26. April 2010

Gedenken an Philipp Melanchthon in Nürnberg

„Seit der Gründung der Europäischen Union lösen die Mitgliedsstaaten ihre Konflikte nicht mehr durch Gewalt, sondern durch Verhandlungen und entwickeln, unter Wahrung ihrer eigenen Identität, zunehmend Formen von Zusammenarbeit und Austausch. Der trennende Charakter der Grenzen wird überwunden. Kulturelle Unterschiede werden als Bereicherung verstanden … In diesem Klima gewinnt Melanchthon eine neue Aktualität.“ Mit diesen Sätzen wird die aktuelle Bedeutung Melanchthons für Europa im Katalog der Wanderausstellung „Grenzen überwinden – Die Bedeutung Philipp Melanchthons für Europa. Von Wittenberg bis Siebenbürgen“ eingeleitet und durch die in der Praxis endlich erprobte Theorie des Humanisten geniale Lebensauffassung verheißen.
In Nürnberg stand Philipp Melanchthon, dessen 450. Todestages am 19. April gedacht wurde, vielfach im Zentrum der Aufmerksamkeit: Etwa bei der zentralen Nürnberger Veranstaltung, der Eröffnung der Ausstellung „Grenzen überwinden …“ am 15. April in St. Egidien oder am nächsten Tag an gleicher Stelle beim Vortragsabend „Melanchthon und Siebenbürgen“. Die Nürnberger Zeitung titelte am 16. April: „Viel mehr als nur Luthers rechte Hand“ und meinte damit den großen Humanisten, den in Siebenbürgen meistgelesenen Autor im 16. Jahrhundert (siehe auch den exzellenten Beitrag von Wolfgang Knopp in der Siebenbürgischen Zeitung vom 31. März 2010, Seite 10), den bedeutenden Vordenker echter Bildung. Angela Merkel sieht in Melanchthon einen der „größten Bildungsreformer unserer Geschichte“.

Wer war dieser geniale Kopf der Reformation, ohne dessen Sprachkenntnisse es keine „Lutherbibel“ gäbe? Wer war dieser kluge Kirchendiplomat, der im Augsburger Bekenntnis die Sache der Evangelischen auf den Punkt gebracht hat? Philipp Melanchthon, enger Freund und Mitarbeiter von Martin Luther, wurde 1497 in Bretten geboren, studierte von 1509 bis 1518 in Heidelberg und Tübingen, wurde 1518 im Alter von 21 Jahren Professor für Griechisch an der Universität Wittenberg (die so etwas wie die Kaderschmiede der europäischen Reformation im 16. Jahrhundert war), 1523 hier erster Rektor, begründete 1526 das erste Gymnasium Deutschlands (heute Melanchthon-Gymnasium, Nürnberg), war 1530 entscheidender Verfasser der Confessio Augustana (das Augsburger Bekenntnisdokument), besuchte neun Mal Nürnberg, hatte wissenschaftliche Beziehungen zu allen namhaften Humanisten seiner Zeit, auch zu Johannes Honterus, hielt 1546 die Leichenrede auf Luther, starb 1560 in Wittenberg …

Die Siebenbürger Sachsen des Kreisverbands Nürnberg bemühten sich schon Monate davor, die Veranstaltungen zu Ehren Melanchthons in Nürnberg mit zu tragen und zu gestalten. So wurde u. a. der Historiker Thomas Şindilariu, Leiter des Archivs der Honterusgemeinde in Kronstadt und auswärtiger Mitarbeiter des Siebenbürgen-Instituts in Gundelsheim am Neckar, der den Siebenbürgen-Teil der Ausstellung verantwortet, als Ehrengast und Referent eingeladen.
Thomas Şindilariu und Horst Göbbel im ...
Thomas Şindilariu und Horst Göbbel im Gespräch mit Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly. Foto: Doris Hutter
Die Ausstellungseröffnung stand unter der Schirmherrschaft des Nürnberger Oberbürgermeisters Dr. Ulrich Maly, der in seinem (auch launigen) Grußwort Melanchthon in seinem ganzheitlichen Wirken als großen Kommunikator und wesentlichen Bildungsinitiator auch für Nürnberg herausstellte. „Erst die Bildung macht aus den Jugendlichen vollwertige Menschen“, betonte er. Stadtdekan Michael Bammessel hob den eminenten Beitrag des Humanisten an der evangelischen Kirchenwerdung Nürnbergs hervor und zitierte den Satz Melanchthons „Wir sind zum Gespräch geboren“, um hinzuzufügen: „Bildung ist die einzige Möglichkeit, um Gewalt vorzubeugen“. Oberstudiendirektor Otto Beyerlein, Schulleiter des Melanchthon-Gymnasiums Nürnberg, stellte die Bedeutung des Gründervaters des ersten Nürnberger Gymnasiums heraus und forderte auf, sich trotz Google oder Wikipedia im Sinne des Aufrufs Melanchthons „ad fontes“ („zu den Quellen“) an die Originale zu halten, etwa an Cicero, Kant oder Darwin.

