6. Mai 2021

Franz Heinz fabuliert über den Banater Maler Franz Ferch

„er schreibt“. Diese beiden „kleingeschriebenen“ Worte haben Franz Heinz’ Landsmann und jüngerem Kollegen Richard Wagner schon 1972 ausgereicht, das „Porträt eines rumäniendeutschen Lyrikers“ zu zeichnen, und es ist anzunehmen, dass sich ersterer, wiewohl der Gattung nach kein Lyriker, den einfachen Satz des letzteren nicht ohne einen gewissen Stolz zu eigen gemacht hat. Nun sind sie beide längst nicht mehr „rumäniendeutsch“, aber die lapidare Formulierung trifft nach wie vor auf beide zu, mehr vielleicht als auf viele andere. Und das ist durchaus ein Gütezeichen.
Franz Heinz erzählt, kommentiert und sinniert auch in seinem zweiundneunzigsten Jahr unverdrossen weiter, Unverdrossenheit und Unverdrießlichkeit sind bei ihm Programm. Als zugewandter Kritiker und überzeugter wie überzeugender Laudator hat er vielen bildenden Künstlern zu einem Bild in der Öffentlichkeit verholfen, wie sie selbst es nicht hätten gestalten können, und nun setzt der Erzähler Franz Heinz dem Banater Maler Franz Ferch – nein, kein Denkmal, beiden ging und geht jeglicher Hang zur Feierlichkeit ab, vielmehr ein Mal zum Denken, Lesen, Lernen und Schauen, auch zum Schauenlernen. Er hat einen Künstlerroman geschrieben, wohl eingedenk der imposanten Ahnenreihe von Schriftstellern, die solches unternommen haben. Aber er hat, wohl gerade dessen eingedenk, eben keinen „Künstlerroman“ geschrieben, sondern schlicht ein Buch über seinen malenden Landsmann, dem er nicht nur nahe ist, sondern nahe kommt mit seinen fein gestrichelten Sätzen, die zumal das Titelbild des Buches evozieren.
Franz Heinz. Foto: Franziska Heinz ...
Franz Heinz. Foto: Franziska Heinz
Künstlerroman – „Künstlerroman“. Franz Heinz schwingt sich nicht auf zu literarhistorischen Referenzen, er schreibt schlicht ein Buch über diesen Franz Ferch, einen Mann in und zwischen den Weltkriegen, der in all den Existenzkrisen das Malen nicht gelassen hat. Das Buch sei „nicht vordergründig als Biografie des Malers … zu verstehen“, allerdings gerät man auch nicht in derlei Verlegenheit, denn man liest den bewährten Franz Heinz mit seinem verhaltenen Ton, mit seiner eloquenten Bescheidenheit, und man weiß: Hier ist einer, der will niemandem etwas vormachen. Auch nicht, wenn er fabuliert, denn das tut er in seiner Geschichte über Lerch, wie der Protagonist heißt, zu seiner und der allgemeinen Erbauung mit Fleiß.

Und just dabei findet etwas statt, das man als einmalig nicht bezeichnen mag, dazu fehlt unsereins die Gemeinbildung, als solches empfinden kann man es gleichwohl. Ein Schriftsteller, offenkundig dem Bildnerischen zugewandt, erzählt Kunst. Wer Franz Ferchs Bilder auch nur einmal gesehen hat, liest Franz Heinz’ Geschichte über den Maler Lerch mit offeneren Augen, und wer sie gelesen hat, wird die Bilder mit anderen, gleichfalls offeneren Augen betrachten. Das Drama der Krähen, deren Nester mit der frisch geschlüpften Brut von der Feuerwehr mit der Spritze zerstört werden, gipfelt im Bekenntnis: „Ich werde sie malen. … Bilder voller Unruhe und Lärm werden es sein, Herdrauch im Geäst, in der Luft ihr heiserer Schrei.“ Die Geschichte von der Entstehung des Mädchenbildnisses „‘s Zusi“ ist verbunden mit der Schilderung von Hochdorf mit den vier Kirchtürmen, katholisch, evangelisch, reformiert, orthodox, wo Lerch seinen Frontkameraden Heckl besucht. Die zahlreichen Genrebilder aus dem Dorfleben, von Bauern und bäuerlichem Tun, sind jeweils geerdet – hier durchaus im Wortsinn zu verstehen – mit anschaulichen Sprachbildern: „Das volle Körpergewicht auf die Pflughörner gestützt, schritt er in der Furche, ohne Blick für die Welt hinter dem eigenen Acker … Lerch hätte in diesem Sommer dennoch sein wollen wie der Mann hinter dem Pflug, hingegeben an das, was zu verrichten war.“

