14. Juni 2020

Rumänien in der Corona-Krise

Bukarest – Von den 213 Ländern, in denen Covid-19 verbreitet ist, liegt Rumänien aktuell auf Platz 39. Die Gesamtzahl der Fälle betrug am 6. Juni 20103, davon sind 4650 aktive Erkrankungen mit 152 schweren Fällen, die auf Intensivstationen behandelt werden, zu verzeichnen. 14145 Patienten gelten bereits als geheilt. Die Zahl der Toten beläuft sich auf 1308.
Hermannstadt menschenleer im März 2020. Foto: ...
Hermannstadt menschenleer im März 2020. Foto: Mugur Frăţilă
Laut Institut für öffentliche Gesundheit (INSP) liegt eine von sechs Infektionen beim Gesundheitspersonal vor. Die Gewerkschaft „Soldaritatea Sanitară“ zählt bisher 2886 Fälle bei Angestellten im Gesundheitswesen. Am stärksten von Covid-19 betroffen sind die Kreise Suceava (3552 Fälle; Stand 4. Juni), die Hauptstadt Bukarest (2145 Fälle), die Kreise Neamţ (893 Fälle), Botoșani (796), Kronstadt (794), Arad (698), Mureș (683), Hunedoara (635), Klausenburg (575), Hermannstadt (509), Temesch (508), Karasch-Severin (112) und Sathmar (62). Landesweit befinden sich noch 2395 Personen in Quarantäne und 95847 in häuslicher Isolation.

Am 1. Juni wurden die Reisebeschränkungen aufgehoben, Tourismus ist mit gewissen Einschränkungen wieder möglich. Auch Terrassenlokale im Freien sind wieder geöffnet; Pflicht ist vorherige Reservierung, um Überfüllung zu vermeiden. Gäste, die nicht miteinander verwandt sind, müssen auch zu Tisch den Mindestabstand von 1,5 Metern einhalten. Die Angestellten und Kellner sind zum Tragen von Schutzmasken und Handschuhen verpflichtet. Am 15. Juni werden voraussichtlich die Badestrände eröffnet. Kulturelle Veranstaltungen in geschlossenen Räumen bleiben weiterhin verboten. Einige der größten Musikfestivals in Rumänien – Untold und Electric Castel in Klausenburg sowie Neversea in Konstanza – wurden für heuer abgesagt. Dennoch hält Gesundheitsminister Nelu Tătăru die Rückkehr in ein normales Leben bis August für möglich.

Keine Entlastung für das Gesundheitssystem

Im Zuge einer Evaluierung der Folgen der Corona-Krise wurde deutlich, dass Reformen im Gesundheitswesen dringend nötig sind. Premierminister Ludovic Orban kündigte an, Investitionen in das Gesundheitssystem hätten jetzt oberste Priorität für die Regierung. Aus der jüngsten landesweiten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts IRSOP, die am 12. Mai veröffentlicht wurde, ging hervor, dass das Gesundheitssystem auch nach der Corona-Krise nicht auf Entlastung hoffen kann: Ein gutes Drittel der Befragten (31 Prozent) gab an, wegen der Corona-Krise medizinische Behandlungen, Operationen oder Laboranalysen verschoben zu haben. Dies bedeutet, dass das Gesundheitssystem weiterhin starken Belastungen ausgesetzt sein wird. 39 Prozent der Bürger erachten das Gesundheitssystem für die größte chronische Schwäche des Landes (34 Prozent erachten Korruption als größte Schwäche).

Auf einer Konferenz zum Thema Corona-Krise ging Tătăru unerwartet hart mit dem rumänischen Gesundheitswesen ins Gericht. Das Management sei unprofessionell und völlig unterbesetzt. In den Krankenhäusern fehlten Fachärzte, zu viel Augenmerk würde nur auf die Beschaffung von Geräten gelegt. Es mangele an Digitalisierung. Das Gesetz für die Reform des Gesundheitswesens sei über tausend Mal geändert worden und unübersichtlich, niemand habe mehr den Durchblick. Investitionen seien unüberlegt erfolgt. Die aktuelle Medikamentenpolitik benachteilige rumänische Medikamentenhersteller, schuld sei die Clawback-Steuer. Das Gesundheitssystem sei zu politisch, der Patient müsse mehr im Mittelpunkt stehen.

