30. Juli 2026

Viel mehr als Maghrebinien: Gregor von Rezzoris schottische Impressionen von 1960

Den Älteren unter den Lesern und Leserinnen sind Rezzoris „Maghrebinische Geschichten“ (zwei Bände 1953 und 1967) vielleicht noch geläufig, die in einem balkanischen Phantasieland spielen. Sie wurden seinerzeit in Westdeutschland viel gelesen und waren auch in Rumänien nicht unbekannt. Dem in der Bukowina geborenen Rezzori gelangen in diesen Büchern treffende Schilderungen und mitunter ­klischeehaft karikierte Charaktere. Dabei waren sicher auch österreich-ungarische k.u.k. Vorstellungen von der Schlauheit und Schlitzohrigkeit mancher Balkanbewohner im Spiel.
Es ist aber zu kurz gegriffen, Rezzori (1914-1998) lediglich als Anekdoten erzählenden Unterhalter abzutun. Er war ein vielseitiger Autor und Künstler, dessen zahlreiche Talente sich in unterschiedlichen Medien entfalten konnten: begnadeter Geschichtenerzähler, Romanschriftsteller, Journalist und Reporter für den Rundfunk, Drehbuchautor, Schauspieler (an der Seite von Brigitte Bardot in „Privatleben“ und „Viva Maria!“), aber auch Gesellschaftskritiker („Idiotenführer durch die deutsche Gesellschaft“, 1962-1965; vier Bände).

Sein kürzlich im Klagenfurter Wieser Verlag erschienener Reisebericht über Schottland gibt erstmals in gedruckter Form die im NDR in fünf Folgen gesendeten Reiseeindrücke (21. Juli bis 2. Oktober 1960) wieder. Die Herausgeber Fried Nielsen und Gabriele Radecke dokumentieren im Nachwort akribisch die Entstehungs- und Sendungsgeschichte der Schottlandreise, die im Mai-Juni 1960 stattfand. Begleitet wurde Rezzori vom Radiojournalisten Jürgen Schüddekopf, den er kurz nach dem Krieg bei der Arbeit für den von den Briten gegründeten Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) kennenlernte. Die Herausgeber betonen die herausragende Rolle, die Rezzori als zunächst fest angestellter, dann als freier Journalist, Hörfunkautor und Sprecher bis in die 1950er Jahre spielte.

Die Reiseroute nach Schottland führte von London aus die Ostküste entlang, zum Teil durch geschichtsträchtige Orte wie Edinburgh, Inverness und Loch Ness. Zurück ging es an der Westküste über die Hebriden mit Besichtigungen von Orten mit Dudelsacktradition und Whiskybrennereien.

Rezzoris Vorstellungen dieses „alten Druidenlandes“ beruhen auf frühen Leseerlebnissen berühmter Schriftsteller des 19. Jahrhunderts wie Walter Scott (1771-1832), dem Autor historischer Romane, sowie Balladen („Die Brück’ am Tay“) und Reiseberichten („Jenseits des Tweed“) von Theodor Fontane (1819-1898), der 1858 – ebenfalls mit einem Begleiter – eine Schottlandreise unternommen hatte. Rezzoris erste Jugendlektüre war der bunt bebilderte Band „Schottlands Clans und ihre Tartans“, der seine „Knabenträume“ von wilden Häuptlingen schottischer Sippschaften prägte. Die Gegensätze zwischen roher Natur und schützenden Häusern und Burgen rufen „Stimmungsmotive seiner Kindheit“ in der Bukowina wach.

Andererseits sind die beiden Reisenden immer wieder enttäuscht von den Auswirkungen der Industrialisierung auf die Landschaft und dem Einbruch der modernen Bauweise bzw. der Fernsehantennen in historisch gewachsenen Orten: Ein Paradebeispiel ist Portobello (= Schöner Hafen), das sich als ernüchternde, graue und reizlose Stadt entpuppt. – In seinen Memoiren „Mir auf der Spur“ (1997) stellt Rezzori fest: „Ich habe einmal ein Wort geprägt, das allmählich Aufnahme in den allgemeinen Sprachgebrauch findet: Epochenverschleppung. Damit ist gemeint das anachronistische Überlappen von Wirklichkeitselementen, die spezifisch einer vergangenen Epoche angehören, in die darauffolgende (S. 13) Das parallele Nebeneinanderherlaufen von Wirklichkeiten ist ein Thema geblieben, das mich zeitlebens beschäftigt hat.

(…) Es ist eine erzeuropäische Erscheinung. Auch eine spezifische Erscheinung des zwanzigsten Jahrhunderts, mit der die europäischen Nationen mehr oder minder heftig sich herumzuschlagen haben“ (S. 298).

Das Fazit der beiden Herausgeber lautet: „Rezzori selbst ist es, der als scharfsinniger Beobachter sein eigenes, durch Kindheit und Literatur geprägtes Schottland-Bild schon während der Reise revidiert. Diese Relativierung schließt jedoch nicht aus, dass er neue Eindrücke gewinnt von diesem ‚Erdenfleck‘… (89f.), den er ins Herz geschlossen hat.“

Dem Verlag ist zu danken, das Hörfunk-Manuskript von 1960 in den Archiven entdeckt und in einem reich illustrierten und hervorragend mit zahlreichen Anmerkungen und Literaturhinweisen ausgestatteten Band ediert zu haben. Eine Entdeckung, die Rezzoris literarische Vielseitigkeit beweist und die Lektüre lohnt – möglicherweise als Vorbereitung für eine eigene Rundreise.

Konrad Wellmann

Gregor von Rezzori: „Whisky, Lords und Dudelsack“. Schottische Impressionen, herausgegeben von Fried Nielsen und Gabriele Radecke. Wieser Verlag, Klagenfurt, 2026, 200 Seiten, 29 Euro, ISBN 978-3-99029-674-5

Schlagwörter: Rezension, Rezzori

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