5. August 2007

IKGS in München: Ein ereignisreiches Jahr

Zehn Absolventen und Doktoranden aus Deutschland, Rumänien, Ungarn, Serbien, Slowenien, Kanada und Italien forschen derzeit am Institut für deutsche Kultur und Geschichte Süd­osteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München (IKGS). Ihre Aufmerksamkeit rich­tet sich unter anderem auf die Geschichte der deutschsprachigen Publizistik auf dem Ge­biet des heutigen Slowenien, auf die ältere ungarndeutsche bzw. die neuere rumäniendeutsche Literatur sowie auf die deutsch-serbischen Beziehungen im 20. Jahrhundert. Dabei nutzen die jungen Forscher die Fachkompetenz der Wissenschaftlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Instituts, Dr. Juliane Brandt, PD Dr. Mariana Hausleitner, Prof. h. c. Dr. Peter Motzan und Prof. h. c. Dr. Stefan Sienerth, die ihre Arbeiten betreuen und begleiten.
Die mit Fachliteratur, Nachschlagewerken und Archivalien sowie mit einem reichen Mikrofilmarchiv zur deutschsprachigen Presse Südosteuropas gut ausgestattete Bibliothek enthält die notwendigen historischen und theoretischen Fundamente für die Forschung. Neben den Angestellten des IKGS wurde der berufliche Alltag am Münchner Institut in den letzten zwei Jahren von den jungen Wissenschaftlern und von Studenten der LMU, die hier ihre Seminar- und Hausarbeiten vorbereiten, nachhaltig mitgeprägt.

Dies hob IKGS-Direktor Stefan Sienerth in einem Gespräch mit der Siebenbürgischen Zeitung hervor und verwies auf die jeweils um die Jahresmitte stattfindenden Sitzungen der Leitungsgremien, bei denen die Tätigkeit der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im vergangenen Kalenderjahr bewertet und über künftige Aktivitäten beraten wird. In den am 11. und 12. Mai 2007 stattgefundenen Sitzungen haben die Leitungsorgane des IKGS, denen Vertreter der Bundesregierung und des Bayerischen Staates sowie zahlreiche Universitätsprofessoren aus dem In- und Ausland angehören, betont, dass die seit 2004 angestrebte Anbindung des IKGS an die LMU München erfolgreich umgesetzt worden sei. Die universitäre Lehre der Wis­sen­schaftlichen Mitarbeiter/innen des IKGS sei seitdem stetig angewachsen. Es werden regelmäßig Lehrveranstaltungen an der LMU München so­wie Vorlesungen in Berlin, Bukarest, Klau­sen­burg, Hermannstadt und Fünfkir­chen/Pécs ab­gehalten. Gleichzeitig steige auch die Zahl der Studenten, Doktoranden, Stipendiaten und Praktikanten, die am Institut betreut werden.

Stiftungslehrstuhl in Ungarn eingerichtet

Zu den bedeutsamen Ereignissen des Jahres 2006 gehörte die Einrichtung eines Stiftungs­lehr­stuhls für „Deutsche Geschichte und Kultur im südöstlichen Mitteleuropa“ an der Universi­tät Fünfkirchen, der durch die Regierung der Bundesrepublik Deutschland über das IKGS für fünf Jahre finanziert und betreut werden soll. Danach wird die ungarische Seite die finanzielle Ausstattung des Lehrstuhls übernehmen. Ziel der Stiftungsprofessur sei es, besonders die neuere deutsche Geschichte (18.-20. Jahrhun­dert) und Kultur im südöstlichen Mitteleuropa in ihren Wechselbeziehungen zu den Völkern dieses Raumes darzustellen und zu weiterer Beschäf­tigung mit diesem Gegenstand anzuregen, sagte Dr. Sienerth. Seit dem 1. Februar 2007 ist die Stelle durch den bekannten Südost­europa­historiker Prof. Dr. Gerhard Seewann be­setzt.

