4. Juli 2022

Die Folgen des Zweiten Weltkriegs für Kronstadt - Persönliche Erinnerungen von Christoph Hannak, in drei Teilen: 2. Errichtung der „Diktatur des Proletariats“ (1945-1949)

(Fortsetzung von Teil 1: Krieg und frühe Nachkriegszeit (1939-1945) Der sowjetische Geheimdienst GPU richtete seine Zentrale in der Villa ein, die zwischen der orthodoxen Kirche auf der Iorgazeile und dem evangelischen Friedhof Anfang Langgasse stand. Deren Keller wandelte man durch Bretterwände in „Gefängniszellen“ um, die so eng waren, dass man darin nicht sitzen oder liegen, sondern nur stehen konnte. Nachts ließ man sich vorne in die Knie und stützte sich hinten mit dem Rücken an die Wand gegenüber. Dort war z.B. der sächsische Verleger T. aus der Katharinengasse inhaftiert, aber auch Frauen, die deutsche Soldaten versteckt hatten.

Schulwesen

Die Kronstädter fragten sich: Was wird aus unseren Schulen? Wird es noch deutsche Schulen geben? Das Schuljahr hätte am 15. September 1944 beginnen sollen, aber nichts geschah. Mit der Zeit engagierten benachbarte Eltern, die gleichaltrige Kinder hatten, privat einen Lehrer, der die Kinder unterrichtete. Die Eltern waren froh, dass ihre Kinder keine Schulzeit verloren, und der Privatlehrer war froh, ein Einkommen zu haben. Die deutschen Schulen begannen dann offiziell erst am 3. Dezember 1944.

Man hatte zudem der Evangelischen Kirche, der die deutschen Schulen und Kindergärten noch unterstanden, alle Gebäude beschlagnahmt, und das Stadtpfarramt wusste nicht, wo man nun Schule halten solle. Die Tuchfabrik Scherg stellte der Kirche den großen Kantinensaal zur Verfügung; er wurde mit Bretterwänden in „Kabinen“ unterteilt, in denen nun die verschiedenen Klassen des Honterus-Gymnasiums Unterricht hatten. In der Blumenau machte der Müller S. einige Räume seiner Mühle für die sächsischen Volksschüler dieses Stadtviertels frei. Im Kassenamt wurde Platz für die Volks- und Mittelschüler der Inneren Stadt geschaffen. Ich hatte den Unterricht der ersten Klasse im 1. Semester in einem Raum der Burzenländer Bauernhilfe, hinten im Hof, und das 2. Semester im Kapitelszimmer des Stadtpfarrgebäudes, wo die Pfarrer des Burzenlandes üblicherweise ihre Sitzungen abhielten.

Die ungarische reformierte Kirche am Rudolfsring ...
Die ungarische reformierte Kirche am Rudolfsring vor dem Abriss, der am 2. September 1963 erfolgte (Postkarte).
Das rumänische Şaguna-Gymnasium stellte später einige Räume für deutsche Volks- und Mittelschüler zur Verfügung. Allerdings hatten die rumänischen Schüler vormittags Unterricht und die deutschen nachmittags. Aus dem alten Honterus-Gymnasium neben der Schwarzen Kirche wurde eine rumänische Berufsschule für Eisenbahner, aus der innerstädtischen deutschen Volksschule beim Waisenhausgässer Tor wurde eine Sportschule und das neue Honterus-Gymnasium am Rossmarkt wurde in ein russisches Lazarett umfunktioniert, wo die sowjetischen Soldaten, im offenen Fenster sitzend, ihre eingegipsten Beine herausbaumeln ließen. In der Mädchenschule entstand 1948 die Forsthochschule, die einzige des Landes. Die Ungarn hatten schon nach dem Ersten Weltkriegs ihre Schulen verloren, etwa ihre Realmittelschule, den später als Meșotă-Lyzeum bekannt gewordenen Bau am Rudolfsring. Nun wurden den Kronstädter Sachsen alle Schulgebäude weggenommen.

