27. März 2022

Die Akte Sokrates

Gespräch zwischen dem Schriftsteller Hellmut Seiler und dem Theaterregisseur Ioan C. Toma
Hellmut Seiler: Unter unfreiwillig geänderten Vorzeichen findet heute dieses Gespräch zwischen uns statt; nach einer längeren Zeit vermeintlichen Friedens und der Selbsttäuschung erleben wir erneut das Unvorstellbare, das wir aus unserer Vorstellungswelt ausgeschlossen wähnten, das Unbegreifliche, das wir in Europa aus unserem Begriffsrepertoire getilgt hatten; allein schon den Gedanken an das absolut Böse und Verwerfliche hatten wir uns angewöhnt zu verwerfen. Nun aber ist es da, vor der Tür, und ich frage dich: lässt sich das Unfassbare in Worte fassen? Und: wie kann uns Sokrates deiner Ansicht nach helfen, mit offensichtlichem Unrecht umzugehen?

Ioan C. Toma: Zu dieser Frage ein Zitat aus dem „Dialog Gorgias“: „Polos: Du also wolltest Unrecht leiden lieber als Unrecht tun?
Sokrates: Ich wollte wohl keines von beiden; müsste ich aber eines von beiden, Unrecht tun oder Unrecht leiden, so würde ich vorziehen, lieber Unrecht zu leiden als Unrecht zu tun.“
– Wenn ich Sokrates richtig verstanden habe, so würde er jetzt die Ukraine und ihre Hoffnung auf Demokratie verteidigen, so wie er auch für Athen gekämpft hat. Als russischer Soldat aber den Dienst verweigern, wie er es auch in Athen zur Zeit der Regierung der 30 Tyrannen getan hat, mit allen Konsequenzen.
Hellmut Seiler (rechts) und Ioan C. Toma im ...
Hellmut Seiler (rechts) und Ioan C. Toma im angeregten Gespräch. Foto: Éva Seiler-Iszlai
Wie um alles in der Welt kommt man als aufgeklärter mitteleuropäischer Theatermann des 21. Jahrhunderts ausgerechnet auf Sokrates? Es gibt schließlich kein einziges schriftliches Zeugnis von ihm, und als spannungsgeladene Biografie lässt sich seine ja doch eher undramatische Lebensgeschichte wohl kaum bezeichnen…

So völlig undramatisch, spannungslos, war sein Leben, das immerhin mit einem Todesurteil endete, eigentlich nicht. Hier geht es um einen brisanten Fall; Philosophie – Liebe zur Weisheit! – ist offenbar gefährlich und jedenfalls nichts Abstraktes; kein Zeitvertreib für Schöngeister, sondern ein Ausdruck des Lebens bis hin zum Tod. Sokrates überspannt häufig den Bogen, reizt seine Gesprächspartner, beweist ihnen, dass sie nicht wissen, wovon sie sprechen; das Resultat ist Drohung, Aggression, letztlich Anklage vor Gericht. Das Urteil nimmt Sokrates gelassen entgegen und bleibt seinem Prinzip, das Wahre und das Gute zu suchen, treu, und müsste er „noch so oft sterben“. Sokrates ist ein Philosoph der, wie du erwähnt hast, nichts Schriftliches hinterlassen hat, er hat sich auf der Straße mit den Menschen ausgetauscht, wir wissen nicht, was Sokrates gesagt und was Platon hinzugedichtet hat. Um diesem Dilemma zu entgehen, habe ich zu einem Kunstmittel gegriffen: ich habe mir einen Dialog vorgestellt, in dem sich die beiden an frühere Gespräche erinnern. In unserer Vorstellung ist es ein karikierendes Erinnern, die Kostüme verändern sich quer durch die Zeiten, da Dummheit und Beharren auf Ignoranz leider zeitlos sind.

Was ist das Besondere, Einmalige an Sokrates, das ihn zu einer hervorstechenden Dramenfigur macht?

„Sokrates hat“, schreibt Cicero, „als erster die Philosophie vom Himmel heruntergeholt, in den Städten angesiedelt, sie sogar in die Häuser eingeführt und die Menschen gezwungen, nach dem Leben, den Sitten und dem Guten und Bösen zu fragen.“ Diese Tatsache finde ich, zumindest für seine Zeit, einmalig und hoch dramatisch.