Literaturwissenschaften in Klausenburg

Die Zusammenarbeit mit dem literaturwissen­schaftlichen Stiftungslehrstuhl in Klausen­burg, der im Sommer 2004 gegründet wurde und ebenfalls im Auftrag der Deutschen Bundesregierung über das IKGS finanziell ge­fördert wird, hat sich intensiviert. Die Ger­ma­nisten des IKGS, Peter Motzan und Stefan Sie­nerth, werden vom Inhaber des Stiftungs­lehr­stuhls in Klausenburg, Prof. Dr. András Balogh, und seiner Mitarbeiterin Dr. Bianca Bican laufend über dessen Aktivitäten informiert. Mit Unterstützung des IKGS wurde 2006 ein Masterstudiengang eingerichtet, der zurzeit von zwölf Student/innen besucht wird. In dessen Rahmen werden auch Peter Motzan und Stefan Sienerth Blockvorlesungen anbieten.

Organisator zahlreicher Tagungen

Das Institut für deutsche Kultur und Geschichte Süd­osteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München (IKGS) wirkte auch im Jahre 2006 als Veranstalter und Mitorganisator zahlreicher Symposien und Tagungen zu Fragestellungen der Geschichte, Kultur und Literatur in den multiethnischen Regionen des südöstlichen Mitteleuropa. Zu diesen Tagungen zählen der „VII. Kongress der Germanisten Rumäniens“ (Temeswar), „Die Staatspolitik gegenüber Minderheiten in Südosteuropa im Stalinismus“ (Fünfkirchen), „Die Literarische Zentrenbildung in Südosteuropa. Hermannstadt/Siebenbürgen als Fallbeispiel“ (Hermannstadt), „Deutschspra­chi­ge Öffentlichkeit und Presse in Mittelost- und Südosteuropa 1848–1948“ (Jassy), das Sympo­sium „Nikolaus Berwanger – Journalist, Kultur­politiker, Schriftsteller“ im Internationalen Be­gegnungszentrum der Wissenschaft München (IBZ) sowie die Autorenlesungen von Franz Hodjak und Edgar Hilsenrath. Darüber hinaus nahmen die Wissenschaftlichen Mitarbeiter/in­nen an weltweiten Tagungen und Autoren­le­sungen teil, die nicht vom IKGS organisiert wurden.

Münchner Bücherschau

Im Rahmen der 47. Münchner Bücherschau veranstaltete das IKGS am 27. November 2006 in der Blackbox des Münchner Gasteigs in Zusammenarbeit mit der Offenen Akademie der Münchner Volkshochschule und den Verlagen S. Fischer, Hanser und Zsolnay die Podiums­dis­kus­sion „Die Suche nach der versunkenen Mitte Europas“ mit einer hochkarätigen Experten­run­de: Karl Markus Gauß, Martin Pollack und Richard Swartz. Im Rahmen der Rumänischen Kulturwoche, die in den letzten Jahren regelmäßig von den Regierungen Rumäniens und Bayerns veranstaltet wurde, beteiligte sich das IKGS an einem Podiumsgespräch zu Fragen der Interkulturalität in Siebenbürgen.

Rege publizistische Tätigkeit

Im Februar 2006 erschien der von Mariana Hausleitner und Harald Roth herausgegebene Sammelband „Der Einfluss von Faschismus und Nationalsozialismus auf Minderheiten in Ost­mittel- und Südosteuropa“. Er enthält vorrangig Beiträge junger Wissenschaftler/innen aus Deutschland, Frankreich, der Schweiz, Ungarn, Kroatien und den USA. Diese Thematik stieß auf breites Interesse bei Lesern und Rezensenten, dazu erschienen mehrere Besprechungen in Deutsch­land, Ungarn, Rumänien, Österreich und den USA. Lesenswert ist auch der von Franz Heinz herausgegebene Band „Otto Alscher u. a.: Belgrader Tagebuch 1917–1918“, der feuilletonistische Beiträge aus der österreichischen Besatzerzeitung „Belgrader Nach­richten“ enthält und die unverwechselbare Sze­nerie einer Region mit ihren politischen und sozialen Gegensätzen vergegenwärtigt. Neu auf­gelegt wurden die von Stefan Sienerth ge­führten Gespräche mit deutschen Schriftstellern aus Südosteuropa „Dass ich in diesen Raum hineingeboren wurde“ und die von ihm herausgegebene Anthologie „Siebenbürgische Erzäh­lungen“, deren erste Auflagen seit einigen Ja­hren vergriffen sind. Peter Motzan, Stefan Sie­nerth und Mira Miladinović Zalaznik haben den Sammelband „Benachrichtigen und vermitteln. Deutschsprachige Presse und Literatur in Ost­mittel- und Südosteuropa im 19. und 20. Jahr­hundert“ herausgegeben, der Beiträge von Lite­raturwissenschaftlern und Historikern aus Deutschland, Kroatien, Rumänien, Serbien, Slo­wenien, Ungarn und Holland bündelt.

