12. September 2026

Gelehrter Lehrender: Zum 100. Geburtstag von Harald Zimmermann

Als Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. mult. Harald Zimmermann am 21. März 2020 auf dem Tübinger Bergfriedhof zu Grabe getragen wurde, durften ihm wegen der strengen Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie nur ganz wenige, engste Familienangehörige die letzte Ehre erweisen. Aber es läuteten in Kronstadt die Glocken der Schwarzen Kirche als Zeichen der Verbundenheit mit dem bedeutenden Landsmann. Und Schüler oder Weggefährten würdigten in Deutschland, Österreich, Ungarn und Rumänien seine Lebensleistung in wissenschaftlichen Zeitschriften, aber auch in Periodika wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung oder der Siebenbürgischen Zeitung (siehe Nachruf auf den international renommierten Historiker Harald Zimmermann).
Prof. Harald Zimmermann in Henndorf, 1988. ...
Prof. Harald Zimmermann in Henndorf, 1988. Untertitel in einem studentischen Exkursionsalbum: „Blick aufs Land der Ahnen“. Fotografie im Privatbesitz.
Am 15. September dieses Jahres hätte er seinen 100. Geburtstag begangen, ein Anlass, dieses bedeutenden deutschen Mediävisten von europäischem Format zu gedenken, dieses herausragenden Siebenbürger Sachsen, dem die Erforschung und Vermittlung der Geschichte und Kultur seiner Landsleute ein Herzensanliegen gewesen ist.

Ihren Nachruf auf den „Nestor der Mittelalterlichen Geschichte mit Faible für die historischen Hilfswissenschaften“ leiteten die Tübinger Hochschullehrer Peter Hilsch und Gerhard Schmitz mit der Feststellung ein, man könne den Lebensweg des im 94. Lebensjahr am 19. März 2020 verstorbenen Historikers mit einem Satz zu beschreiben: „Er war ein in Ungarn geborener, protestantischer Siebenbürger Sachse mit österreichischer Sozialisation und Staatsangehörigkeit, der als deutscher Professor an den Universitäten Saarbrücken und Tübingen mittelalterliche Geschichte erforschte und lehrte.“

In der Tat fasst dieser Satz das Wirken und die Wirkungsorte von Harald Zimmermann treffend zusammen. Sein Leben und Werk ist aber selbstverständlich vielschichtiger: Er war ein fürsorgender Familienvater, ein verlässlicher Freund, ein eng mit Siebenbürgen Verbundener, ein präziser Quelleneditor, ein Wissenschaftsorganisator, der Großprojekte initiieren und leiten konnte, ein unermüdlicher Erforscher und Vermittler der mittelalterlichen deutschen Geschichte, der Geschichte des Papsttums, des Canossagangs von Heinrich IV. (1077), des Deutschen Ordens und der Geschichte der Siebenbürger Sachsen.

„Urkunde und Kunde“ hat der Erlanger Ordinarius Klaus Herbers den Nachruf auf seinen akademischen Lehrer in der FAZ treffend überschrieben. Das kunstvolle, quellenbasierte Künden von dem, was einstmals war, gehörte zu Zimmermanns Stärken. Rhetorisch äußerst begabt, konnte er Sachverhalte in Vorträgen und Lehrveranstaltungen fesselnd und überzeugend vermitteln, nicht zuletzt seinen siebenbürgisch-sächsischen Landsleuten, deren Einladungen er gerne Folge leistete. Sein Festvortrag bei der 850-Jahrfeier der Siebenbürger Sachsen in der Frankfurter Paulskirche 1991 bleibt unvergessen.

Prof. Harald Zimmermann, vermutlich als Dekan der ...
Prof. Harald Zimmermann, vermutlich als Dekan der Geschichtswissenschaftlichen Fakultät der Eberhard-Karls-Universität Tübingen (1980-1982). Fotografie: „das Atelier“, Tübingen. Archiv des Siebenbürgens-Instituts in Gundelsheim/Neckar.
Zimmermann war ein begeisterter und begeisternder akademischer Lehrer. Meist sprach er in seinen Vorlesungen frei, nur mit einem Blatt Papier in der Hand, auf das er die Struktur seiner Darlegungen notiert hatte. Daraus ist sein zweibändiges Werk „Das Mittelalter“ entstanden, eine Synthese, die präzise und lebendig diese Epoche der deutschen und europäischen Geschichte vorstellt und analysiert. Für seine Seminare mussten sich die Studierenden stets gründlich vorbereiten, denn er forderte sie und duldete keine Unaufmerksamkeit.