Welche seiner Aussagen hat dich am stärksten berührt oder am meisten überzeugt?

„Gesetzeswidrig handeln aber und dem Besseren, sei es Gott oder Mensch, ungehorsam sein, davon weiß ich, dass es übel und schändlich ist.“ Mit dieser Aussage in seiner Verteidigungsrede, die Gott und Mensch in einem Atemzug nennt, stellt Sokrates die Menschen den Göttern gleich und macht sie damit verantwortlich für ihr Tun; die Entscheidung über Gut und Böse liegt bei den Menschen, bei jedem einzelnen.

Nun heißt es ja aber – viel später natürlich, und in einem gänzlich gewandelten Kontext! – andererseits bei Hannah Arendt: „Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen, laut Kant“. Kant war bekennender Post-Sokratiker. Wie lassen sich – nach deinem Dafür-bzw. Dagegenhalten – diese Aussagen miteinander vereinbaren?

Diese Aussage schließt in gewissem Sinne die Pflicht, in bestimmten Situationen nicht zu gehorchen, Befehle zu verweigern, mit ein. Sokrates hat immer nach dieser Devise gehandelt. Das „Recht, einen Befehl zu befolgen“ macht Unrecht nicht zu Recht und entschuldigt die Handelnden nicht. Noch ein Satz zu der Geschichte dieses Stückes. Mich begleitet dieses Stück seit über 30 Jahren: Uraufführung in den Kammerspielen Linz 1991, dann 2000 in der Reithalle München 2021 im Innenhof der Glyptothek – und jetzt 2022 in den Antikensammlungen. Immer war das Stück auch tagespolitisch aktuell. 2500 Jahre nach Sokrates können wir als Touristen das Weltall besuchen, haben uns aber ethisch wenig bis gar nicht entwickelt, leider. Das klingt alles sehr ernst und moralisch, aber der eigentliche Grund, Sokrates auf die Bühne zu bringen, war für mich sein Witz, seine Ironie, die in allen Dialogen – und seien sie noch so ernst – mitschwingen.

Welche Rolle spielt Xanthippe in eurer Aufführung? Wie schätzt du ihre Rolle in Sokrates‘ Leben ein?

Man erzählt sich, dass die beiden auch Differenzen hatten. Es ist aber bekannt, dass sie die letzte Nacht vor seinem Tod, nachdem er sich von seinen Schülern und Freunden verabschiedet hat, mit ihm verbrachte; das spricht doch sehr für ihre Liebe. In unserem Stück kommt sie zwar nicht leibhaftig vor, wird aber hin und wieder von Sokrates erwähnt, wenn er an seinen Gesprächspartnern verzweifelt.

Was gab bzw. gibt es für technische Besonderheiten dieses Mal in der Glyptothek? Wo genau findet die Vorstellung statt?

Da wir dieses Jahr in einem Innenraum der Antikensammlungen spielen, sind wir wetterunabhängig, leider nicht auch pandemieunabhängig.



„Akte Sokrates“ in München

Akte Sokrates“ von Ioan C. Toma aus den Dialogen Platons in der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher, Aufführungen in der Staatlichen Antikensammlungen, Königsplatz 1, in München; Termine: 19. April bis 8. Mai 2022 täglich (außer Mittwoch) 20.00 Uhr; Vorstellungsdauer ca. 90 Minuten (ohne Pause); Kartenreservierung (ab sofort) telefonisch täglich ab 11.00 Uhr: (01 76) 69 28 89 38; Kartenvorverkauf (ab 22. März) und Abendkasse in den Staatlichen Antikensammlungen, Online-Ticketing unter http://www.morethcompany. de; Preis: 25 Euro, ermäßigt 19 Euro (für Schüler, Studenten und Schwerbehinderte bei Vorlage der entsprechenden Ausweise); Abholung und Bezahlung der reservierten Karten sowie Einlass ab 19.30 Uhr. Die Durchführung steht unter dem Vorbehalt der jeweils gültigen Corona-Verordnungen.

Schlagwörter: Theater, Literatur, Toma, Seiller, Gespräch, München, Glyptothek, Sokrates

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