Selbst kuratierte Lebensspur: Joachim Wittstock überführt in „Bogengang. Gedichte und lyrische Prosa“ sein eigenes Schreiben in Dauer, Form und Erinnerung
Joachim Wittstock hat in „Bogengang“ eine selbst kuratierte Lebensspur hinterlassen – womöglich sogar mit „letzter Tinte“. In einem zeitlichen Längsschnitt vereint der Band wie in einem Gewölbe einige der Lieblingstexte des Autors: Gedichte, lyrische Prosa, Erinnerungen, poetologische Selbstreflexionen und interpretierende Fremdstimmen.
Wer ist, wer will Joachim Wittstock sein? In der späten Textsammlung „Bogengang“ finden wir die Antwort. „Man soll sich nicht abhalten lassen, / den Augen Neues abzufordern, / Nachricht zu geben vom Unbeachteten, / vom Einmaligen in einer alten Welt“ (S. 99). Selten hat ein spätes Buch seinen Autor so knapp und so genau vorgestellt wie Joachim Wittstocks „Bogengang“ in diesen vier Versen. Sie sind poetologisches Programm und Altersmotto zugleich. Denn hier spricht keiner, der seine Vergangenheit verwaltet, sondern einer, der sich noch immer zum Sehen verpflichtet weiß. Nicht Wiederholung, nicht Werkpflege, nicht ehrfürchtige Selbstarchivierung ist das Ziel, sondern die Erneuerung des Blicks. Wer Joachim Wittstock in diesem Band sucht, findet einen Autor, der sich als „Betrachter der Zeitläufte“ begreift und gerade im hohen Alter darauf besteht, dass auch die alte Welt noch Unerhörtes bereithält, sofern man genau genug hinsieht (S. 99).
Gerade darum ist „Bogengang“ nicht einfach eine Auswahl, sondern eine selbst kuratierte Lebensspur. Das Vorwort macht dies mit seltener Offenheit sichtbar. Wittstock erinnert an „lyrische Ergüsse, lose Worte, halbe Sätze“ aus den frühen Heften, an einen Ausdruck, dem noch „Genauigkeit“ fehlte, an Skrupel, Rückzüge, Pseudonyme und Überarbeitungen (S. 5-7). Er schreibt nicht gegen die Zeit an, sondern sichtet sie. Er nennt offen, dass ihm bei der späteren Durchsicht „die oft unzureichende gedankliche Durchdringung“ missfiel und dass er „zu korrigieren, zu straffen“ versuchte (S. 7). Auch das ist ein Schlüssel zum Autor: Wittstock will nicht als der erinnert werden, der alles einmal Geschriebene sakralisiert, sondern als einer, der lebenslang an Form, Dichte und Gültigkeit gearbeitet hat. Dass er zudem den „literarischen Echoraum“ der Übersetzer, Lektoren, Kritiker und Weggefährten ausdrücklich mit ins Buch nimmt, zeigt auch, dass sein spätes Selbstbild nicht solipsistisch, sondern dialogisch ist (S. 8).
Von hier aus bekommen auch Titel und Umschlagbild seine ganze Tiefenschärfe. Im Vorwort erzählt Wittstock, wie er dem frühen, noch kampflustigen Bild von „Bogen und Pfeil“ schließlich „eine friedliche Bestimmung“ zuwies, „im Sinne urtümlicher Kommunikation“; schon der „Botenpfeil“ sollte „Nachrichten“ übermitteln (S. 6). Diese Linie führt unmittelbar zu „Bogengang“. Aus der gespannten Sehne wird ein Gewölbe, aus dem Pfeil ein Durchgang, aus der Attacke eine Form der Vermittlung. Der alte Wittstock möchte offenbar nicht als Schütze und literarischer Kämpfer, sondern als Übermittler gelten. Das ist Selbststilisierung ohne Eitelkeit: Der Autor sieht sich als Medium von Wahrnehmung, nicht als deren lärmender Herr.
Darum sind die Bogengänge des Hermannstädter Kleinen Rings für dieses Buch kein lokales Dekor, sondern ein zentrales Sinnbild. Unmittelbar vor dem Titelgedicht steht die Fotografie eines „Teilstück[s] von dem einst durchgehend eingerichteten Bogengang um den Kleinen Ring in Hermannstadt“ (S. 98). Darauf folgt das Gedicht selbst, und auf Seite 100 wird das Motiv noch einmal in einem Detail des Bogengangs aufgenommen. Die Architektur rahmt also das poetische Selbstverständnis. Der Bogengang ist Übergang und Schutzraum, Durchsicht und Staffelung, Dauer und Bewegung zugleich. Unter Arkaden steht man nicht vor der Geschichte wie vor einer Fassade; man geht in sie hinein, bleibt unter ihr, sieht durch sie hindurch. Genau so liest sich Wittstocks Werkverständnis. Seine Texte wollen nicht überwältigen, sondern Perspektive eröffnen. Sie sind keine Explosionen, sondern Gewölbe des Blicks.
