9. Februar 2021

Ausstellung „‚… skoro damoi!‘ Hoffnung und Verzweiflung“ verlängert

Anlässlich des Gedenkens an den 75. Jahrestag des Beginns der Deportation der Siebenbürger Sachsen zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion präsentiert das Siebenbürgische Museum Gundelsheim bis zum 15. August die Ausstellung „‚… skoro damoi!‘ Hoffnung und Verzweiflung. Siebenbürger Sachsen in sowjetischen Arbeitslagern 1945-1949“.
Cover des Ausstellungskatalogs ...
Cover des Ausstellungskatalogs
„Die russischen Frauen, wenn [sie] uns unterwegs begegneten und Mitleid mit uns hatten, sagten uns immer wieder ,Scoro‘, bald könnt ihr wieder heim. [...] An allen Enden, oft durch Fantasie, kamen diese Nachrichten zustande vom baldigen Heimfahren [..] aber die Hoffnung stärkte uns zum Kämpfen gegen den Hunger, Krankheit und Heimweh.“ (Theresia K., Großpold/Lager Ceasow Jar).

Das „Skoro damoi!“, das stetig wiederkehrende Versprechen „Bald geht’s nach Hause!“ an die aus Siebenbürgen Verschleppten, verdichtete sich in den Lagergemeinschaften im Donbass, im Ural und in Sibirien anfangs zur Chiffre von kräftemobilisierender und lebenstragender Hoffnung. Später wurde es, als propagandistisches Heimkehrgerücht der Sowjets entlarvt, zum Ausdruck von Enttäuschung, Resignation oder sogar Verzweiflung.
Frauen in Arbeitskleidung – Pufaika und Schapka. ...
Frauen in Arbeitskleidung – Pufaika und Schapka. Fotografie, Donbass, 1947/48. Foto: © Siebenbürgen-Institut, Gundelsheim
Die Ausstellung präsentiert das Thema auf drei wichtigen Ebenen. Wie der Titel es verdeutlicht, eröffnen original erhaltene Tagebücher, spätere Lebensberichte und Interviews mit ehemaligen Deportierten sowie zahlreiche Briefe und Fotografien aus den Lagern Interessierten einen Zugang auf emotionaler Ebene. Die darin geschilderten Geschehnisse spiegeln sowohl die persönliche Not und den täglichen Überlebenskampf als auch die große Solidarität und Menschlichkeit unter vielen der Verschleppten.
Anne Hildegard Binder im Lager 1023 in Petrovka. ...
Anne Hildegard Binder im Lager 1023 in Petrovka. Fotografie, April 1949, Privatbesitz. Foto: © Bildarchiv Siebenbürgisches Museum
Auf einer zweiten Ebene werden die historischen Fakten in chronologischer Reihenfolge der Ereignisse als Folge des Zweiten Weltkriegs wiedergegeben. Sie sind eingebettet in die wirtschaftlich-politischen Lebensbedingungen in der russischen Nachkriegsgesellschaft, die ihrerseits geprägt war von den Kriegszerstörungen durch die Invasion deutscher Truppen, von den stalinistischen Säuberungen und der bolschewistischen Misswirtschaft mit ihren massiven Hungersnöten und Repressalien. Die Aushebung und Zwangsverschleppung der Siebenbürger Sachsen in die Sowjetunion 1945 bis 1949 war Teil von viel umfangreicheren sowjetischen Kriegsreparationsmaßnahmen, die die gesamte Bevölkerung so genannter „deutscher Volkszugehörigkeit“ aus den fünf osteuropäischen Staaten, die nach dem Zweiten Weltkrieg unter sowjetische Militärkontrolle geraten waren, im Blick hatte. Aufgrund des Beschlusses des Staatskomitees für Verteidigung der UdSSR vom 15. Dezember 1944 und des Geheimbefehls 7161 wurde „die Mobilisierung und Internierung aller arbeitsfähigen Deutschen – Männer im Alter von 17 bis 45 Jahren, Frauen von 18 bis 30 Jahren –, die sich auf den von der Roten Armee befreiten Territorien Rumäniens, Jugoslawiens, Ungarns, Bulgariens und der Tschechoslowakei befinden, sowie deren Verbringung zur Arbeit in die UdSSR“ angeordnet und vollzogen.
Essgeschirr aus Konservendosen. 1945-47, Lager ...
Essgeschirr aus Konservendosen. 1945-47, Lager Almasna/Almasnaja, Siebenbürgisches Museum. Foto: © Siebenbürgisches Museum (M. Lörz)
