22. Juni 2026

Ergreifende Aufführung von Heinz Ackers „Hexenszenen“

Am Samstag, dem 23. Mai, um 18 Uhr wurde im Rahmen des Heimattages des Verbands der Siebenbürger Sachsen in Deutschland e. V. in der St. Paulskirche Dinkelsbühl ein Werk aufgeführt, das die Zuhörerinnen und Zuhörer mittels äußerst ausdrucksstarker Sprache der Musik unvermittelt in eine Schattenzone der siebenbürgischen Geschichte führte: Professor Heinz Ackers „Hexenszenen – siebenbürgisches Melodram für Soli, Chor und ein Instrumentalensemble“.
Viele der zahlreich erschienenen Gäste erfuhren an diesem Abend erstmals, dass auch Siebenbürgen Schauplatz von Hexenverfolgungen gewesen war. Bereits die begleitende Ausstellung „Bilder der Hexenverfolgung“ sowie das Künstlergespräch mit Sieglinde Bottesch und Dr. Heinke Fabritius, Kulturreferentin für Siebenbürgen, den Karpatenraum, Bessarabien und die Dobrudscha am Siebenbürgischen Museum in Gundelsheim, hatten die düsteren Kapitel der Hexenverfolgungen mit sogenannten Gottesurteilen – Schwemme, Nadelprobe, öffentliche Hinrichtungen – in Wort und Bild eindringlich vor Augen geführt. Ackers Komposition jedoch verlieh dem historischen Stoff eine unmittelbare emotionale Präsenz: Mit kleinem Orchester, zwei Solisten und Chor zeichnete der aus Hermannstadt stammende Komponist die Angst, die Ohnmacht und den Schmerz der verfolgten Frauen so eindrucksvoll nach, dass selbst Besucherinnen und Besucher ohne Kenntnis der Monotypien der Künstlerin Sieglinde Bottesch tief bewegt zurückblieben.

Zum Werdegang des Melodrams äußerte sich Prof. Heinz Acker wie folgt: „Sieglindes Bilder hatten mich so tief beeindruckt, dass ich auf Anhieb entschlossen war, diese Bilder in Musik umzusetzen. Die Beschäftigung mit originalen Prozessakten und Berichten aus siebenbürgischen Archiven haben mir dann grausame Bilder von Verdächtigung, Verfolgung und fatalen Gerichtsprozessen vor Augen geführt. Nun galt es aus der Vielzahl der Berichte eine durchgehende Geschichte zu entwickeln und dazu eine geeignete Tonsprache zu finden, die diesem grauenhaften Geschehen entspricht, wo sich Wort und Ton ergänzen, wo die Musik den Text, der aus lauter Originalzitaten von Gerichtsprozessen besteht, musikalisch ausmalt, ausdeutet und emotional auflädt“.

Auf Grundlage des Hermannstädter Hexenprozesses von 1697 sowie weiterer Archivquellen aus Schäßburg, Mediasch und Mühlbach verfasste Acker das Textbuch, das drei exemplarische Fälle und ihre unterschiedlichen Gerichtsverfahren nachzeichnet, geführt in einem mittelalterlichen Deutsch, durchsetzt mit lateinischen Rechts-Begriffen und siebenbürgisch-sächsischen Sprachidiomen.

Die ursprünglich viersätzige Komposition folgt einer sinfonischen Dramaturgie: Nach einem einführenden Satz (Verdächtigung), ein langsamer Satz (Im Kerker) gefolgt von einem tänzerischen Satz (Tanz mit dem Teufel), der zu einem dramatischen Schlusssatz (Der Prozess) führt. Im August 2024 wurde das Werk beim zweiten Großen Sachsentreffen in Hermannstadt in der evangelischen Stadtpfarrkirche mit vier Sätzen uraufgeführt. Auf Anregung des Publikums ergänzte Acker später einen versöhnlichen fünften Satz, ein Requiem für Chor, Soli und Orchester, einem tröstenden Nachruf für die vielen zu Unrecht gemarterten und hingerichteten Frauen. Der hochemotionale Text führt zu einer Musik von großer Spannweite, die einerseits das Geschehen – zumal in der Kerker- oder Prozess-Szene mit aggressiv-bedrohlicher Klanggestik vorantreibt – durchsetzt mit unheilvoll-beängstigenden Schlagzeugeffekten. Man erlebt hautnah die Angstvisionen der eingekerkerten Beschuldigten (2. Satz), wird mitgerissen von einem rasant dahin wirbelnden Tanz der Hexen mit dem Teufel (3. Satz), eine Groteske des Aberglaubens jener Zeit, und wird schließlich Zeuge eines grausamen Prozessverlaufs (4. Satz) mit fatalen Urteilen für die beschuldigten Frauen. Da tauchen dann auch bekannte musikalische Symbole auf, so die übermäßige Quarte, „Tritonus“ genannt, die immer dann ertönt, wenn Teufel oder Hexen ins Spiel treten. Das Intervall steht als „diabolus in musica“ für das Teuflische in der Musik.

