16. November 2022

„Der Eid auf das Reformationsbüchlein“: Das Geheimnis eines Ölgemäldes von Fritz Schullerus in der Schwarzen Kirche in Kronstadt

Nach jahrelanger Recherche habe ich endlich eine Spur des Ölgemäldes „Eid des Kronstädter Stadtrates auf das Reformationsbüchlein“ von Fritz Schullerus gefunden. Und so fing alles in meiner Heimat- und Geburtsstadt Kronstadt im Burzenland an.
Fritz Schullerus: Der Schwur des Kronstädter ...
Fritz Schullerus: Der Schwur des Kronstädter Rates auf das Reformationsbüchlein, 1898. Schwarze Kirche, Evangelische Kirche A.B. Kronstadt. Foto: Árpád Udvardi
Meine Kindheit und Jugendzeit habe ich in meiner Geburtsstadt Kronstadt verbracht. Wir wohnten in einem alten Kronstädter Patrizierhaus in der Katharinengasse Nr. 64, nicht weit von der Honterusschule, in der ich täglich zur Schule ging. Eines Tages erzählte ich unserer ehemaligen Hausbesitzerin Irmgard Marmont (geb. Klein) eine spannende Geschichte. Ich ging sehr oft in die Schwarze Kirche, die früher Marienkirche hieß, und sah mir die schönen Ölgemälde und osmanischen Teppiche an. Eines dieser Ölgemälde gefiel mir sehr gut, doch es gab in meinen Gedanken viele ungeklärte Fragen, die mir niemand beantworten konnte. Ich fragte Marmonttante, doch sie konnte mir nicht viel darüber erzählen. Sie sagte zu mir: „Dietmar, kennst du dich in der Innenstadt aus?“ Ich antwortete mit Ja. Dann fragte sie, wie die Strada Bălcescu auf Deutsch heiße. Ich sagte, eigentlich weiß ich es nicht. Sie sagte dann zu mir: „Weißt du, lieber Dietmar, als echter Kronstädter musst du alle Straßen in der Innen- und Altstadt Kronstadts auf Deutsch kennen und wissen.“ Wir gingen dann eines Tages gemeinsam zu Fuß in die Altstadt und besuchten auch die Schwarze Kirche. Hier interessierte mich ein sehr altes Ölgemälde des Malers Fritz Schullerus (1866-1898). Es stellt den Reformator Johannes Honterus vor einer Versammlung älterer Männer mit langen Gewändern dar. Als junger Mensch stellte ich mir immer die Frage: Wer sind denn, diese alten Siebenbürger Sachsen? Diese Frage blieb für mich noch immer unbeantwortet.

Bei einem Großschenker Heimattreffen kam ich vor Jahren mit Pelger-Lillitante über dieses alte Ölgemälde ins Gespräch. Sie fragte mich, ob ich auch jemanden auf diesem Gemälde erkannt habe, denn es seien die Gesichter einiger meiner Großschenker Vorfahren dabei. Diese Aussage stimmte mich dann doch etwas nachdenklich. Es gibt noch Skizzen dieses Ölgemäldes, die im Besitz von Stadtpfarrer Dr. Adolf Schullerus aus Hermannstadt, dem Bruder von Fritz Schullerus, waren und sich heute im Brukenthalmuseum in Hermannstadt befinden.

Von Haus aus eine fromme Natur, die mit innigster Liebe an ihrem evangelischen Volkstum und Glauben hing, fühlte Fritz Schullerus den Drang, nun auch seinerseits die Feststimmung des 400. Geburtstages des um 1498 in Kronstadt geborenen siebenbürgischen Reformators Johannes Honterus festzuhalten. Und so entstand der Plan zu seinem großen Honterusbild.

