15. Januar 2022

„Eine Ikone gibt den Schlüssel ab – eine Ära geht zu Ende“: Die Kunst- und Dokumentensammlerin Antje Krauss-Berberich hört auf

So lauteten kürzlich einige Überschriften in der Presse des Landkreises Ebersberg. Sie zeigen das Bedauern über den Entschluss der Stadtarchivleiterin Antje Krauss-Berberich, welche nach 30-jähriger Tätigkeit im Rathaus der Kreisstadt ihr Angestelltenverhältnis löste: mit 81 Jahren.
Der Ebersberger Bürgermeister Uli Proske dankte ...
Der Ebersberger Bürgermeister Uli Proske dankte der scheidenden Archivleiterin Antje Krauss-Berberich für 30 Jahre Angestelltenverhältnis mit einem Blumenstrauß und dem goldenen Ehrenamtszeichen. Foto: Susanne Giesl
Heißt das nun, dass sie das gesamte Wissen und die Erfahrungen der Jahrzehnte ad acta legen wird? Wohl nicht. Denn zum gleichen Datum kündigte die historisch Interessierte das Erscheinen eines großen Beitrags an im Jahrbuch des Historischen Vereins (deren Mitbegründerin sie ist) über das Wirken eines gebürtigen Ebersbergers, eines „Weltpredigers mit Revolutionspotenzial“, der ab 1780 als Priester schriftlich die Missstände und das unchristliche Verhalten in den christlichen Einrichtungen offenlegte. Noch heute ist das Thema aktuell.

Antje Krauss-Berberich wurde am 21. Mai 1940 in Kronstadt in die Fabrikantenfamilie Seewaldt geboren. Ihre Eltern waren Rita Krauss-Seewaldt und der Schauspieler Hans Krauss. Sie wird ihre Wurzeln nie vergessen. Das Leid der Enteignung 1948, die Unterdrückung vormaliger Wohlhabender – gebrandmarkt als „Faschisten“ – von Seiten des rumänischen Staates und der Securitate, prägte sie und ihr späteres Handeln. Als Basketballspielerin, bei der Voinţa Brașov neben ihrer berühmten Schwester Hannelore Krauss-Spiridon, konnte sie durch die „supraali­men­taţie“ (Essensgutscheine für Sportler) die zeitweilige Nahrungsmittelknappheit überbrücken. 1972 ausgesiedelt, nahm sie sich nach kurzer Fußfassung erst in München, dann durch Heirat nach Ebersberg Bedürftiger, Obdachloser und Flüchtlingen an.

Landrat Robert Niedergesäß verabschiedet ...
Landrat Robert Niedergesäß verabschiedet Archivleiterin Antje Krauss-Berberich. Foto: Evelyn Schwaiger
Kurz nach Übernahme des Stadtarchivs 1994 im historischen Rathaus in Ebersberg entdeckte Antje Krauss-Berberich ihre Berufung zu ihrem zweiten Standbein, der Kunst. Ein langer, gewölbter, mit edlem Parkett belegter Gang, dessen schöne Holztüren zu einigen Büros führen, erklärte sie kurzerhand zur Galerie, bestückte sie mit entsprechenden Vorrichtungen und ahnte nicht, dass sie innerhalb von 30 Jahren rund 300 Ausstellungen kuratieren sollte. Dass davon die Galerie möglichst jährlich für siebenbürgische Künstlerinnen und Künstler freigehalten wird, war selbstverständlich. Helfried Weiß, Michael Lassel, Renate-Mildner Müller, Marianne Ganea, Kaspar Teutsch, Alexandra Vassilikian u.v.a. empfing sie im Rathaus. Unvergesslich auch für die Bekanntmachung unserer Ethnie im Landkreis Ebersberg war eine Präsentation auf drei Stockwerken über Geschichte, Literatur, Kunst und Brauchtum der Siebenbürger Sachsen: als Tag- und Nacht-Hingucker zog die Besichtigung durch riesige Schaufenster einer siebenbürgischen Bauernstube mit entsprechenden Schaufensterpuppen in Tracht, an. Als Ehrengast und Festredner zur Eröffnung konnte die Kuratorin der Ausstellung Dr. Bernd Fabritius, damals Bundesvorsitzender des Verbands der Siebenbürger Sachsen in Deutschland, empfangen.

Als Sammlerin von historischen Gebrauchs- und sonstigen Gegenständen, Nachlässen (Erbschaften von Kurt Heuser, Manfred Bergmeister, Otto Dressler) und Dokumenten von und über Ebersberg hat Antje Krauss-Berberich über 3000 Gemälde, Zeichnungen und Skizzen von ehemaligen Ebersberger Künstlern (gelebt im Zeitraum 1800-1980) akquiriert. Ihr Wirken auf diesem Gebiet ist im Landkreis einmalig, sie prägte damit Ebersberg zur Kunststadt schlechthin. Dass sie neben ihrer Festanstellung über 15 000 ehrenamtlich geleistete Stunden notieren kann, sagt sie nebenbei. Dafür und auch für ihr soziales Engagement erhielt die Kronstädterin neben vielen Ehrenbezeichnungen die Bundesverdienstmedaille der Bundesrepublik Deutschland. Wir wünschen der außerordentlich sportlichen und positiv denkenden Landsmännin weiterhin lebendigen Forschungs- und Entdeckerin-Geist. Wie versprochen, wird sich Antje Krauss-Berberich ab sofort intensiv mit Kronstädter Erinnerungen befassen und diese für uns niederschreiben. Auf ein Neues!

Ulla van Erckelens-Bock

Schlagwörter: Krauss-Berberich, Kultur, Rathaus, Galerie, Ebersberg, Ausstellungen, Kronstadt

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