Es sind sparsam, ja karg, aber umso eindrucksvoller skizzierte Szenen aus einer Welt, der ihre „Endzeit“ schier eine gewisse Weihe verleiht, ob die einer Beerdigung, eines sommerlichen Badetags am Fluss oder eines Sonntags in der Kreisstadt Arad: „Kellner umschwirrten wie jagende Uferschwalben die weißen Gartentischchen, Offiziere präsentierten sich selbst und die Damen an ihrem Arm, alte Herren krümmten sich übers Schachbrett oder versanken hinter den Seiten der Sonntagszeitung.“ Man muss es nicht gesehen haben, um sich hineinlesen, ja -leben zu können.

Franz Heinz fantasiert, imaginiert, bleibt dabei aber stets freiwillig einer Wirklichkeit verbunden, ja verhaftet, die er aus einer verflossenen Welt ins Gedächtnis gerettet hat und nun ins Bewusstsein des Lesers zu heben sucht. Es ist eine von Kriegen gebeutelte, von sozialen und nationalen Gegensätzen zerrissene und doch an der Oberfläche scheinbar integere, ein ­gewisses Gleichmaß wahrende Wirklichkeit, in der Kultur und Kunst ihre Ausnahmestellung noch behaupten müssen und keinerlei Selbstverständlichkeit genießen. Der nur bei seinem Nachnamen genannte Bürgersohn entzieht sich zum Leidwesen seiner Familie der „besseren“ Schicht, in die er hineingeboren ist: „Er aber zog die Hütte am Fluss vor und hatte als Maler nicht nur eine brotlose Kunst gewählt, sondern sich auch, was zusätzlich schmerzte, endgültig von der gehobenen Gesellschaft verabschiedet.“

Der Fluss trägt keinen Namen, ist aber leicht zu erkennen – auch anhand der multinationalen Anwohner im ehemals habsburgischen, nunmehr rumänischen Banat. Es sind dies schwäbische Bauern, deutsche oder im Zug der Kriegszeit „eingedeutschte“ Kleinbürger, rumänische Sandausheber und Flößer aus dem gebirgigen Motzenland, ein durch den Nachkrieg „großrumänisch“ ideologisierter Museumsdirektor, ungarische Wassermüller, schließlich ein serbischer Wirt. Dieser schenkt einen übernationalen Schnaps aus, „der ihnen allen, unabhängig vom jeweiligen Popen, im gleichen Maße die Würde ausdünnte“, und pflegt eine ebenso „hinternationale“ (Johannes Urzidil), kritische Sicht auf das Völkergemisch. „Es war dieses Endgültige, das Jowan den Schwaben übel nahm. … ‚Sie denken nur geradeaus‘, bemängelte er, ‚und halten sich das zugute, als wären sie dazu auserlesen. Sie sind …‘, Jowan zog die Augenbrauen schräg, ‚… ja, was meinen die denn, wer sie sind im Lande, eigentlich und überhaupt?‘“

