7. Dezember 2006

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Horst Göbbel: "Ist ein Fortbestand des Deutschen in Nordsiebenbürgen realistisch?"

Dieser Frage ging Horst Göbbel, Vorsitzender des Hauses der Heimat in Nürnberg e.V., im letzten Teil der 2006 präsentierten Vortragsreihe „Deutsche in der Zips, in der Bukowina und in Nordrumänien – gestern und heute“ am 2. November im Haus der Heimat ein. Nach einem Rückblick auf die Zips, Galizien und die Nordbukowina behandelte der Referent im letzten Teil des Vortrags die aktuelle Lage der Deutschen in Nordrumänien, besonders Nordsiebenbürgen, und thematisierte das historische Erbe dieser zu mehr als 95 Prozent ausgesiedelten Deutschen.
Die Gemeinschaft der Deutschen ist in Nordsiebenbürgen schon durch die Evakuierung 1944 geschrumpft (von ca. 40 000 Evakuierten kehrten ca. 6 000 1945 zurück). Die große Aussiedlungswelle ab ca. 1969/70 führte dazu, dass im Schnitt in den Orten Nordsiebenbürgens ca. 15 bis 20 Jahre vor Südsiebenbürgen nur noch vereinzelt Deutsche lebten. In Bistritz z. B. leben zur Zeit ca. 270 evangelische Christen (davon sind nur ein Teil Deutsche), in den ca. 40 ursprünglich deutschen bzw. von Deutschen geprägten Gemeinden des Nösnerlandes und der Südbukowina, wo Zipser lebten, wohnen nur vereinzelt evangelische Christen bzw. Deutsche. Stadtpfarrer Hans Dieter Krauss und sein neuer Bistritzer Kollege, Diasporapfarrer Johann Zey, betreuen derzeit wohl weniger als 400 evangelische Christen in diesen Gemeinden in einer Umwelt ohne große Perspektiven einer Weiterentwicklung des Deutschen in Nordsiebenbürgen.

Die wenigen Deutschen und die Kirchen müssen sich neuen Herausforderungen stellen und neuen Aufgaben zuwenden. Gläubige und Pfarrer müssen sich den Bedingungen dieser „Diasporakirche“ anpassen. Zu den wichtigen neuen Funktionen der Kirchen gehört etwa die Sicherung wertvollen Kulturguts und der Kirchenarchive. Insbesondere stellt sich jedoch die Frage der weiteren Nutzung der zahlreichen Kirchengebäude als Gotteshäuser nach dem Weggang der evangelischen Christen. Aufgelassene Kirchen werden anderen Konfessionen überlassen, was in Nordsiebenbürgen aus vielen Gründen wohl etwas einfacher war als es in Südsiebenbürgen möglich erscheint. Göbbel erwähnte in diesem Zusammenhang das besonders positive Verhältnis der Nordsiebenbürger Sachsen zu ihren rumänischen Nachbarn. Man hatte nach 1945 und man hat auch heute als Besucher in der nordsiebenbürgischen Heimat kaum Berührungsängste. Mehrere Kirchen erfuhren inzwischen ihre Rettung als Gotteshäuser, indem sie den die örtlichen orthodoxen Gemeinden überlassen wurden (etwa Burghalle, Deutsch-Budak, Dürrbach, Großschogen, Heidendorf, Kallesdorf, Klein-Bistritz, Mettersdorf, Oberneudorf, Petersdorf, Pintak, Sankt Georgen, Schönbirk, Treppen, Tschippendorf, Wallendorf, Waltersdorf, Weißkirch, bzw. an die ungarische reformierte Kirche (Lechnitz, Tatsch), einige sind dem Verfall preisgegeben (Senndorf, Windau, Wermesch, Ungersdorf), andere hat der rumänische Staat renoviert und unter Denkmalschutz gestellt (Mönchsdorf, Treppen, Minarken). Angesichts der durch die Aussiedlung entstandenen Alters- und Sozialstrukturen der Deutschen tritt die kirchliche Diakonie zunehmend in den Vordergrund. Göbbel ging auch auf die Anstrengungen vieler Heimatortsgemeinschaften im Hinblick auf die Unterstützung der noch dort lebenden Landsleute bzw. besonders der Renovierung von ev. Kirchen ein.

Chancen des EU-Beitritts

Der Fortbestand des Deutschen in Nordsiebenbürgen werde, so der Referent, letztlich auch davon abhängen, ob die deutschen Schulen weiterhin positiv agieren können, und ob durch die Rückgabe von kirchlichem Eigentum eine materielle Basis geschaffen werden kann, die zu neuen Formen des gemeinschaftlichen, multiethnischen Zusammenlebens führt. Gläubige und Pfarrer der Evangelischen Kirche A. B. müssen von der bisher geltenden Vorstellung einer ethnisch und sprachlich deutschen Kirche Abschied nehmen. Die Chancen dazu steigen durch den demnächst stattfindenden Beitritt Rumäniens zur Europäischen Union. Der Vortrag wurde ausgiebig unterlegt mit Fotos von einer Reise im Sommer 2005 in die Zips, nach Lemberg, Czernowitz, in die Südbukowina, nach Maramuresch und Nordsiebenbürgen. Besonders interessant erschienen die Bilder aus Leutschau, dessen Zentrum einen Eindruck von der vergangenen Größe der Zipser dokumentiert, sowie die Fotos über die in besonderem Maße von der HOG Bistritz-Nösen geförderten Renovierungsarbeiten der Bistritzer evangelischen Kirche.

Aus aktuellem Anlass wurde auf den Anfang Oktober verstorbenen siebenbürgisch-sächsischen Büchner-Preisträger 2006 Oskar Pastior eingegangen und sein letztes Interview wenige Tage vor seinem Tod gezeigt.

(gedruckte Ausgabe: siebenbürgische Zeitung, Folge 19 vom 30. November 2006, Seite 14)

Schlagwörter: Vortragsreihen, Nordsiebenbürgen, Nürnberg

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