Das Titelgedicht macht daraus eine förmliche Poetik. Der Autor soll sich „auf den Kleinen Ring stellen“; die „Zweifler“ werden kommen, und er wird sie „lang in eine der / Arkaden sehen lassen“ (S. 99). Dort, „im Hintergrund des Laubenganges“, werden sie „das Neue erkennen wie in / einem nachgedunkelten Spiegel“; sie werden „in ihren eigenen Mienen / Ungewohntes finden“, und was sichtbar wird, ist nicht das sensationell Andere, sondern „die / Wandlung des Bestehenden in ein Neues“ (S. 101). Treffender kann man Wittstocks Schreiben kaum beschreiben. Es geht ihm nicht um modische Neuerung, sondern um Verwandlung; nicht um den Bruch mit dem Überlieferten, sondern um dessen Umschlag ins Unerwartete. Sogar das Prosaisch-Banale – „schadhafter Mörtel“, „staubige / Fensterscheiben“, „Fliegennetze“, „achtlos gestapelte Kisten“ – wird unter diesem Blick bedeutungsfähig (S. 101). Und dann der große Schlusssatz: „Dann sind die Bogen / Gesicht und Bewegung“ (S. 101). Er ist philologisch nicht als exakter Wortlaut, wohl aber eindeutig als verdichtete Reminiszenz an Marc Aurels „Selbstbetrachtung“ zu verstehen. In dieser Formel verwandelt sich Architektur in Physiognomie. Die Arkade bekommt ein Antlitz, aber auch ein Zeitmaß. Sie steht nicht still; sie wird zur Bewegung des Sehens. Und – es sei mir erlaubt, das ergiebige Bild assoziativ weiter auszumahlen – das Auge ist der Autor selbst: Er ist an der höchsten Stelle im Rundbogen der Arkade der Scheitelstein, der den Bogen hält und diesen für alle Zeiten verriegelt.
Wer ist also Joachim Wittstock in diesem Band? Er ist zunächst jener „aufmerksame Betrachter“, als den er sich im Anhang selbst bezeichnet. Die frühen Blätter, schreibt er dort, deuteten auf einen solchen Betrachter hin, der zwischen „Selbstprüfung“ und „Selbsttäuschung“ schwanke; und er bekennt, er habe stets geglaubt, „nur mit Hilfe des Schreibens … das verwirklichen zu können, was mir gegeben ist“ (S. 159). Das ist ein erstaunlich nüchterner, fast asketischer Satz. Wittstock erscheint nicht als Autor, der sein Ich in Sprache feiert, sondern als einer, der sich erst im Schreiben allmählich hervorzubringen versucht. Im Werkstattgespräch mit Walter Engel sagt er folgerichtig: „Lyrik bietet jedoch auch Information, Mitteilung“; es sei notwendig, „die wahrgenommenen Beziehungen in ihrem Kontext zu erfassen“ und den Einfall „bis in die feineren Verästelungen der Wortbedeutung“ vorzutreiben (S. 166). Das klingt trocken – und ist in Wahrheit von großer Konsequenz. Wittstock will kein Nebelpoet sein. Er möchte als ein Autor gelten, in dessen Texten Erkenntnis, Wahrnehmung und sprachliche Gewissenhaftigkeit zusammengehen.
Diese Strenge ist keine bloße Methode, sondern eine Haltung. Im selben Gespräch heißt es: „aus ihnen spricht ja eine Haltung“; Gedichte richteten sich „gegen Missverständnisse, gegen ein kurzsichtiges, falsches Verständnis der Wirklichkeit“ (S. 167).
Hinzu tritt das Verhältnis zur Sprache selbst, das in einem der stärksten Gedichte des Bandes fast erschütternd offengelegt wird. „Der deutschen Sprache aber ausgeliefert, / die fürs Ungeschaffene Benennungen bereithält, / der Unersättlichen ausgeliefert – / was kann ich durch sie?“ (S. 109). Das ist kein Bekenntnis komfortabler Heimatlichkeit. Sprache ist hier nicht Besitz, sondern Anspruch, nicht Ruhebett, sondern Prüfstand. Wittstock erscheint als jemand, der der Sprache ausgeliefert ist und gerade darin seine Aufgabe findet. Auch das erklärt, warum „Bogengang“ nicht wie ein gemütlicher Altersband wirkt. Es ist das Buch eines Autors, der bis zuletzt weiß, dass Benennen nie harmlos ist und dass Dichtung nur dort Gewicht hat, wo sie sich an das noch Ungeschaffene wagt.
