28. Februar 2008

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Geschichten aus Siebenbürgen

Vor kurzem erschien in der Schriftenreihe Winsener Hefte, als Ausgabe 25, eine Folge von Erzählungen: „Die seltsame Süße der Gastlichkeit. Geschichten aus Siebenbürgen“ von Claus Stephani. Diese internationale Reihe mit Kurzprosa wird seit über zehn Jahren vom Literatur­verlag Hans Boldt (Winsen/Luhe) herausgebracht. Sie vereint, wie es im thematisch weitgefächerten Verlagsprogramm heißt, „kurze Prosaarbeiten namhafter Autoren der Gegenwart“.
Europaweit bekannt wurde der Literaturverlag Hans Boldt durch die Herausgabe der unveröffentlichten Erzählungen des Schriftstellers Josef Burg (Czernowitz), dem „letzten lebenden Klas­siker der jiddischen Literatur“, von dem bisher neun Bände in deutscher Sprache erschienen sind. Als Erzähler gehört Burg heute neben Schalom Alechem, Isaac Bashevis Singer, Elie Wiesel u.a. zu den großen Prosaautoren des östlichen Judentums. In den Folgen „Gespräche über die Zeit“, die ebenfalls in der Schriftenreihe Winsener Hefte erscheinen, finden sich renommierte Namen mo­derner Schriftsteller wie Günter Grass, Stefan Heym, Theodor Weißenborn, Tschingis Aitmatow u.a. sowie die Künstler Dieter Hildebrandt, Frie­denreich Hundertwasser, Christo und Jeanne-Claude, die in den letzten Jahren von Michael Martens für den Verlag interviewt wurden.

l ... „Denk ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht“, schrieb einst Hein­rich Heine – und mit diesem Zitat beginnt Claus Stephani seine Rückschau und Erinnerungen –, wonach der Autor meint: „Er (Heine) wird wohl gute Gründe gehabt haben, die ihn zu dieser kri­tischen Trauer in seinen ‚Nachtgedanken‘ anreg­ten.“ Dann aber führt Stephani Heines Gedan­kengang weiter und sagt: „Denk ich an Rumänien am Tag, umarmt mich bald die Erinnerung wie eine Geliebte, die ich einst verlassen habe. Und mit ihr kommen seltsame Träume. Es sind aber keine Nachtträume, denn wenn ich an dieses Land denke, bin ich immer sehr wach. Es sind, wenn man so sagen kann, Tagträume.“

Der Prosatext „Die seltsame Süße der Gastlich­keit“ von Claus Stephani vereint eine Folge von Geschichten aus Siebenbürgen, lebendig und einfühlsam erzählt, die sich aneinander reihen und von der Handlung her ineinander übergehen. Es sind Erlebnisse und Begegnungen des Autors auf verschiedenen Wanderungen durch Siebenbürgen und durch die Maramuresch. Ein­leitend definiert Stephani den vieldiskutierten Heimatbegriff aus seiner individuell geprägten Perspektive: „Heimat ist Schicksal. Und Schick­sal ist immer einmalig. Daran lässt sich nämlich nicht herumdeuteln. Der Begriff steht da, und er ist weit mehr als nur ein Wort ...“, aber „Schicksal ist auch Erinnerung. Und die kann man nicht einfach ablegen. Irgendwo stehen lassen wie alte, abgelaufene Schuhe.“

In Erlebnisgeschichten erzählt der Autor dann von Begegnungen mit verschiedenen Menschen in abgelegenen Tälern der Maramuresch und im ländlichen Siebenbürgen. Da ist z. B. die rumänische Bäuerin, die er „eine Symbolfigur“ und „ewige Mutter der Karpaten“ nennt; sie schenkt ihm und seiner Begleiterin einen Korb reifer süßer Pflaumen. Dann verweilt er beim sächsischen Lehrer Klein in Dobring, in „einer zärtlichen, liebevoll besorgten Landschaft, in der damals noch meist Sachsen leben“, wo man ihn, den unbekannten Wanderer, ebenfalls freundlich bewirtet. Schließlich besucht er den einsamen Schneider Moses Lifschitz, mit dem er in einem kleinen Weiler oben im Wassertal einen Schabbat feiert. Eine besondere Erzählung be­richtet von einem Besuch beim Zigeuner Gheor­ghe in Porumbacu de Jos, der ihm traditonsgemäß und „aus Gastfreundschaft“ ein schönes, dunkles Mädchen zum Beischlaf anbietet.

Am Schluss aller Begegnungen und Erlebnisse sitzt Stephani eines Abends mit einem rumänischen Freund, dem bekannten Ethnologen und Mythenforscher Romulus Vulcănescu, bei einem Glas Wein im Bukarester Schriftstellerhaus. Der Autor erzählt ihm vom seltsamen Angebot des Zigeuners, worauf Vulcănescu sagt, dass es diese alte Sitte bis in die 1950er Jahre auch in den Bergdörfern des Oascher Landes gegeben habe, und er schließt mit den Worten: „Jeder Rumäne ist eben auf seine Art gastfreundlich. Ich weiß nicht, wie du das siehst, mein Freund, ich aber finde es einfach wunderbar, dass hier jeder von dem gibt, was er hat – einen Korb voll reifer Pflaumen oder ein junges Mädchen. Was dann süßer ist, muss man selbst herausfinden. So ist es eben bei uns.“

Angela Popa

Winsener Heft 25 – Claus Stephani: „Die seltsame Süße der Gast­lichkeit. Ge­schichten aus Siebenbür­gen“, Litera­turverlag Hans Boldt Winsen/Luhe, 2007, 22 Seiten, Euro 5,00, ISBN 978-3-928788-63-2. Kann über jede Buchhandlung bestellt werden.

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