Wohnungsnot

Gegen Ende des Krieges verursachten die vielen auch deutschen Flüchtlinge aus Bessarabien und der Bukowina, die sich nach Rumänien gerettet hatten, eine große Wohnungsnot. Neue Ausdrücke wurden modern. Nicht nur das Wort Flüchtling hörte man jetzt immer öfter, sondern auch „requirieren“, „verhaften“, „verstaatlichen“, „Hausdurchsuchung“, „Razzia“ und „defilieren“. Man requirierte einem ein Zimmer der Wohnung, um Flüchtlinge unterzubringen. Man defilierte an den neuen staatlichen Feiertagen, am 1. Mai, am 23. August und am 7. November, und marschierte händeklatschend an der Tribüne am Rudolfsring vorbei. Unschuldige Menschen wurden aufgrund anonymer Anzeigen verhaftet. Und wenn man auf der Straße ging, wurde man plötzlich von einer Razzia gestoppt und musste sich ausweisen, damit festgestellt werden konnte, ob man in Kronstadt wohnt oder dort illegal lebt. Die Wohnungsnot wurde so groß, dass der Ausdruck „pat în familie“ (Bett in der Familie) aufkam. Weil man nicht genügend Zimmer hatte, um eines zu vermieten, genügte es dem Wohnungssuchenden, wenigstens ein Bett zum Schlafen mieten zu können und die Nebenräume mit der Familie des Wohnungseigentümers gemeinsam zu nutzen.

Gefängnis auf dem Schlossberg

Das ehemalige Schloss am Schlossberg war nun Gefängnis. Dort wurde unter anderen Gymnasialprofessor Eugen W. aus der Katharinengasse eingesperrt. Er hatte Wetterkunde als Hobby und mit Politik ganz und gar nichts zu tun. Jemand hatte ihn aber angezeigt, dass er Gold besitzen würde, was nicht stimmte. Um sein Geständnis zu erzwingen, folterte und prügelte man ihn so lange, bis er schließlich starb.

Auf dem Schlossberg wurde auch ein Störsender installiert. Ich ging dort einmal mit einem Mädchen spazieren und wir gingen am Haupteingang des Schlosses vorbei. Da stoppte man uns, wir mussten uns ausweisen und man sagte uns, wir hätten dort nichts zu suchen und sollten schleunigst wieder in die Stadt hinunter gehen. Der Störsender wurde später aus Platzmangel hinunter in die Brunnengasse verlegt.

„Aufbau des Sozialismus“

Nun begann die Zeit, in der man anfing, sich dem Sozialismus zu widmen und die Sowjetunion als Vorbild zu nehmen. Auf dem Gelände des IAR-Flughafens (I.A.R. = Industria Aero­nautică Română) baute man eine große Traktorenfabrik, die den Namen SOVROM-Tractor bekam. Die Sowjets mischten fortan überall mit, obwohl ihr Außenminister Molotow noch am 25. August 1944 erklärt hatte, dass sich die Sowjetunion nicht in die Gestaltung der inneren politischen und der sozialen Struktur Rumäniens einmischen werde.

Es wurde festgelegt, dass die DDR und die CSSR PKW bauen, Ungarn Busse und Rumänien Traktoren. Man legte auch eine Leitung für Erdölgebiet um Ploieşti in die Sowjetunion, gewissermaßen als Kriegsentschädigung. Die Arbeit der 75000 Russlanddeportierten reichte dafür nicht aus. Ein Arbeitskollege, der in Klausenburg Geologie studiert hatte, sagte mir einmal, allein die Jahresquote an Uran, die Rumänien der Sowjetunion gratis liefern musste, hätte gereicht, um alle Kriegsschulden abzuzahlen.

1964 fuhr Gheorghe Gheorghiu-Dej nach Moskau, um irgendwie klar zu machen, dass zwei Jahrzehnte kostenloser Erdöllieferungen ausreichten. Was er erreicht hat, konnte man nicht erfahren. Bemerkenswert war nur, dass Gheorghiu-Dej nach diesem Besuch verstorben ist, obwohl er kein Leiden hatte. Man munkelte hinter vorgehaltener Hand, man habe ihn in Moskau verstrahlt.

