17. Januar 2021

Hinter den Kulissen eines besonderen Gottesdienstes

„Die Leute brauchen keine Medizin so sehr wie Hoffnung!“ (Jurek Becker – Jakob, der Lügner). Dieser Satz passt sicher genauso in das unbekannte Ghetto, in welchem Jurek Beckers Roman „Jakob, der Lügner“ spielt, wie in die von der Corona-Pandemie gezeichnete siebenbürgische Welt. Und das war auch der Zweck des Weihachtsgottesdienstes „Von Daheim für Daheim“: ein bisschen Medizin zu bringen in Form von Hoffnung für die Menschen, die wegen Ansteckungsgefahr zu Weihnachten nicht in die Kirche gehen konnten.
„Trio Saxones Plus“ singt in der Kerzer Kirche, ...
„Trio Saxones Plus“ singt in der Kerzer Kirche, von links: Andreas Hartig, Alfred Dahinten, Dietrich Galter und Wolfgang Schüller. Bildschirmfoto: Edy Schneider
Die Produktion war grenzüberschreitend. Die Idee stammt von dem Neppendorfer Kurt Reisenauer und traf just zu dem Moment ein, als Hermannstadt, Neppendorf und Mühlbach in Quarantäne und die Inzidenz der Coronafälle sehr hoch war. Kurt Reisenauer hatte als Erster gemerkt, dass eine aus drei Pfarrern bestehende Band wie „Trio Saxones Plus“ (der Vierte ist ein Ingenieur) sowohl singen als auch ihres Amtes walten könne – ideale Voraussetzungen also für einen Weihnachtsgottesdienst. Die Band „Karpatenblech“, in der Kurt Reisenauer mitwirkt, wollte ebenfalls zur musikalischen Untermalung beitragen und gleichzeitig eine Brücke zu den in Deutschland lebenden Siebenbürgern schlagen. Es wurden WhatsApp-Nachrichten wie „liebliche Füße der Freudenboten“ (Jes. 52) über Berge und Täler versand und schnell stand fest: „Trio Saxones“ ist bereit, auch wenn es in der Adventszeit viel vorzubereiten gibt, ebenso Eduard Schneider, der Mühlbacher Film- und Musikproduzent. Ein vorläufiges Drehbuch für den Gottesdienst wurde vorbereitet. Das Projekt „Hoffnung“ startete durch.

Wer mal in Mühlbach vorbeikommt, sollte sich auch das Musik- und Filmstudio von Edy Schneider ansehen. Es liegt im Hinterhof einer aufgelassenen Fabrik im Zentrum Mühlbachs und empfängt seinen Besucher mit Fachwerkarchitekur und einem riesigen alten Anker. „Don‘t judge a book by its cover“ (Beurteile ein Buch nicht nach seinem Einband) liest man in Majuskeln auf der alten Fabrikmauer und sobald man die Türe öffnet, wird man von ambientaler Musik und einem Sammelsurium von Artefakten eingehüllt. Eine wundervoll ausgeleuchtete Bar auf Schienen dient als Tür zu Edys Tonstudio. Dort nahmen wir an einem Nachmittag die Lieder für den Gottesdienst auf. Weitere Aufnahmen wurden geplant. Bischof Reinhart Guib sagte sofort zu, ein Grußwort zu sprechen. Ebenso der Bundesvorsitzende des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland, Rainer Lehni, der mithilfe seiner Frau in Drabenderhöhe filmte. Offen blieb noch die Frage nach einem Drehort für den Gottesdienst. In der Hoffnung auf ein bisschen Schnee fragten wir den Kerzer Pfarrer Michael Reger. „Na kommt“, kam prompt die typisch siebenbürgische Antwort. So konnte die zweite Phase des Projektes „Hoffnung“ eingeleitet werden.
Drohnenflug durch die Ruine der ehemaligen ...
Drohnenflug durch die Ruine der ehemaligen Zisterzienserkirche Kerz (Westfassade).
Die Filmarbeiten begannen im altehrwürdigen Bischofspalais in Hermannstadt, und Edy hatte aus Ehrfurcht Schwierigkeiten, unserem Bischof Regieanweisungen zu geben. Aber Bischof Reinhart Guib wiederholte unproblematisch so oft es nötig war, bis alle Lichteffekte stimmten, der richtige Winkel getroffen war und der Ton keine Störgeräusche verzeichnete.