Hinweise zur Ausstellung gaben Dr. Albert de Lange aus Karlsruhe und Thomas Şindilariu. Letzterer verwies auf das Bemühen Melanchthons um Ausgleich der Gegensätze und Verständnis des Anderen. In der Vergangenheit und Gegenwart Siebenbürgens sei es „normal, dass seit eh und je beliebig viele Konfessionen ohne nennenswerte Konflikte an einem Ort zusammenleben … Diese Normalität ist es, die Siebenbürgen und Rumänien – strukturell gesehen – europäisch macht. Das Maß, in dem Vielfältigkeit als ein Gewinn betrachtet wird, entscheidet darüber, ob unser Land die 2007 erhaltene formelle europäische Zugehörigkeit auch wird ausfüllen können, um dem restlichen Europa etwas von der viel gerühmten siebenbürgischen Toleranz mitgeben zu können.“

Wertvolle Hinweise zur lokalen Ergänzung „Melanchthon und Nürnberg“ gab die Leiterin des Ladeskirchlichen Archivs der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Dr. Andrea Schwarz, die auch den wirksamen Nichttheologen Melanchthon im Kreise seiner Nürnberger Humanisten sehr lebensnah agieren ließ.

Würdig umrahmt wurde die gut besuchte Veranstaltung vom Schüler Flavio Meyer am Klavier bzw. an der Violine.

In Melanchthons Sinne den öffentlichen und privaten Diskurs, das Miteinander-Reden pflegen, befördern, voranbringen – all das wurde im Anschluss beim Stehempfang ausgiebig praktiziert. Die von Şindilariu im Grußwort erwähnte, von Kronstadt angestrebte Städtepartnerschaft mit Nürnberg war Gesprächsthema zwischen ihm, OB Dr. Maly und Horst Göbbel.

Der Vortrag „Melanchthon und Siebenbürgen“ wurde adäquat durch Lied und Gebet vom Siebenbürgischen Chor Fürth unter der Leitung von Reinhold Schneider eingeleitet. Seine Begrüßung schloss Horst Göbbel mit dem Aufruf, im Sinne Philipp Melanchthons Bildung als Voraussetzung für ein gelingendes Leben wahrzunehmen, und das junge Geigenduo Silke Andrae und Franziska Ulrich stimmte das Publikum beeindruckend mit einem Doppelkonzert von Johann Sebastian Bach auf den Vortrag ein.

Der 35-jährige Referent, der in Kronstadt lebt, hielt einen hoch wissenschaftlichen Vortrag und konnte sogar den guten Kennern der siebenbürgisch-sächsischen Geschichte neue Erkenntnisse präsentieren, z. B. über die Gründung Kronstadts. Şindilariu ging schwerpunktmäßig auf die politische Lage Siebenbürgens im 16. Jahrhundert ein, wobei die Rolle Hermannstadts und Kronstadts hervorgehoben wurde. Während Honterus als Reformator deutlich herausgestellt wurde, geschah dies mit Melanchthon weniger. Zwei mitreißende Lieder, gesungen vom Chor „Siebenbürger Vocalis“ unter der Leitung von Wilhelm Stirner, rundeten einen hochrangigen sächsischen Abend in der Egidienkirche der Nürnberger Altstadt ab. Inge Alzner, die im Namen des Kreisverbands Nürnberg zusammen mit Doris Hutter vom Haus der Heimat Nürnberg diese Veranstaltung organisiert hatte, dankte allen Mitwirkenden sowie dem Publikum für den zahlreichen Besuch. Siebenbürgische Spezialitäten, hausgebacken und danach aufgetischt, begleiteten viele gute und wichtige Gespräche im Umfeld der Ausstellung und trugen bei zum geselligen Ausklang einer gemeinschaftlichen Würdigung eines großen bedeutenden Geistes Europas. Die Darstellung des Beitrags der Siebenbürger Sachsen im Zeitalter der Reformation und darüber hinaus an der Entwicklung Europas wurde vielen Nichtsiebenbürgern deutlich und kann bis zum 7. Mai in der Ausstellung in St. Egidien täglich nachempfunden werden. Sie spornt uns an nicht nachzulassen, wenn es um echten Glauben, um Toleranz, um Humanität geht.

Doris Hutter und Horst Göbbel

Schlagwörter: Melanchthon, Nürnberg, Jubiläum, Vortrag

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