Legendär waren seine jährlichen thematischen Studienreisen. Sie wurden ein Semester lang in „Exkursionsseminaren“ gründlich vorbereitet. Während der Reise musste jeder Teilnehmer ein Referat halten, im Bus, vor Ort an historischen Stätten, in gemeinsamen Workshops mit Studierenden von Partneruniversitäten, die man besuchte. Zimmermann war ein strenger Reiseleiter, für den Pünktlichkeit oberstes Gebot war. Aber er konnte abends auch fröhlich und entspannt mit den Studierenden plaudern und tanzen.

Prof. Harald Zimmermann 1988 im Klausenburger ...
Prof. Harald Zimmermann 1988 im Klausenburger Studentenkulturheim beim Tanz mit der damaligen Studentin Edit Szegedi, heute eine bedeutende Historikerin. Untertitel in einem studentischen Exkursionsalbum: „… jui!“ Fotografie im Privatbesitz.
Für mich bleiben die Studienreisen nach Canossa, nach Bern (Bundesbriefarchiv), nach Ungarn und nach Siebenbürgen unvergessen. Letztere ging im April 1988 „Auf den Spuren des Mongolensturms“ in ein Land, das von einem kommunistischen Diktator geknechtet wurde. Zimmermann legte Wert darauf, seine Landsleute auch in dieser Zeit zu besuchen, organisierte ein gemeinsames Seminar von Klausenburger und Tübinger Studenten, erwies sich aber auch als standhaft, als zum Beispiel Grenzbeamte es in Curtici wagten, die Exkursionsunterlagen der Teilnehmer und sein Gastgeschenk, wertvolle Bände aus der berühmten Quellenedition „Monumenta Germaniae Historica“ zu beschlagnahmen. Stur beharrte er auf deren Rückgabe, der Zug konnte drei Stunden lang nicht weiterfahren, bis, ja bis Zimmermann seinen Willen durchgesetzt hatte. Von Schäßburg aus wollte er mit dem ONT-Bus unbedingt über Henndorf nach Hermannstadt fahren, denn ein „Czymmermann“-Vorfahre war ja dort bereits im 17. Jahrhundert der Hann. Das Reisebüro war „von oben“ angewiesen worden, den Bus über Mediasch zu leiten, damit die „Fremden“ nicht den schlechten Zustand der Straße nach Agnetheln zu sehen und zu spüren bekommen. Die Rechnung ging nicht auf. Nach zähen Verhandlungen fuhren wir nach Henndorf und trafen dann in Jakobsdorf Pfarrer Dietrich Galter, den heutigen Dechanten des Hermannstädter Kirchenbezirks.

Ungemütlich wurde es, als der Reiseleiter unbedingt von Bistritz über den Rodna-Pass in die Moldau fahren wollte, den Pass, über den die Mongolen 1241 in den Nösnergau eingefallen sind. Doch der Pass lag in einem militärischen Sperrgebiet. Trotzdem mussten wir diese Strecke fahren. Persönlich hatte ich Angst, war es doch meine erste Rumänienreise nach der Aussiedlung. Zimmermann aber gab erst nach, als die „Ausländer“ – bereits zehn Kilometer ins Sperrgebiet vorgeddrungen! – von einer Militärstreife höflich, aber bestimmt zur Umkehr aufgefordert wurden. Wir fuhren dann über den Borgo-Pass, überstanden dank „Antigrippin“ (Tzuika) einen Schnee- und Kälteeinbruch in einem Bus, dessen Heizung nicht funktionierte, besuchten die Moldauklöster und fuhren schließlich wohlbehalten zurück nach Tübingen, wo sich die Teilnehmenden noch jahrelang beim „Mongolenstammtisch“ regelmäßig trafen und Erinnerungen austauschten.

Konrad Gündisch

Schlagwörter: Zimmermann, Historiker, Jubilar, Tübingen, Mittelalter

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