Agrarreform

Am 6. März 1945 setzten die Sowjets eine neue, rein kommunistische Regierung unter Dr. Petru Groza ein. Es hagelte nun Reformen, Dekrete und Gesetze. Das am 23. März 1945 erlassene Bodenreform-Dekret Nr. 187 richtete sich auch gegen die Deutschen. Schon nach dem Ersten Weltkrieg hatte es eine Agrarreform gegeben, bei der man der Evangelischen Kirche in Rumänien Grund- und Waldbesitz weggenommen hat. Dadurch waren die Einkünfte weggefallen, die für den Unterhalt des Unterrichtswesens benötigt wurden; ein Schulgeld musste eingeführt werden, um die Lehrer zu bezahlen. Die neue Agrarreform bedeutete das Aus für die deutschen Bauern. Sie verloren durch Enteignung Haus, Hof, Ackerboden, Weinberge, Privatwälder, ihren Viehbestand und alle landwirtschaftlichen Geräte. In ihre Häuser zogen nun besitzlose Neusiedler, z.B. Motzen, die sächsischen Bauern konnten froh sein, wenn ihnen die neuen Hausherren noch ein Kämmerchen im Altenteil oder die Sommerküche zum Wohnen überließen.

Was die Wegnahme des Viehs wegen den Kollektivwirtschaften anbelangt, möchte ich noch eine kleine Geschichte erzählen. Nach dem Studium schickte mich das Forstministerium für einen Monat ins Donaudelta, damit ich an den Ufern des Sfântu-Gheorghe-Armes den Pappelanbau organisiere und überwache. Die Pappel ist die Baumart, die am schnellsten wächst, und Holz brauchte das Holzverarbeitungskombinat in Galatz für die Herstellung von Spanplatten bis hin zu Streichhölzern. Da erzählten mir die dort ansässigen Lipovenerinnen – ihre Männer arbeiteten bei der maschinellen Schilfernte, weil sie dort besser verdienten –, dass die Fischer zur Zeit der Kollektivierung ihre Schweine mit Farbe auf dem Rücken markierten – jeder Fischer seine Sau mit einer anderen Farbe. Dann trieben sie diese ins Donaudelta, damit man sie nicht findet und beschlagnahmt. Im Herbst, als die Gefahr vorbei war, suchte und sammelte jeder Fischer seine markierte Sau und die inzwischen dazugekommenen Ferkel ein und alles war gerettet.

Der Staat dachte an eine Modernisierung der Landwirtschaft und richtete Kollektivwirtschaften ein. Die Burzenländer sächsischen Bauern, die mit den Kollektivwirtschaften nicht einverstanden waren, wurden in die „Tränengrube“ gebracht und dort „bearbeitet“. Das war eine ehemalige Gastwirtschaft am Anfang der Schulmeistergasse, die später abgerissen wurde. Neben diesem Grundstück beschlagnahmte die Stadt noch einen Teil des Friedhofs der ungarischen, reformierten Kirchengemeinde nebenan, ebnete die Gräber ein und baute das neue Kronstädter Staatstheater.

Einen ähnlichen Fall gab es, als am 2. September 1963 die ungarische reformierte Kirche am Rudolfsring abgerissen wurde, weil sie beim Bau eines neuen Seitenflügels neben dem 1939 gebauten Hotel „ARO“ störte. Als Ersatz stellte die Stadt „großzügigerweise“ für den Gottesdienst einen Turnsaal an der Graft zur Verfügung. Am 19. August 1946 begann der Wald auf der Zinne zu brennen. Die Inflation nahm zu. Im Juni 1947 kostete ein Liter Milch 50.000 Lei, ein Kilogramm Mehl 300.000 Lei und ein Kilo Zucker 1.000.000 Lei. Am 1. August fanden überall Entlassungen statt und am 12. August 1947 kam es zu einer Geldeinwechslung. Ende 1947 wurde der rumänische König Mihai gezwungen, abzudanken und das Land zu verlassen. Er zog in die Schweiz und wurde Direktor des Züricher Flughafens. (Teil 3 folgt demnächst)

Schlagwörter: Kronstadt, Geschichte, Zeitzeuge, Schule, Kirche

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