26. Juli 2026

Start zum Siegeszug des „Hontertstreoch“: Gesangsreise des Reichesdorfer Chores im September 1897 ins Burzenland

Die Siebenbürgische Zeitung, Folge 7 vom 5. Mai 2026 brachte auf Seite 10 einen umfassenden Beitrag zu „130 Jahre ,Bäm Honterstreoch‘“ aus der Feder von Angelika Meltzer, den man mit viel Freude und Interesse lesen kann, handelt es sich doch um das wohl bekannteste Lied in siebenbürgischer Mundart, das mit seiner zu Herzen gehenden Weise seinen Siegeszug um die Welt antrat. Die rasante und weltweite Verbreitung des Liedes weiß Angelika Meltzer mit umfassender Recherche zu dokumentieren. Erwähnt wird dabei auch die Erstaufführung des Liedes 1896 durch den Reichesdorfer Jugendchor unter seinem Leiter Georg Meyndt (1852-1903) sowie die nachfolgende Konzertreise dieses Chores in das Burzenland. Ergänzend zu dem Artikel weiß Heinz Acker zu berichten.
Dieser Artikel veranlasst mich ein Notizbuch meines Urgroßvaters Carl Reich hervorzuholen, mit einem Reisebericht zu dieser Chorfahrt.

Die Jugendgruppe um Georg Meyndt aus Reichesdorf, ...
Die Jugendgruppe um Georg Meyndt aus Reichesdorf, im Herbst 1897 auf Chorreise durch das Burzenland – mit dem Hontertstreoch im Gepäck. Der Vierte von links, sitzend, dürfte der damals 24-jährige Pfarrer Carl Reich sein; neben ihm vermutlich der 44-jährige Notär und Liederdichter Georg Meyndt. Quelle: HOG Reichesdorf
Carl Reich, geboren 1872 in Mediasch, hat als junger Absolvent des Hermannstädter Lehrerseminars seine Erststelle als Schulrektor von Reußen nur ungern aufgegeben und 1897 als Zweitlehrer nach Reichesdorf gewechselt. Aber hier lockte den musikbegabten Lehrer die Existenz eines tüchtigen Gesangvereins, unter der fähigen Leitung einer ungewöhnlichen Naturbegabung: Georg Meyndt (im Ortsdialekt als „Mängd“ angesprochen) war zwar Dorfnotär, aber im Grunde lag ihm das Dichten und Musizieren näher. Mit feinsinniger Beobachtungsgabe schuf er in einem spontanen Schöpfungsakt von Text und Melodie Lieder, die das Dorfleben widerspiegelten und die er abends im Kreise seiner Familie zur Laute vortrug. Da wären sie wohl auch für immer verklungen, denn der improvisierende Sänger war notenunkundig, hätte es nicht neuerdings den musikbegeisterten Lehrer Reich gegeben. Reich aber erkannte die Genialität dieser Lieder, schrieb sie auf und veröffentlichte sie in seinem Sammelband „Kut mer sängen īnt vun den Līdern des Georg Meyndt“ (etwa „Brännchen um gräne Rīn“, Gāde Morjen“, „Motterhärz“ u.v.a), die so eine weite Verbreitung fanden.

Georg Meyndt wird es nicht entgangen sein, was sich unweit im Stuhlvorort Mediasch zutrug. Da war der kürzlich (1893) aus dem Thüringischen zugewanderte Hermann Kirchner eben bestrebt, als dortiger Musikdirektor Lieder im Volkston zu schreiben. Dass zu deren Authentizität die sächsische Mundart gehörte, war dem Thüringer klar. Und ebenso selbstverständlich war es auch für den sächsischen Notär, denn es galt ja auch die sächsische Eigenart im Auflehnen gegen die Magyarisierungstendenzen der ungarischen Regierung zu bewahren. Da begegneten sich zwei Gleichgesinnte, ein Berufsmusiker und ein Naturtalent. Und so kam es, dass bei der siebenbürgischen Kirchentagung von 1896 die neuentstandenen Lieder Kirchners von der Reichesdorfer Singgemeinschaft vorgetragen wurden, darunter eben auch der „Hontertstreoch“ als Uraufführung des Liedes. Der Eindruck, den die neue, so volkstümlich-authentisch wirkende Singweise hinterließ, muss enorm gewesen sein, denn bald „pfeifen bereits die Spatzen das Lied von den Dächern des Weinlandes“, so berichtete Otto Folberth, damaliger Mediascher Gymnasiallehrer, in seinem Bericht zur Chronik des Liedes (Klingsor, 1936). Der eingeschlagene Weg musste fortgeführt werden. So beschloss man eine Chorfahrt des Reichesdorfer Chores ins Burzenland mit dem „Hontertstreoch“ im Gepäck. Noch ahnte keiner, dass diese Reise zum Startpunkt für einen viel größeren, weltumspannenden Siegeszug dieses Liedes werden sollte.