Andererseits kann Ackers Musik auch sakrale Leuchtkraft entwickeln, wenn etwa Beschuldigte Hilfe und Trost im Gebet suchen, oder gar im abschließenden Requiem, das in eine völlig andere harmonisch dissonanzfreie, versöhnliche Klangwelt eintaucht.
Der Komponist und Dirigent der „Hexenszenen“ ...
Der Komponist und Dirigent der „Hexenszenen“ Heinz Acker und Andrea Kulin, die Leiterin der Siebenbürgischen Kantorei, bedanken sich bei den Mitwirkenden und dem Publikum. Foto: Sebastian Acker
Für Prof. i. R. Heinz Acker schloss sich mit dieser Darbietung ein persönlicher Kreis: Er durfte dieses Konzert mit lauter Musikern aufführen, die seinen Lebensweg begleitet haben, quasi ein Querschnitt durch sein ganzes künstlerisches Leben. Im Orchester musizierten zahlreiche Musikerinnen und Musiker, die er in früheren Jahren als Dirigent und Pädagoge geprägt hatte – ehemalige Schüler der Hermannstädter Musikschule (Adelina Oprean/1.Geige, Simona Böhm/2. Geige, Georg Ongert/Cello, Hans-Paul Fuss/Horn und Brigitte Marmo-Schwachhofer/Keyboard), des Weiteren Mitglieder des von Acker gegründeten und so erfolgreichen Bruchsaler Jugendsinfonieorchesters (Stefanie Dietz-Mannherz/Klarinette und der Sohn des Komponisten Thomas Acker/Kontrabass) sowie Studierende der Musikhochschule Heidelberg‑Mannheim (Marion Egner/Mezzosopran und Xaver Detzel/Viola). Die Flötistin Michèle Becker entstammt den Löwensteiner Formationen, mit denen Acker ebenso verbunden ist wie mit der Siebenbürgischen Kantorei, die im Schluss-Satz (Requiem), das Werk krönend, hinzutritt. Besonders wirkungsmächtig ist der große Schlagzeugapparat (Sebastian Hausl und Fabian Strauß) mit dramatischen Klangeffekten.

Aus Verbundenheit zu ihrem früheren Lehrer wirkten alle ehrenamtlich mit, nachdem das Projekt aufgrund knapper Mittel beinahe gescheitert wäre. Auch die Siebenbürgische Kantorei unterstützte das Vorhaben, verzichtete auf ihr Honorar und leistete zusätzlich eine großzügige Spende.

Die enge Verbundenheit der Mitwirkenden mit dem Komponisten und Dirigenten prägte die Aufführung deutlich und übertrug sich spürbar auf das Publikum. Viele Reaktionen fielen ausgesprochen emotional aus; häufig genannt wurden Eindrücke wie „Gänsehaut pur“, „sehr beeindruckend“, „hat viele Emotionen ausgelöst“, „die Trommelwirbel gehen unter die Haut“ und „Tränen“. Zugleich äußerten sich zahlreiche Besucherinnen und Besucher mit großer Wertschätzung für das Ensemble und die beiden Solisten, die in kleiner Formation eine erstaunliche klangliche Dichte und Ausdruckskraft entwickelten.