Betrachtet man hingegen die Leistung des rumänischen Gesundheitssystems im Zusammenhang mit Covid-19, schneidet es im EU-Vergleich nicht allzu schlecht ab. Auf monitorsocial.ro, der Plattform der Friedrich Ebert Stiftung, erfährt man unter dem Titel „Wie gut ist das rumänische Gesundheitssystem auf die Pandemie vorbereitet?“, dass 698 Betten pro 100000 Einwohner zur Verfügung stehen. Im Vergleich sind es in Italien 318, in Spanien 297, in Frankreich 598 und im EU-Mittel 504. Was medizinisches Personal pro 100 000 Bürger betrifft, belegt Rumänien allerdings – wegen des Massenexodus der Ärzte – einen der letzten Plätze.

Hilfen für die Wirtschaft

Um die schwer angeschlagene Wirtschaft wieder anzukurbeln, wird von der Regierung derzeit ein staatlicher Investitionsfond mit einem Startkapital von 300 000 Millionen Euro angedacht. Er soll vor allem Großunternehmen unterstützen. Premierminister Ludovic Orban will zudem dafür sorgen, dass die nicht rückzuerstattenden Corona-Hilfen der EU von bis zu 33 Milliarden Euro für Rumänien rasch abgerufen werden können. Sie sollen dem Bereich Energie und Transportinfrastruktur zugutekommen. Die Wirtschaft in Rumänien sei von den Folgen der Einschränkungen zur freien Bewegung überproportional betroffen, informiert die Friedrich Ebert Stiftung auf „Monitor Social“. Besonders stark seien die Auswirkungen auf die Arbeitskraft: Rumänien belegt mit nur 0,8 Prozent Angestellten, die von zu Hause aus arbeiten, den vorletzten Platz in der Länderliste der EU. Im Mittel arbeiten in der EU sechs Mal mehr Angestellte in Heimarbeit als in Rumänien.

Die finanzielle Lage der Privathaushalte in Rumänien spannte sich laut IRSOP-Umfrage schon im Mai spürbar an. Die Arbeitslosenrate und die Anzahl jener, die ihre Kreditraten nicht bezahlen konnten, stieg von einem Monat auf den anderen um fünf Prozent. 58 Prozent der Befragten gaben an, ihren Lebensstandard im Mai im Vergleich zum Vormonat aufrechterhalten zu können. Für 42 Prozent hingegen hat sich die Lage verschlechtert: Im April konnten fünf Prozent der Bürger ihre Kreditrate nicht bezahlen, im Mai waren es schon zehn Prozent. Die Anzahl der Haushalte ohne verfügbares Einkommen wuchs von 38 Prozent im April auf 48 Prozent im Mai. Im Mai mussten 32 Prozent der Haushalte bereits auf Ersparnisse zurückgreifen. In den nächsten drei Monaten, so die Umfrageergebnisse, werden die Menschen ihren Konsum nicht steigern. 84 Prozent gaben an, nur das Allernötigste kaufen zu wollen. 83 Prozent wollen sich auf keinen Fall verschulden.

Bürgerverhalten lässt zu wünschen übrig

Das regelkonforme Verhalten der Bürger zum Schutz der Mitmenschen vor Ansteckung werde nach Aufhebung des Notstands möglicherweise zu wünschen übrig lassen – mit Ausnahme der persönlichen Hygienemaßnahmen, so das Ergebnis einer IRSOP-Umfrage. Beobachtungen bestätigen mittlerweile die Prognose: Die Maskenpflicht in geschlossenen Räumen und Regeln zur sozialen Distanzierung werden nur teilweise eingehalten. Verkäufer in Dorfläden oder sogar Ärzte in Praxen sind fallweise ohne Maske anzutreffen. Viele Bürger tragen ihre Masken auch in geschlossenen Räumen nur um den Hals, um sie bei Kontrolle schnell hochziehen zu können. In größeren Supermärkten wird auf Disziplin geachtet, häufig finden am Eingang Temperaturkontrollen statt.

Das Ergebnis der IRSOP-Umfrage scheint symptomatisch zu sein für das mangelnde Vertrauen in der Gesellschaft, das Psychologen schon lange beklagen: Zum Thema verantwortliches Verhalten nach der Zeit der Isolation antworteten auf die direkte Frage „Werden Sie die Empfehlungen der Behörden befolgen?“ fast alle Kandidaten positiv. Auf die gleiche Frage, formuliert in der dritten Person, ob „die anderen“ wohl die behördlichen Empfehlungen zum Schutz der Mitmenschen befolgen würden, lautete die häufigste Antwort „weniger als die Hälfte“ oder „sehr wenige“.

Nina May

Schlagwörter: Rumänien, Corona, Gesundheit, Gesellschaft, Politik, Medizin

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