Carl Reichs Notizbuch über die Reichesdorfer ...
Carl Reichs Notizbuch über die Reichesdorfer Chorreise ins Burzenland, Titelseite
Da hole ich das Notitzbuch des Urgroßvaters hervor. Der 130-jährige Text ist noch gut zu lesen. In einem kleinen Taschenkalender notiert Carl Reich mit seiner wunderbaren Handschrift im gotischen Kursiv seine Eindrücke dieser besonderen Fahrt. Vorangestellt ist ein Hinweis zum „Zweck der Reise“. Und Reich erwähnt u.a.: „Das Burzenland kennen zu lernen; – die in Mediasch und Umgebung neu entstandenen siebenb. sächs. Volkslieder auch im Burzenlande bekannt zu machen u. durch Aufführung derselben das Interesse dafür zu erwecken, und ….“.

Die Formulierung ist erstaunlich. Es werden nicht die Komponisten der Lieder genannt, sondern die eben entstandenen Gesänge werden gleich als „siebenbürgisch-sächsische Volkslieder“ ausgegeben. Welch prophetische Sicht! Die Absicht, Volkstümliches zu schaffen, wird wichtiger eingestuft als die Nennung deren Schöpfer. Da wäre neben Kirchner sicher auch Meyndt zu nennen, denn Reich erwähnt ja Neuschöpfungen aus Mediasch und Umgebung, womit nur Reichesdorf gemeint sein kann.

Eine auf 46 Personen angelegte Teilnehmerliste ist unausgefüllt geblieben. Lediglich auf den Positionen 1-5 werden die Honoratioren der Gruppe aufgezählt (wohl die fünf zentral postierten Personen der ersten Sitzreihe). Die Bleistifteintragung ist so verblichen, dass sie nur noch mit detektivischer Akribie entziffert werden kann. Es sind dies: 1. Meyndt, Vorstand, 2. Offner, Ges. Leiter (Gesamtleiter? Gesangsleiter?), 3. Theiß, Kassier, 4. Morgonday, Rektor, 5. Carl Reich, Lehrer.

Den Urgroßvater Carl Reich (erste Sitzreihe, Vierter von links) erkenne ich auf dem einzig erhaltenen Bild dieser Chorfahrt an seiner Nickelbrille, und es muss angenommen werden, dass sein linker Sitznachbar, der ältere Mann mit den majestätisch verschränkten Armen, der väterliche Freund Georg Meyndt sein muss. Nach einem vorangestellten Motto beginnt Reich seinen Bericht: „Ja, gewiß hatten wir am Morgen des 11. September 1897 [da haben wir das Datum der Fahrt] uns in Reichesdorf zeitig gerührt …eine stattliche Schar von Sängern u. Sängerinnen [das Notizbuch weist auf 46 Personen) um erst nach einigen Tagen wieder zurück zu kehren…“

