31. Juli 2026

„daß man wie Rauch ins Nichts verfließt“: Neuausgabe von Selma Meerbaum-Eisingers Gedichten

Eine bemerkenswerte Gedichtesammlung, bestehend aus Natur- und Liebeslyrik, gereimten Liedern, sporadischen Übersetzungen, alles in einem gewinnenden Tonfall. Es ist eine schwungvolle unverbrauchte Stimme, bei der man hingerissen ist von der zarten Melodie, von der Naivität der Beschreibungen, vom Idealismus der Lebensvorstellung, wobei man dann erschrickt, wenn man die Jahreszahlen liest unter den Gedichten, 1939, 1940, 1941. Es handelt sich um die Gedichte von Selma-Meerbaum Eisinger, die achtzehnjährig dem Naziregime zum Opfer fiel.
In Ton und Schrift, d.h. als Text und Audiodateien, hat jetzt der Verlag Edition Noack & Block Berlin sämtliche Gedichte der Autorin unter dem Titel „Blütenlese-Gilu!“ herausgegeben,– mit dem Originaltitel Meerbaum-Eisingers, „Blütenlese“, gefolgt vom hebräischen Wort „Gilu“ für „Freut Euch!“, das auch den Titel ihres chronologisch ersten Gedichtes darstellt. Erschienen ist das Buch 2024, eingeleitet von Norbert Gutenberg, mit erläuternden Beiträgen von Amy-Diana Colin und Peter Rychlo.

Geboren 1924 in Czernowitz und gestorben 1942 im Lager Michailowka/Mychailiwka in Transnistrien, bergen diese zwei Jahreszahlen die ganze Tragik der Geschichte dieser Autorin, die, so Amy-Diana Colin zusammen mit ihrem Cousin zweiten Grades, Paul Celan, und Rose Ausländer mittlerweile zum Dreigestirn von Czernowitz gehört. Selma, deren Eltern Frieda und Max Merbaum waren, verlor früh ihren Vater und wuchs mit ihrem Stiefvater, Leo Eisinger, auf, so Colin. Sie besuchte das Hoffmann-Lyzeum und schrieb schon mit fünfzehn Jahren deutschsprachige Gedichte. Später wurde sie als Jüdin verfolgt, kam ins Ghetto und hielt trotzdem an der deutschen Sprache fest, in der sie schrieb und in die sie übersetzte: aus dem Jiddischen, dem Rumänischen und dem Französischen. Ihre deutschen Gedichte schrieb sie in ein Album, das sie „Blütenlese“ betitelte und das sie, als sie 1942 von den Nazis abgeholt wurde, einem Bekannten zusteckte. Zusammen mit ihren Eltern kam sie nach Bessarabien, dann nach Transnistrien.

Selma-Meerbaum Eisinger musste in einem Steinbruch arbeiten, und wie Amy-Diana Colin weiter ausführt, kam sie später ins Lager Michailowka in die Ukraine, wo sie an Flecktyphus starb. Ihre Eltern wurden „liquidiert“, wie es zynisch heißt.

In der Einführung und in den Beiträgen dieser Gedichtausgabe, wird auch das editorische Abenteuer des Poesiealbums nachgezeichnet, das über Meerbaum-Eisingers Freund, Lejser Fichman, dem es gewidmet war, und ihre Freundinnen, Renée Abramovici und Else Schächter, nach Israel zu ihrem früheren Lehrer, Hersch Segal, kam. Dieser veröffentlichte die Gedichte zum ersten Mal als Privatdruck unter dem Namen „Poesiealbum“. Für das deutsche Lesepublikum machte sie Jürgen Serke 1980 bekannt, so Colin. Seitdem sind ihre Gedichte mehrmals veröffentlicht worden, wie der Herausgeber, Norbert Gutenberg, in seinem Vorwort ausführt.

Was ist das Neue an dieser Ausgabe? Vielleicht neben den willkommenen Beiträgen über die Biografie der Autorin, die editorische Geschichte ihres Poesiealbums, auch die Tatsache, dass alle Gedichte von Anabel Möbius eingelesen wurden, dass man also dank der QR-Codes ein Hörbuch mitgeliefert bekommt. Die eingelesenen Gedichte sind sehr neutral gehalten – das muss man mögen. Etwas sperrig, aber praktisch sind die QR-Codes auf jeder Gedichtseite, am Ende des Buches nochmal als Link angeführt. Und auch sonst sind die fettgedruckten Titel und das gefotoshopte Bild des Covers von einem etwas spröden Charme. Immerhin zeigt Letzteres aber die Bronzestatue von Selma-Meerbaum Eisinger in Czernowitz, die trotz der Corona- und der Kriegswirren am 7. Mai 2023 dort enthüllt wurde.

Doch nun zurück zum Eigentlichen, zur Gedichtesammlung. Wundervoll beschriebene Stillleben offenbaren darin Selma Meerbaum-Eisingers jugendliches Staunen über die Natur. Es überrascht vor allem die Entrücktheit der Gedichte, die sich scheinbar nicht mit der grausamen Realität befassen und sie absichtlich verdrängen. Und dennoch scheint sie durch, mit voller Wucht im Gedicht „Poem“, wo der ganze juvenile Lebenshunger zum Ausdruck kommt: „und möchte den Himmel mit Händen fassen/ und möchte frei sein und atmen und schrei’n“ (78) und der Lebenswille behauptet wird: „Ich will nicht sterben. Nein. (…) Das Leben ist rot. Das Leben ist mein.“ (78)

Auch klingt der Liebeskummer an, zwar gereimt und liedhaft, dennoch eindringlich und schmerzvoll: „Heute tatest du mir weh./ Rings um uns war Schweigen nur, Schweigen nur und Schnee.“ (43) Oder in Stillleben blitzen Verse auf wie: „Der Spiegel glänzt und in ihm tickt die Uhr.“ (55), mit dem Datum vom 24.10.1939.

Das Lied, das Gedicht, scheinen der Autorin Halt zu geben, wie in „Schlaflied für mich“: „Ich spiele und spiele mir die Melodei/ der Tage, die nicht mehr sind, und mache mich von der Wahrheit frei/ und tue als wäre ich blind.“ (69), aus dem Januar 1941. Manchmal folgen die Gedichte an zwei Tagen hintereinander, manchmal sind mehrere am gleichen Tag geschrieben, wie die letzen drei, am 23.12.1941: „Müdes Lied“, „Spürst du es nicht, wenn ich um dich weine“ und „Tragik“. Letzteres besteht aus einer einzigen Strophe und fasst eine ungeliebte, gar als überflüssig erachtete Existenz in einem bitteren Nebensatz zusammen: „dass man wie Rauch ins Nichts verfließt“. Hinzugefügt hat die Autorin noch: „Ich habe keine Zeit gehabt zu Ende zu schreiben.“

Man kann nur hoffen, dass solche Bücher wie dieses dem Verfließen ins Nichts etwas entgegensetzen.

Edith Ottschofski

Selma Meerbaum-Eisinger: „Blütenlese – Gilu!“ Alle Gedichte. Hrsg. von Norbert Gutenberg. Edition Noack & Block in der Frank & Timme GmbH, Berlin, 2024, 206 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-86813-211-3.

Schlagwörter: Rezension, Bukowina, Gedichte

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