlag Vandenhoek & Ruprecht ein neuer Reihenvertrag geschlossen werden. Anstelle der meisten Sektionen sollen Fachbereiche treten, da einige nur noch auf dem Papier bestehen. Nachdem die Satzungsänderungen zur Diskussion gestellt wurden, wurden sie einstimmig angenommen.

AKSL-Mitglied Daniel Schobel war aus Wiehl zur Mitgliederversammlung angereist und hatte einen Erntekorb mit Trauben, Äpfeln und Pflaumen aus dem eigenen Garten mitgebracht. Die erfreuten Mitglieder dankten dem Spender dafür herzlich.

Die nächste Jahrestagung des AKSL wird 2021 in Weißenfels an der Saale in Zusammenarbeit mit den Sektionen Naturwissenschaften und Volkskunde/Kulturgeschichte stattfinden.

Stefan Măzgăreanu




Historische Aktie. Foto: Hellmar Wester

Schlagwörter: AKSL, Tagung, Mitgliederversammlung, Wirtschaftsgeschichte, Industrie, Schloss Horneck, Siebenbürgen-Institut

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