Mitten- oder eher zwischendrin der Künstler, der sie alle und ihre Landschaft malt. Als er einem als Tennmann bezeichneten Altknecht dessen Porträt schenken will, lehnt dieser ab: „‚Ihr habt mich gut getroffen, Herr‘, wiederholte der Alte, ‚aber ich könnt’s mir nicht Tag für Tag ansehen. Immer nur mich, und immer müd.‘“ Soweit die Worte des Landmanns zur Kunst. Lerchs Bruder Andrasch steuert kleinformatige Aquarelle bei und bestärkt ihn in seinem Außenseitertum. Dieses nimmt von der Dorföffentlichkeit als anstößig empfundene Ausmaße an, als er die Tochter eines Rumänen heiratet und die Hochzeit ausgerechnet mit dem Geld ausrichtet, das ihm bei einer deutsch-völkischen Ausstellung in der Kreisstadt für seine monumentalen Bauernbilder als Preis zuerkannt worden ist. Andererseits malt er die Kuppel der katholischen Kirche mit Motiven der schwäbischen Siedlungsgeschichte aus, auch da eher zum Missfallen der vermeintlichen Nutznießer: „Ein mit hohen Kosten verbundenes künstlerisch ausgeschmücktes Gotteshaus lief der religiösen Genügsamkeit der Bauern zuwider.“
Die ganze Wirrnis der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ballt sich in diesem Schicksal, allerdings ist Franz Heinz kein Dramatiker, ein Dramatisierer schon gar nicht. Gelassenheit und Verhaltenheit sind die Grundzüge seiner Erzählkunst, die sich nie über den „gewöhnlichen“ Gegenstand erhebt, sondern sogar darauf angelegt ist, dessen Gewöhnlichkeit zu feiern: „Aber das Land blieb gewöhnlich und bestenfalls von heiterer Genügsamkeit. War das sein eigentlicher Schatz, dass es nicht glänzte und nicht aus den Angeln sprang?“ Just das wiederum ist der eigentliche Schatz der Prosa von Franz Heinz. Sie „trägt“, fernab jeder ländlichen Idylle oder Heroisierung. Sie trägt die Mühen der bäuerlichen, der dörflichen Existenz: „… das Land ist so viel wert, wie der Pflug ihm abfordert. Das macht den Bauern stark und geradlinig im Denken. Seine Schläue verbraucht er auf den Jahrmärkten und beim Kartenspiel – beim Pflügen helfen keine Tricks. Es gilt das Innerste.“ Oder: „Das Dorf trägt dich und vernichtet dich“. Und sie trägt die Zweifel und Grübeleien des Künstlers: „… die Freiheit des Künstlers geschieht ohne Vorankündigung und ist ohne große Geste. Sie ist immer eine Freiheit der Genügsamkeit. Jedes Engagement hebelt dich aus.“ So gilt ein für allemal: „Lerch aber wollte ein Bild, das keine Phrase zuließ und ohne Pathos auskam.“ Darsteller und Dargestellter als Brüder im Geiste.

Zur „Freiheit der Genügsamkeit“ kommt hier der scharfe Blick für die Einzelheiten, in denen man das Ganze erkennt, wenn man sie richtig betrachtet: Lerch gerät an die Front des Zweiten Weltkriegs, allerdings nicht bis nach Stalingrad, weil die Ochsengespanne vor den Artillerielafetten so langsam sind. Vor dem fatalen Auftrag, ein lebensgroßes Göring-Bildnis zu malen, rettet ihn ein Fahrradunfall. Hier zwinkert der Erzähler, aber niemals von oben, niemals mit überlegener Ironie oder Häme. Er weiß vielmehr auch diese Szene mit einem bewegten Bild einzuleiten: „Der schmale, von Erdhökern und Gräben durchzogene Weg durchbrach Hecken und holperte aufgebrochene Brachen entlang, schlängelte durch Bauminseln, umrundete Brandstellen und stürzte in alte Flussrinnen ab, als hätte er sich vorgenommen, allen Ärger der Welt zusätzlich zu verhärten.“

Verhärtungen kennt Franz Heinz nicht, die Härten seiner Erzählung sind stets und nur jene des Gegenstands, ihnen aber ist er gewachsen. Ein jeder, der einen Bezug zu jenen „endzeitlichen“ Landschaften hat, weiß etwas anzufangen mit der Reaktion des Malers auf die Aktion der Feuerwehr gegen die Krähen. Wenn man das richtig liest, dann hört und sieht und riecht man viel, ja dann weiß man auch, dass es so etwas gibt wie erzählerische Weisheit, die ihre Kraft nicht aus prophetischen Gaben, sondern gleichsam beiläufig aus der Sprache bezieht: „Niemand weiß jedoch, wie langlebig das Gedächtnis der Krähen ist und was sie weitergeben an die Nachkommen. Eines Tages könnten sie, im Hass geeint, über uns herfallen, und unsere Flinten, die sie heute noch verscheuchen, könnten nichts gegen sie ausrichten. Es wird nicht zählen, ob einer beim Morden dabei war oder nur zugesehen hat.“

Georg Aescht



Franz Heinz: „Endzeit“. Roman. Pop Verlag, Ludwigsburg, 2021, 249 Seiten, 19,50 Euro, ISBN 978-3-86356-304-2

Schlagwörter: Heinz, Roman, Buchbesprechung, Aescht, Banater, Maler

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