Im Rahmen einer verstärkten sprachwissenschaftlichen Akzentsetzung hat das IKGS im Februar 2007 ein Symposium über Mundart­wörterbücher veranstaltet, die Entstehung des neunten Bandes des „Siebenbürgisch-Säch­si­schen Wörterbuchs (Q-R)“ personell und finanziell gefördert sowie auch die Arbeiten am „Ba­nat-Schwäbischen Wörterbuch“ an der Uni­ver­si­tät Temeswar unterstützt.

Zeitschrift im Inhalt und Layout modernisiert

Die institutseigene Zeitschrift „Südost­deut­sche Vierteljahresblätter“, die seit dem Heft 1/2006 unter dem Namen „Spiegelungen“ er­scheint, ist im Inhalt und Layout modernisiert worden. Durch die Layoutgestaltung im IKGS konnten die Herstellungskosten erheblich ge­senkt werden. Gleichzeitig wird darauf geachtet, die Unverwechselbarkeit einer Kulturzeit­schrift mit wissenschaftlichem Anspruch auch unter dem neuen Titel zu bewahren. Diese Kon­tinuität wird nicht zuletzt durch das Heraus­gebergremium – Hans Bergel, Anton Schwob und Johann Adam Stupp – gewährleistet. Das Redaktionskollegium, dem Horst Fassel, Harald Heppner, Peter Motzan, Eduard Schneider und Stefan Sienerth angehören, deckt die Tätig­keitsbereiche des IKGS gut ab. Für die Rubriken Neue Bücher und Literarische Texte ist weiterhin Peter Motzan zuständig. Alle vier wissenschaftlichen Mitarbeiter/innen des IKGS unterstützten und begleiteten kompetent die redaktionelle Tätigkeit. Eduard Schneider, der als ehemaliger Feuilletonchef der „Neuen Ba­nater Zeitung“ (Temeswar) über breite publizistische Erfahrung verfügt und mit den For­schungs­feldern des IKGS bestens vertraut ist, leistet als verantwortlicher Redakteur hervorragende Arbeit.

Wissenschaftliche Ver­netzung angestrebt

Neben den „Spiegelungen“, die vierteljährlich er­scheinen und besonders auf Literatur, Ger­manistik und Zeitgeschichte ausgerichtet sind, ist das IKGS auch an der Herausgabe ei­nes wissenschaftlichen Jahrbuches „Danu­biana Carpa­thica. Zeitschrift für Geschichte und Kultur in den deutschen Siedlungsgebieten Südosteuro­pas“, institutionell und personell be­teiligt. Diese Zeitschrift, deren erstes Heft er­schienen ist, dient der wissenschaftlichen Ver­netzung und setzt das Südostdeutsche Archiv in neuer Ge­stalt und mit zum Teil gewandelten Inhalten fort. Sie wird in Zusammenarbeit mit der Süd­ostdeutschen Historischen Kommission sowie dem Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde (Tübingen) redigiert und von Matthias Beer, Harald Heppner, Gerhard See­wann und Stefan Sienerth herausgegeben.

Wie Stefan Sienerth weiter ausführte, seien die dokumentarischen und archivarischen Sammlungen des IKGS im letzten Jahr zügig ausgebaut worden: Die von Susanne Staffler betreute mehrsprachige Fachbibliothek, die über Jahre aus Ankäufen und Nachlässen, Tauschbeziehungen und Geschenken zu ihrem heutigen Bestand heranwuchs, ist mit ihrer „Deutsche in/aus Südosteuropa“ übergreifenden Thematik in Deutschland einzigartig. Die Archivbestände umfassen Nach- und Vorlässe (im Bereich deutsche Literatur im südöstlichen Mitteleuropa), Vereinsunterlagen (im Bereich Geschichte, Pressegeschichte) sowie ein großes Pressearchiv. Dank der Anschaffung von weiteren Archivschränken und Regalen sowie des Einsatzes von Dr. Helmut Kelp wurden 2006 zahlreiche Archivalien geordnet und fachgerecht verwahrt.

(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 13 vom 15. August 2007, Seite 8)

Schlagwörter: IKGS, Südosteuropa, Literaturgeschichte, deutsch-rumänische Beziehungen, München

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