19. Oktober 2008

Internationales Poesiefestival Oskar Pastior in Hermannstadt

„Wir sitzen in Städten im Osten./ Man macht Poesie/ Und während die Schreibfedern rosten/ Erklärt sich der Krug zum Genie.“ Eine dieser Städte war damals, als Rolf Bossert den Text schrieb, Hermannstadt, sie hatte unter Ceauşescu auch auf rumäniendeutsch Sibiu zu heißen. Unter den Siebenbürger Sachsen und hinter vorgehaltener Hand galt sie immer noch als „Haupt- und Hermannstadt“.
Das war ein herzlich naiver Irrtum, denn die immobilen Kulturgüter von der Lügenbrücke bis zu den Patrizierhäusern fielen an den Staat und verfielen, während die nur irgend mobilen, etwa Kostbarkeiten der Brukenthalschen Gemäldesammlung, nach Bukarest verfrachtet wurden, zum Augenschmaus der neuen Haupt-Herren, die sich Genossen nannten. Schließlich verfrachteten sich die meisten Sachsen auch – nach Deutschland. Allerhand Historisches und Bewegendes ist seither ins Land gegangen, Rolf Bossert ist aus der Welt gegangen und der „Osten“, wie er ihn erlitten hat, dahin, aber die Städte gibt es weiterhin, und sie sind immer noch so, dass man sie am besten ohne bestimmten Artikel und sogar ohne Namen benennt, Orte der Unwägbarkeit.

Dieses Sibiu, über und über, durch und durch mediatisierte Kulturhauptstadt des Jahres 2007, dieses Hermannstadt, Wallfahrtsort jener, die es zu kennen oder zu erkennen oder wiederzuerkennen meinen, ist ein guter Ort für ein Poesiefestival. Das haben Ernest Wichner vom Literaturhaus Berlin und die literaturbewegten Verantwortlichen des Rumänischen Kulturinstituts in Bukarest und von da aus federführend Corina Bernic sehr wohl begriffen oder, will man der Unwägbarkeit Rechnung tragen, erspürt, und nun zum zweiten Mal in Folge 20 Autoren aus elf Ländern eingeladen, in der Geburtsstadt Oskar Pastiors unter – und gewissermaßen in – seinem Namen zu lesen.

So ist der rechte Patron, nicht nur Namenspatron, gefunden worden für ein Fest der Vielstimmigkeit und Vielsprachigkeit, bei dem eines vor allem klar wird: Poesie ist keine Spedition, die Botschaften aller Art transportiert, sie ist kein Übermittlungsinstrument für Inhalte, die aufgenommen, sodann entschlüsselt und im Wortsinn begriffen werden sollen. Sie ist vielmehr um Vermittlung zwischen Menschen bemüht; nicht die Gedichte sollen „verstanden“ werden, die Menschen sollen sich verständigen, verstehen. Wer Oskar Pastior einmal hat lesen hören, der hat ihn auch lesen gelernt und kann dabei wieder und wieder lernen, dass es genauso ein Krampf ist, seine Gedichte verstehen zu wollen, wie ein Genuss, sich darauf und auf ihn einzulassen, ihn, diesen Oskar Pastior, zu verstehen. Er mochte die Menschen und liebte die Worte, ließ sich auf sie ein, und alle haben etwas davon. Wieviel, entscheidet jeder für sich, das Angebot ist überreich.

Auch dieses Festival und seine Gäste und Besucher schwelgten förmlich in der herbstlich sanften Erinnerung an den vor zwei Jahren gestorbenen Mentor wahrhaft freier Worte für verständige, aber nicht verkrampfte Menschen. An einem Ort, den zu begreifen und zu benennen schwerfällt, ist es gut, nach Worten zu suchen. Wenn man es dazu gemeinsam und gleich in mehreren Sprachen tun kann, werden wissende Ratlosigkeit und staunende Sprachlosigkeit zum wortreichen Ereignis. Es kommen hier Menschen zusammen, die sich darauf verstehen, ein Geheimnis „salbungsvoll“ für sich zu behalten, wie Mugur Grosu unkt, die das Scheppern der Dachrinne als fröhlich zu deuten wissen wie Erwin Einzinger, die wie Vasile Leac mit der Frage umgehen, wie man etwas ausdrückt, ohne es zu benennen.
Die beiden jungen Rumänen Grosu und Leac vermitteln mit überbordender Nonchalance den Eindruck, dass auch die Poeten dieses Landes allen tradierten oder diktierten oder korrekten Gewissheiten entraten haben, dass es auch ihnen um Aufmerksamkeit geht – vor dem Hintergrund des Zweifels, ob denn überhaupt und wer oder was noch Aufmerksamkeit verdient. Der missionarische Odem, der dem rumänischen Dichterwort allemal vorausging, ist verhaucht, eingekehrt ist die Normalität der Beliebigkeit und des ständigen Anschreibens dagegen, eingekehrt ist die Ironie.