Den beiden Solisten, Marion Egner/Mezzosopran und Tim Lucas/Bariton, kommt eine tragende Rolle im Werk zu. Sie gestalten im Dialog das Voranschreiten der Handlung. Marion Egner weiß mit wohlklingendem Mezzosopran die unterschiedlichen Gefühlsregungen der auftretenden Frauengestalten auszuloten. Tim Lucas ist ihr dabei ein überragender Partner. Der aus Siebenbürgen stammende Sänger, ein Zögling Ackers, der vor dem Studienabschluss im Masterstudium am Leopold Mozart College of Music/Augsburg steht, hat sich zu einem fabelhaften Bariton mit stimmlicher Tragweite und ausgefeilter Diktion entwickelt. Es geht den Zuhörern durch Mark und Bein, wenn er als Königsrichter im Schlusssatz mit volltönender Stentorstimme das Urteil der drei Angeklagten verkündet. Dass Acker diesem Prozess-Akt noch einen weiteren Satz, das „Requiem“ hinzugefügt hat, erweist sich als genialer Schachzug. Nun tritt ein Chor hinzu, die von Andrea Kulin bestens vorbereitete Siebenbürgische Kantorei, und wird zum Träger des Seelenamtes für die verstorbenen Frauen. Dieser Satz wird zu einem emotionalen Höhepunkt, der das Werk als tröstliche Apotheose abrundet. Dass bei dem flehenden „Requiem aeternam“ ein heller Lichtkegel der untergehenden Sonne auf Ackers Haupt fiel, haben viele Zuhörer als symbolhaftes Zeichen verstanden, eine versöhnende Geste aus höheren Sphären für die zu Unrecht gemarterten Frauen.

Langanhaltender Applaus belohnte diese besondere Aufführung des Melodrams „Hexenszenen“, das bei historischem Hintergrund erschreckende Aktualität erkennen lässt, denn Verfolgung, Ausgrenzung und Gewaltanwendung sind leider auch heute noch zu beklagen.

Angelika Meltzer



Stimmen nach dem Konzert

Nach der Aufführung der „Hexenszenen“ konnte Angelika Meltzer einige bewegende Eindrücke der Musiker und Zuhörer aufzeichnen:

Simona Böhm (geb. Colceriu), 2. Geige, langjährige Geigerin am Theater Frankfurt an der Oder: „In Hermannstadt war ich noch zu jung, um in Ackers Orchester mitzuwirken, was mein sehnlichster Wunsch war. Nun ging mein Wunsch endlich in Erfüllung. Ja, ich war sehr, sehr begeistert. Ich wusste, dass er gut dirigiert, aber dass er so ein toller Dirigent ist, das konnte ich mir nicht vorstellen […], man kann von ihm alles ablesen, er ist so deutlich in der Gestik und so expressiv, das war wirklich eine ganz große Freude. Die Musik ist so eindrucksvoll gemacht, dass man – auch ohne die Bilder zu kennen – sich diese schrecklichen Szenen vorstellen kann. Diese Begegnung war für mich eine Offenbarung, ganz toll!“

A.: „Ich hab das Stück jetzt zum ersten Mal gehört mit allen fünf Teilen, mit dem Requiem, das die Siebenbürgische Kantorei einstudiert hat und ich fand es sehr beeindruckend und sehr rund. Ich bin froh, dass unser G. H. den Komponisten dazu angeregt hat, noch einen Abschluss mit Chor zu finden: ,Schreib doch mal ein Requiem für den Chor und die Siebenbürgische Kantorei.‘“

M.: „Ich fand das Stück wahnsinnig beeindruckend, es hat für mich sehr viele Emotionen ausgelöst und ich fand es wahnsinnig spannend, wie so bekannte Motive wie Dies Irae oder bestimmte Choralmelodien immer wieder fragmentiert vorkamen und am Ende dann alles zu einem schönen Ganzen abgerundet wurde.“ G.: „Der Teufelstanz war sehr dynamisch und aufwühlend. Ich fand, er war gut eingefangen.“ R.: „Das Ambiente fand ich sehr schön, den Kirchenraum, weil die Kirche auch so geschnitten ist, mehr breit als lang, und mit dem Chor und Orchester fand ich auch die Akustik sehr gut. Der Chor und das Orchester waren fast unter uns. Die Kirche und die Hexenverfolgung waren ja eng miteinander verknüpft, so gesehen war die Kirche der richtige Ort.“

K.: „Ich habe das Stück jetzt zum dritten Mal gehört und war beeindruckt, wie man das, was vor 300 Jahren passiert ist, in Musik umsetzen kann. Besonders haben mich die Richtersprüche beeindruckt, wie verurteilt wurde, obwohl die Frauen nicht schuldig waren.“

H.: „Der Bariton hat eine sehr schöne Stimme. Er hat’s gut gemacht. Beide Solisten haben es sehr gut gemacht.“

J.: „Ich war nah an dem Sänger. In Hermannstadt hat es nicht so schön geklungen wie hier. Vor allem der Richterspruch kam so gut raus, vor allem auch, dass es Deutsch und Latein war, die Fremdbegriffe gingen ineinander und so konnte man den Text gut verstehen.“

Schlagwörter: Heimattag 2026, Dinkelsbühl, Musik, Heinz Acker, Chor Siebenbürgische Kantorei

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