Etwa 70 000 Deutsche in Rumänien wurden ab dem 13. Januar 1945 in die Arbeitslager der Bergwerksregionen im Donezbecken, des Ural und Westsibiriens verschleppt, darunter knapp 30 000 Siebenbürger Sachsen, wovon etwa 12 % dem Hunger- und Erschöpfungstod zum Opfer fielen.
Stopfpilz. 1946 hergestellt als ...
Stopfpilz. 1946 hergestellt als Weihnachtsgeschenk in einem Lager in Enakievo. Siebenbürgisches Museum Gundelsheim. Foto: © Siebenbürgisches Museum Gundelsheim (M. Lörz)
Auf der dritten Präsentationsebene der Ausstellung lassen geschichts- wie geschichtenbeladene Objekte die damaligen Geschehnisse im wahrsten Sinne des Wortes greifbar und damit begreifbar werden. Diese Gegenstände legen Zeugnis ab von den dramatischen Umständen der Aushebung, dem menschenunwürdigen Transport in Viehwaggons im Winter, von Hunger, Diebstahl und Verrat, aber auch von Freundschaften und menschlicher Hilfe unter den Bedingungen eines Lagerlebens an der Grenze der existentiellen Bedrohung. Sie zeichnen ein erschütterndes Bild vom Arbeitsleben und den vielen tödlichen Unfällen in den Kohlegruben und Eisenhütten. Oft offenbaren sie ein emotionales Bild von der russischen Zivilbevölkerung und den Erkenntniswegen der Deportierten, die das Stereotyp vom „schlechten Russen“ auf vielfältige Weise widerlegen und die „Schicksalsgemeinschaft mit diesem geknechteten Volk“ (P. Sch. aus Alzen im Lager Enakievo 1) betonen. Sie bezeugen in ergreifender Weise den allgegenwärtigen Tod, aber auch das Bedürfnis der jungen Menschen nach Zuneigung und Liebe, nach Kultur und kreativer Betätigung. Schließlich dokumentieren sie die Heimkehr nach Siebenbürgen und die „Verstreuung der Heimkehrer in Deutschland, Österreich, Kanada …“ sowie die Integration der Rückkehrer in die kommunistische Gesellschaft Rumäniens nach 1949.
Maisstrunk, getrockneter Strunk eines halbierten ...
Maisstrunk, getrockneter Strunk eines halbierten Maiskolbens, Lager in Kadijevka/Woroschilovgrad, aufbewahrt als Erinnerung an die Deportation, 1945-1949. Siebenbürgisches Museum Gundelsheim. Foto: © Siebenbürgisches Museum (M. Lörz)
Die Ausstellung ist eine Kooperation mit dem Haus der Geschichte Dinkelsbühl und dem Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland. Das Ausstellungsprojekt wird gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien und den Verein zur Förderung des Siebenbürgischen Museums Gundelsheim.
Feld-Essbesteck. Löffel mit angenieteter Gabel, ...
Feld-Essbesteck. Löffel mit angenieteter Gabel, im Gebrauch im Lager 1045 Trudovskaja/Makejewa, 1945-1949. Siebenbürgisches Museum Gundelsheim. Foto: © Siebenbürgisches Museum Gundelsheim (M. Lörz)
Zur Ausstellung ist im Verlag Renate Brandes ein gleichnamiger Katalog erschienen. In dem reich bebilderten Buch werden auf 312 Seiten die 190 Exponate präsentiert sowie die Forschungsergebnisse der Ausstellung dokumentiert. Der Katalog kann gegen Rechnung für 29 Euro zuzüglich Versandkosten beim Siebenbürgischen Museum (E-Mail: info[ät]siebenbuergisches-museum.de) bestellt werden. Außerdem ist der Katalog im Buchhandel und direkt über den Verlag Renate Brandes (www.brandes-verlag.de) erhältlich.

Aufgrund der Corona-Pandemie informiert die Homepage des Siebenbürgischen Museums (www.siebenbuergisches-museum.de) tagesaktuell über die Öffnungszeiten sowie -bedingungen der Ausstellung. Wegen der aktuellen Lage wird die Ausstellung bis zum 15. August verlängert.

Schlagwörter: Russlanddeportation, Geschichte, Zweiter Weltkrieg, Ausstellung, Gundelsheim, Siebenbürgisches Museum

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