Erste Seite des Notizbuches von Carl Reich, 1897 ...
Erste Seite des Notizbuches von Carl Reich, 1897
Mit Pferdewagen ging es zunächst entlang des Kockelflusses die 18 km von Reichesdorf zur Bahnstation von Elisabethstadt. Reich genoss die Poesie des anbrechenden Morgens. Da wartete man gespannt auf das spektakuläre Eintreffen des neuartigen „schnaubenden Dampfrosses“ und bestieg den Zug. Es muss ein großartiges Erlebnis für viele Chormitglieder gewesen sein, die sicher zum ersten Mal mit diesem erstaunlich neuartigen Verkehrsmittel fuhren, ganz ohne vorgespannte Pferde, denn die Linie Klein-Kopisch – Kronstadt, die sie befuhren, wurde erst 1872 in Betrieb genommen. Am Fenster flogen „schöne und minder schöne Ortschaften vorbei die immer unbekannter werden: Halvelagen – Großalisch – Schäßburg – Arkeden (durch einen langen Tunnel) – Pálos – Katzendorf – Homorod – Reps (mit außerordentlich schöner Burg) – dann durch ungarisches Gebiet – Rákos – Köpecz – Apácza und erreicht endlich Nußbach, welches die erste sächsische Gemeinde im Burzenland ist.“

Schließlich erreichte man den ersten Bestimmungsort Marienburg, „ein schöner, großer Ort auf mäßigem Hügel“, doch das angekündigte Empfangskomitee war nicht da. Die Gemeinde hatte gerade einen tragischen Trauerfall zu verkraften. Doch dann kam es zur Begrüßung durch Rektor Tartler. Den Brüdern aus dem siebenbürgischen Weinland wurden die Sehenswürdigkeiten dieses geschichtsträchtigen Ortes präsentiert. Man stieg auf den berühmten „Studentenhügel“ mit weitem Blick über die „Burzenländer Ebene, geschmückt mit zahlreichen wohlhabenden Dörfern, die wie ,Perlen auf schimmernder Seide‘ wirken“. Rektor Tartler erklärte, dass hier 1612 eine blutige Schlacht zwischen dem siebenbürgischen Fürsten Gabriel Báthory („dem Bluthund“) und den Bürgern der Stadt Kronstadt, verbündet mit den sächsischen Bauern der umliegenden Dörfer, stattgefunden hatte. In der verlorenen Schlacht wurde „der anführende, unvergessliche Kronstädter Stadtrichter Michael Weiß“ getötet. 40 tapfer kämpfende Kronstädter Studenten verloren dabei ihr Leben im Kampf gegen die Übermacht des Tyrannen, wie einst der Grieche Leonidas mit seinen Getreuen in den Thermopylen. Sie wurden in diesem Grabhügel bestattet und kündeten von einem verzweifelten, aber ruhmvollen Kampf um den Fortbestand freier Existenz. Es beeindruckte, denn die Chorreise bezweckte ja Ähnliches: Erhaltung der eigenen Eigenart, wenn auch nicht mit Waffengewalt, aber mit der edlen Kraft des Gesangs.

Hier bricht nun Reichs Bericht leider ab. So erfahren wir nicht, welche weiteren Ortschaften besucht und welche Lieder dabei gesungen wurden. Der „Hontertstreoch“ war aber sicher dabei, als Fanal eines neuen Aufbruchs.

Noch eine Bemerkung zu dem Titel des Liedes: Dass im Titel von Angelika Meltzers gut recherchiertem Artikel das „t“ im „Honter(t)streoch“ fehlt, ist nur dem Druckerteufel zuzuschreiben. Aber wie lautet der Titel korrekt? Carl Römer hat sein Gedicht „Bäm Hontertstreoch“ überschrieben, so wie der Beginn der Strophen 2-4 lautet. Man findet das Lied aber auch unter dem Titel „Äm Hontertstreoch“ gemäß dem Beginn der ersten Strophe. Man sollte es bei Römers Formulierung belassen. Ob man auch Römers Mediascher Textfassung verwendet, bleibt jedem Sänger überlassen. Da kann wohl jeder Sachse das Lied in seinem eigenen Ortsdialekt singen, denn das tun auch die vielen Völker, die dieses Lied übernommen haben und als ureigenes Volkslied in eigener Sprache singen. Die weltweite Verbreitung ist das höchste Lob, das einem Lied und seinem Komponisten widerfahren kann.

Prof. Heinz Acker

Schlagwörter: Musik, Lied, Hontertstreoch, Geschichte, Acker

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