Dass dieses späte Selbstbild nicht narzisstisch verengt ist, zeigt der Anhang noch einmal besonders deutlich. „Wenn ich heute in der Lage bin, auf ältere und neuere lyrische Bestände zurückzugreifen, um sie in einer Sammlung zu präsentieren, so ist das auf eine Reihe günstiger Umstände zurückzuführen“ (S. 175), schreibt Wittstock. Das ist typisch. Selbst im Augenblick der Bilanz behauptet sich hier kein Monumental-Ich. Stattdessen ruft der Autor bewusst den „Echoraum“ seiner Veröffentlichungen auf, die Lektoren, Kritiker, Übersetzer, Redakteure. Er will offenkundig nicht als einsamer Großmeister, sondern als Teil einer kulturellen Resonanzgeschichte bleiben. Auch das macht „Bogengang“ vermächtnishaft: Es ist nicht nur eine Auswahl von Texten, sondern die Darstellung eines literarischen Dazwischen, eines Gefüges von Beziehungen, in dem ein Werk überhaupt erst hörbar wurde.
Und auch die rumänischen, ungarischen und russischen Übersetzungen seiner Texte sind in „Bogengang“ nicht etwa nur als editorische Selbstreferenziertheit zu verstehen: Sie nehmen dem Band jede falsche Monolingualität. Wittstock lässt sein spätes Buch nicht in sprachlicher Reinheit erstarren, sondern öffnet es auf jenen vielstimmigen Raum hin, aus dem es hervorgegangen ist. Deutsch erscheint hier nicht als Besitzstand, sondern als eine Stimme unter benachbarten Stimmen; gerade darin liegt die stille Größe dieser Komposition. „Bogengang“ erinnert nicht nur an ein Werk, sondern an einen Kulturraum – an jenes mehrsprachige Siebenbürgen, in dem Literatur nie ganz einer Sprache allein gehört.
Ein entscheidender Hinweise darauf, wie Wittstock sich im weltliterarischen Horizont selbst verortet, stehen im späten Prosastück „Im spanischen Gefolge“ (S. 179-181). Dort widerspricht er einigen mal witzigen, mal ernst gemeinten, aber insgesamt irreleitenden literarische Fremdlesarten, die ihn in die Nähe Don Quijotes rücken. Das sei ein „Irrtum“. Und er grenzt sich dann auch von Cervantes’ stilistischer Brillanz in der objektivierenden dritten Person ab: „Denn sich wie der hervorragende spanische Erzähler und das Geschöpf seines Geistes, Don Quijote, (…) zu stilistischen Aufschwüngen und Proben unvergleichlicher Redekunst berufen zu fühlen, kommt dem Autor Joachim W. gar nicht zu. Vielmehr hat er in seiner Stube ganz bescheiden, ohne jede Grandeur Bericht abzufassen von seinem eigenen poetischen Anliegen und von dessen dezent zutreffender Ausdeutung.“
So lässt sich am Ende antworten: Joachim Wittstock ist in „Bogengang“ ein Autor der Arkaden. Einer der Übergänge, der Gewölbe, der Sichtachsen, der gedämpften Spiegelungen. Einer, der aus dem Alten kein Museum macht, sondern einen Erkenntnisraum. Einer, der nicht das Spektakuläre jagt, sondern dem Unbeachteten Nachricht gibt. Darum sind die Bogengänge des Hermannstädetr Kleinen Rings für ihn Sinnbild des eigenen Schreibens: Unter ihnen bleibt man in der Geschichte, ohne in ihr begraben zu sein; man sieht durch das Überlieferte hindurch und erkennt im längst Bekannten „das Neue“ – nicht als Sensation, sondern als „Wandlung des Bestehenden in ein Neues“ (S. 101). Wer Joachim Wittstock in diesem Band sucht, findet daher keinen Schlussstein, sondern einen Durchgang.
Walter Fromm
Joachim Wittstock: „Bogengang“. Gedichte und lyrische Prosa. Schiller Verlag, Bonn – Hermannstadt, 2024, 189 Seiten, 24,90 Euro, ISBN 978-3-949583-75-9, zu bestellen im Büchercafé Erasmus, Hermannstadt, deutsche Festnetznummer: (0228) 90919557, E-Mail: erasmus[ät]schiller.ro, www.schiller.ro
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