Am 27. Dezember 1543 beschlossen der Stadtrat und die Hundertmannschaft (innerer und äußerer Rat) von Kronstadt den Artikel „Von der Schützung der Religion oder unserer Kirchen-Reformation“, der 1555 in das „Decretale Coronensium“ – das Kronstädter Stadtgesetzbuch – aufgenommen wurde. Damit wurden die im Reformationsbüchlein von Johannes Honterus aus dem Frühjahr 1543 beschriebenen Reformen und Einrichtungen festgeschrieben. Honterus sollte schließlich durch seine Ernennung am 22. April 1544 der erste gewählte evangelische Stadtpfarrer Kronstadts werden, und auch als solcher sorgte er weiter für die Verbreitung des Wissens und des Glaubens etwa dadurch, dass er die Errichtung einer Papiermühle in den Bienengärten am Weidenbach, nahe Kronstadt, initiierte.

Ich habe gesucht und bin dabei fündig geworden. Im „Fritz Schullerus“-Buch von Victor Roth steht tatsächlich, bezüglich des Honterusbildes auf Seite 55: „Die Modelle für die Köpfe fand Fritz Schullerus unter den Bürgern und Bauern Großschenks, die er einzeln porträtierte und sodann auf die Leinwand übertrug.“ Mit dem Schwur auf das Reformationsbüchlein setzte Martin Luther über den Reformator Johannes Honterus die Reformation in Siebenbürgen durch. Das Kunstwerk ist ein wertvolles Zeugnis aus den Händen des Ausnahmetalents Fritz Schullerus. „Der Schwur des Kronstädter Rates“ spielt eine wichtige Rolle für das Selbstverständnis Kronstadts. Die Vorstudie bietet einen unverhofft intimen Einblick in den Arbeitsprozess, an dem uns so vertrauten, in der Schwarzen Kirche ausgestellten Historiengemälde. Das Gemälde bzw. Ölbild ergreift die Stimmung eines Gottesdienstes auf einzigartige Weise: das Licht, die Stille, die inneren Stimmen der Teilnehmer und die Würde der jahrhundertealten Gemäuer.

„Der Schwur des Kronstädter Rates auf das Reformationsbüchlein“ (1543) war das Thema und darin lag die Gefahr, dass die Komposition einen Überfluss an Ruhe haben werde. Ein Aufenthalt auf der Hohen Rinne konnte der Krankheit des Künstlers keinen Einhalt gebieten. Ergreifend sind die letzten Monate, die der todkranke Künstler im Vaterhause auf dem Pfarrhof in Großschenk verlebte. Am 22. Dezember 1898 hatte Fritz Schullerus ausgelitten und starb im Alter von 32 Jahren. Auf dem Großschenker Friedhof, der vom Hügelrücken die langen Gassen des Marktes grüßt, haben sie ihn am Weihnachtsabend zur Ruhe gebracht. Sein Tod war für alle ein großer Verlust der siebenbürgisch-sächsischen Bevölkerung. Kunst und Menschlichkeit waren in ihm zu unlösbarer Harmonie verschmolzen.

Zwei Bilder aus Familienbesitz, eine in Öl ausgeführte Vorstudie zum Historiengemälde „Der Schwur des Kronstädter Rates auf das Reformationsbüchlein“ (1898) und ein Gemälde mit dem Titel „Während der Predigt“ (1893), beides eigenhändige Werke des Malers Fritz Schullerus, sind der Kronstädter Kirchengemeinde in jüngster Zeit geschenkt worden. Die beiden Gemälde, einst im Besitz des Hermannstädter Stadtpfarrers Dr. Adolf Schullerus, wurden von den Nachkommen der Familie des Adolf und der Malerin Trude Schullerus, Konrad, Cornelia, Johanna, Katharina, Maria und Anna Möckel, überreicht und haben im Juni 2000 Aufnahme in die Gemäldesammlung unserer Kronstädter Gemeinde gefunden. Wir sind für die wertvolle Spende außerordentlich dankbar und werden die Objekte in der Zukunft gemeinsam mit den übrigen Sammlungsbeständen bewahren, verantwortungsbewusst pflegen und präsentieren.

Dietmar Melzer

Schlagwörter: Gemälde, Kronstadt, Schwarze Kirche, Geschichte

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