Auf dem geschichtsträchtigen Pfarrhof in Kerz, wo einst der siebenbürgische Dichter Viktor Kästner aufwuchs, fühlt man sich sofort willkommen. Das liegt vor allem an Ortspfarrer Michael Reger und an seiner Frau Nuți. Die Kulisse mit den Mauern des alten Zisterzienserklosters war malerisch, allerdings dominierte statt dem winterlichen Weiß das satte Grün. Solange das Licht noch gut war, mussten die Außenaufnahmen gemacht werden. Wie bei einem professionellen Musikvideo filmte Edy aus verschiedenen Winkeln. Als es dunkler wurde, lud uns Famile Reger zu einem Mittagessen ins Pfarrhaus ein, wo auch ein guter Tropfen Kerzer Weins aufgewartet wurde. Weiter ging‘s mit den Aufnahmen in der Kirche, wo extra ein Weihnachtsbaum für die Dreharbeiten aufgestellt wurde, obwohl der Adventskalender noch gut zwei Wochen bis zum Weihnachtsfest aufzeigte. Der Schlagzeuger Wolfgang Schüller wurde kurzfristig ins Lektorat berufen und las die Epistel. Pfarrer Andreas Hartig wollte das Evangelium gerne aus seiner eigenen Kirche in Zeiden aufnehmen. Es folgten die Aufnahmen für die Predigt und das Hauptgebet des Ortspfarrers. Vorher hatten wir noch zwei Lieder in der Kirche aufgenommen, unter anderem das bekannte Weihnachtslied „Stille Nacht.“

Auf dem Nachhauseweg kehrten wir in Neppendorf ein, wo Pfarrer Dietrich Galter uns den Weihnachtsbrauch des Leuchtersingens zeigen wollte. Wir zündeten gemeinsam die vielen Kerzen auf den Weihnachtsleuchtern an und erfreuten uns an dem Licht. Nach der Heimfahrt lag der Löwenanteil der Arbeit bei Edy, der das Filmmaterial schnitt.
Eduard (Edy) Schneider in seinem Tonstudio in ...
Eduard (Edy) Schneider in seinem Tonstudio in Mühlbach, in dem er Hits für viele bekannte rumänische Künstler wie 3 SUD EST, BUG MAFIA und Andre aufgenommen hat.
In der Folgezeit schwirrten wieder die WhatsApp-Nachrichten durch den Äther. Drähte liefen heiß. Robert Sonnleitner von Siebenbuerger.de und Kurt Reisenauer hatten das Privileg, vorzeitige Versionen zu sehen und Anregungen zu äußern. „Wann wird es gesendet?“, fragte Beatrice Ungar und machte Werbung für uns in der Hermannstädter Zeitung. Am Vorabend der Premiere wurde fieberhaft bis um 4 Uhr morgens am Material geschliffen und Günther Melzer blieb wach, um die Gigabytes aus Mühlbach zu empfangen und die Premiere auf dem YouTube-Kanal von Siebenbuerger.de vorzubereiten. Rechtzeitig am 24. Dezember war der Gottesdienst fertig. Link zum VideoDas Video des Weihachtsgottesdienstes „Von Daheim für Daheim“ Im Predigtwort des Propheten Jesaja im 11. Kapitel ist von der Hoffnung die Rede, die neue Lebenskraft schenkt. Weil Gott und der Mensch sich im Licht der Geburt von Bethlehem gefunden haben, weil wir durch die Menschwerdung Christi zu Erben der Verheißung geworden sind, wird uns die Freude zum Imperativ. Wir selbst erfuhren sie während der Dreharbeiten. Unser Wunsch war es – ich meine, dies im Namen aller Mitwirkenden behaupten zu dürfen –, dass wir mit diesem Gottesdienst eine grenzüberschreitende Gemeinschaft stiften, dass wir in manchem Wohnzimmer zumindest ein bisschen Weihnachtstimmung erzeugen konnten, dass wir uns in Deutschland und Siebenbürgen in dieser Form nähergekommen sind. Und dass wir ein bisschen Medizin gegen Corona verbreiten konnten, in Form von – Sie wissen schon – Hoffnung. Zu sehen ist der Gottesdienst unter https://www.youtube.com/watch?v=zvmVYJNyt5A.

Alfred Dahinten

Schlagwörter: Weihnachten, Gottesdienst, EKR, Verband, Siebenbuerger.de, Karpatenblech, Trio Saxones, Kerz

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