30. August 2021

Hans Blahm: Vom Büffelkalb, grauen Buntstiften und listigen Endörfer

Das Buch mit dem dunkelgrünen Einband liegt gewichtig in der Hand und zeigt auf dem Titelblatt den Blahm Großvater mit Büffelgespann. Es liest sich leicht und nicht selten ruft der Autor ein Lächeln in das Gesicht des Schreibers dieser Zeilen, manchmal aber auch Nachdenklichkeit. Es ist das Erstlingswerk von Hans Blahm, einem gebürtigen Seidner, Jahrgang 1938, der seit 1970 in Eberwalde in der ehemaligen DDR lebt. Ermutigt von seinen Kollegen aus der Geschichtenschreiber AG in Eberswalde, hat er zur Feder gegriffen, um die „Hin- und Herkunft“ zwischen seinen drei Heimaten (Siebenbürgen, DDR und vereintes Deutschland) festzuhalten.
Aber Hans Blahm möchte auch in seinem Umfeld auf die wechselvolle Geschichte der Siebenbürger Sachsen hinweisen, „bevor sie sich hier in Deutschland in der Mehrheitsgesellschaft, als Randvölkchen und Fossil der deutschen Geschichte und Sprache, ganz aufsaugen lassen und hinter dem Vorhang der Neuzeit für immer verschwinden werden“.

Zu Beginn nimmt Hans Blahm den Leser mit auf eine kurze Reise durch die über 800-jährige siebenbürgisch-sächsische Geschichte und verknüpft die vielen Kindheitserinnerungen aus den 1940er Jahren zu einem spannenden Einführungskapitel. Der 2. Weltkrieg und seine Folgen haben auch in Blahms Familie gewütet und ihn früh elternlos gemacht. Als kleiner Bub war er Augenzeuge des dunklen Januar 1945. Er erinnert sich, wie seine Mutter ihm kurz vor ihrer Deportation noch zugerufen hat, er solle ein gutes Schulkind sein und sie werde ihm von ihrer großen Reise Buntstifte mitbringen. Die Buntstifte hat der kleine Bub letztendlich nie erhalten.

Die folgenden Geschichten erzählen von Lausbubenstreichen in einer beinahe intakten dörflichen Gemeinschaft, die jedes siebenbürgische Herz höher schlagen lässt. Blahm berichtet vom Herumtoben mit den Nachbarskindern, wie er mit anderen Jungen einen Riesenkürbis stehlen wollte, unter welchen Umständen er Stalins Bücher geschenkt bekommen hat und von wem er das königliche Spiel gelernt hat. Dem Autor gelingt es gut, die biographischen Elemente mit historischen Fakten zu verknüpfen. So erzählt er von seinen Zugfahrten und berichtet ganz nebenbei, wie er die Mondlandung vor mittlerweile 52 Jahren vor einem kleinen Bildschirm auf dem Bahnhof in Simeria verfolgte.

Hunedoara (dt. Eisenmarkt, ung. Hunyad), die aufstrebende Industriestadt im kommunistischen Rumänien, spielt in den Erzählungen von Hans Blahm eine wichtige Rolle, weil es ihn nach seinem Abitur in Mediasch hierher verschlagen hat. Hier hat er begonnen zu arbeiten, hat studiert und dann wieder gearbeitet. Ein Zuhause hat er bei den Hennings in der Piaţa Libertăţii gefunden. Eine spannende Erfahrung für den jungen Hans Blahm war sicher der Besuch von Nikita Chruschtschow. Er schildert eindrucksvoll, welchen Aufwand die rumänische Propagandamaschinerie betrieb, um den Besuch des Chefs der KPdSU zu inszenieren.

Der Übergang von den siebenbürgischen Geschichten zu den Eberswalder Anekdoten kommt plötzlich, und der interessierte Leser wähnt sich im Eberswalde der 70er Jahre, wohin es Hans Blahm durch die Heirat geführt hat. Die lesenswerten Geschichten geben Einblick in die Arbeitswelt der damaligen DDR. So erzählt der Autor detailliert von dem Auftrag eines Ministers, einen Taschenrechner mit Radio zu entwickeln, und mit welchen Schwierigkeiten er in der Plan- und Mangelwirtschaft zu kämpfen hatte.

Hans Blahm ist als Karikaturist und Lesebriefschreiber der Märkischen Oderzeitung (MOZ) bestens bekannt, hat kommunale Missstände aufgespießt und einige Impulse gesetzt, die von der Lokalpolitik dankbar aufgegriffen wurden. Von ebendieser MOZ wird er als liebenswerter Spötter mit spitzem Stift bezeichnet und das Porträt, das in diesem Zusammenhang vom ihm erschienen ist, hat nicht nur seinen Bekanntheitsgrad erhöht, sondern ihn auch mit anderen Siebenbürgern in Austausch gebracht.

Blahm bezeichnet sich selbst als besten integrierten Zuwanderer in Eberswalde. Erfolgsfaktoren für eine gelungene Integration sind seiner Meinung nach nicht nur die deutschen Sprachkenntnisse, sondern vor allem auch die Einstellung eines jeden Zuwanderers und dessen Bereitschaft, einen Beitrag für die hiesige Gesellschaft zu leisten.

Auch nimmt der Autor den Leser mit auf die Leipziger Buchmesse 2009, dem Jahr, in dem die „Atemschaukel“ erschienen ist und Herta Müller den Nobelpreis für Literatur bekommen sollte. Hans Bahm besucht übrigens regelmäßig die Leipziger Buchmesse und ist dabei nicht nur einmal dem Lockruf der Bücher erlegen.

In den Eberswalder Geschichten spielt seine siebenbürgische Herkunft eine entscheidende Rolle. Ob der rege Austausch über Hetzeldorf der iranischen Familie letztendlich die gewünschte Aufenthaltsgenehmigung beschert hat, lässt der Autor offen.

Aber bezüglich der Zukunft unseres Völkchens und ob und wann wir in der Mehrheitsgesellschaft aufgehen werden, da möchte der Schreiber dieser Zeilen es mit dem listigen Herrn Endörfer halten: „Es wird schon besser, Herr Endörfer!“ Haha!

Jürgen Binder

Hans Blahm: „Hin- und Herkunft“. Biographische Episoden, Skizzen und Spitzen aus Siebenbürgen und Brandenburg. Verlag Books on Demand, Norderstedt, 2021, 424 Seiten, 16,80 Euro, ISBN 978-3-75267-273-2, zu beziehen im deutschen Buchhandel.

Lesen Sie auch:

Hans Blahm mit einem Auszug aus seinem Erstlingswerk in der Reihe „Lebendige Worte“ (XIV), SbZ Online vom 11. Juni 2021

Schlagwörter: Literatur, Blahm, Kokeltal, Eberswalde, DDR

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