Um so reizend reizvoller berührt dagegen die Inständigkeit, die man einem Amerikaner wie Christian Hawkey nicht zutrauen würde: Allein zu Hause mit der Videokamera bedeute, nicht allein zu sein, aber einsam. Dem Tschechen Petr Borkovec nimmt man um so bereitwilliger lächelnd die Anrufung ab: Gott, schenk mir einen sanften Winter! Ja man mag sich sogar dem jahrzehntealten Gebet von Mircea Dinescu immer noch uneingeschränkt anschließen: „behüte mich, herr / vor jenen, die mir wohlgesonnen sind“. Wohlgesonnen waren doch in diesem seinem Land die Kommunisten, und die Folgen sieht man dem metaphernspinnenden Berserker Dinescu ebenso an wie der mittelalterlich-postsozialistisch versponnenen Stadt Hermannstadt, jenem an der sarkastisch beschwörenden Geste, am unheilbaren Hang zur erfrischend sprudelnden Häme, dieser an den bröckelnden Mauern, an den von Geduld prallen, verschlissenen Einkaufsbeuteln alter Menschen in ausgelatschten Schuhen, an den rostigen Autos.

Allerdings gibt es auch viele ganz andere Schuhe und Autos in Hermannstadt, hochhackig, hochpreisig, funkelnd. Allerdings glänzt auch vieles, von vielen Zinnen bis zum frisch gesprühten Pflaster. Ja, im Brukenthal-Museum strahlen die aus Bukarester Zwangsaufenthalt wiedergekehrten Breughel und van Eyck in schier auratischem Schonlicht. Man möchte sich bang freuen wie Ulf Stolterfoht, dass „die bilder die macht“ übernehmen. Und gern lehnt man sich ein wenig zurück und lauscht der musikalischen Entgrenzung von Poesie in Richtung Musik, die Monika Rinck mit ihrem „Babywaran“ unternimmt, sowie dem erfindungsreich präsenten, virtuos zwischen den Sprachen balancierenden Übersetzer Gabriel H. Decuble bei seiner spontanen „Coverversion“ auf rumänisch. Die jungen und älteren Dichtenden, Singenden, Performierenden im Saal, die zumeist jungen Flanierenden, das Handy Manipulierenden, auf wer weiß was Spekulierenden in den von teils saniertem, teils bedürftigem Barock gesäumten Straßen, sie alle fügen sich zu keinem Bild und gehören doch zusammen.

Sie gehören zusammen wie der Text des Litauers Antanas Gailius über die saubere Unterwäsche, die die Frauen von Wilna anzogen, wenn sie zur antisowjetischen Demonstration gingen – man wusste ja nie –, und die Collagen Herta Müllers in deutscher und rumänischer Sprache, gleichsam schwerelose, ja lustige Gebilde mit Momenten heilsamen Erschreckens, Funken von der Empörung gegen politische Unmenschlichkeit, die in ihrer Prosa schwelt. Wie der melodiöse polnische Alltagssermon des Andrzej Kopacki und der südwestdeutsch gelautete „konkretpoetische“ Singsang des Urs Allemann, dem die brillante rumänische Um-Dichtung desselben Gabriel H. Decuble ebensowenig nachsteht wie der sprachgittrigen Grande Complication des Felix Philipp Ingold. Marius Grzebalskis rosa Schmetterling aus Schweinsohren flattert auf, wenn Jean Daive poetisch in die unpoetischen Abgründe suburbanen Kleinkleins blicken lässt, Uljana Wolf und Elke Erb legen Zeugnis ab von ihrer Kunst, grazil zu schweben im Ungefähren wie im Gefähren, im Deutschen wie im Englischen oder Rumänischen.

Sie alle kommen zusammen und erweisen ihre Zusammengehörigkeit unter dem Namen Oskar Pastiors, und am letzten Abend kann und will man sich des Eindrucks nicht erwehren, er habe einen persönlichen Vertreter in seine Heimatstadt geschickt, eine Vertreterin, die seine versifizierte Menschenliebe so auszustrahlen versteht wie er selbst: Inger Christensen. Ihre Präsenz ist und bleibt – wie die seine – dermaßen intensiv, dass es allzu profan erscheint, wollte man hier ein Textschnittchen zur Illustration auslegen.
Der Ort der Unwägbarkeiten ist jedoch kein Ort zur frömmelnden Anbetung. Allzu sichtbar und spürbar sind die Versehrungen, allzu vieldeutig und undeutlich sind die Perspektiven in dieser Stadt und dieser Landschaft, und zu gegenwärtig waren auch bei den Lesungen und dem abschließenden Konzert trotz aller Schwerelosigkeit und Unbeschwertheit, trotz aller Vielfalt in gelöstem Miteinander die Sorgenfalten, Faltungen und Verwerfungen, die auch derzeit oder gerade derzeit die Stirnen und Texte und Lieder durchziehen. Hatte Mircea Dinescu in seinem Gedicht über die Lawine von den Behörden als Feinden der Liebe und des Todes gesprochen, hatte Antanas Galius die Kleidung der Frauen als Zeichen gedeutet dafür, wie Menschen allzeit zwischen Liebesverheißung und Todesdrohung stehen, so war es schließlich der finnische Komponist und Sänger M. A. Numinnen mit seinem Pianisten Pedro, der in feinst gebrochener musikalischer Verfremdung Verse von Heine sang: „Punsch mit Lethe will ich saufen …“

Soviel Zerstreuung und Vergessen, wie man sich zuweilen auch mitten in der Kunst und just von ihr wünscht, vermag und will sie nicht gewähren. Die fulminante rumänische Liedermacherin Ada Milea sang, Ceauşescu sei nicht tot, er sei in uns, und sie sang so, dass man’s spürte. In Hermannstadt war er nicht in diesen Tagen, vergessen aber auch nicht.

Georg Aescht (KK)

Schlagwörter: Lyrik, Hermannstadt, Pastior

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