3. Juni 2021

Von Berlin nach Wien: Interview mit Botschafter Emil Hurezeanu über seine fünfeinhalbjährige Amtszeit in Deutschland

Der Journalist Emil Hurezeanu hat vom 25. September 2015 bis 22. Mai 2021 als Botschafter von Rumänien in Deutschland gewirkt. Heute, am 3. Juni, beginnt seine Tätigkeit als Botschafter in Österreich. Seine hervorragende politische Erfahrung hat er mit großem Erfolg für die Vertiefung der deutsch-rumänischen Beziehungen und der europäischen Werte eingesetzt. Anlässlich seines 70-jährigen Jubiläums zeichnete der Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland ihn am 26. Oktober 2019 in München mit dem Goldenen Ehrenwappen des Verbands aus. Der 1955 in Hermannstadt geborene Diplomat zieht im folgenden Interview mit SbZ-Chefredakteur Siegbert Bruss eine Bilanz seiner fünfeinhalbjährigen Amtszeit in Berlin.
In seiner Ansprache beim Heimattag 2019 in ...
In seiner Ansprache beim Heimattag 2019 in Dinkelsbühl würdigte Botschafter Emil Hurezeanu die prägende zivilisatorische Leistung der Siebenbürger Sachsen für Rumänien (SbZ Online vom 20. Juni 2019). Foto: Petra Reiner
Sie befinden sich am Ende Ihres Mandats als Botschafter. Welches waren die wichtigsten Ereignisse und Herausforderungen in den deutsch-rumänischen und euroatlantischen Beziehungen, die Sie bewältigen konnten?

Es war eine lange Amtszeit (in Deutschland und in den USA dauert das Mandat eines Botschafters selten länger als drei Jahre), zugleich beladen mit vielfachen und manchmal überraschenden Entwicklungen. Es gehört wohl dazu, dass wir Menschen oder unsere Länder solche unerwartete Ereignisse erfahren und uns mit ihnen auseinandersetzen. Ein Boschafter ist wie ein Sensor, platziert im Intimbereich des Gewebes und des Gerüstes, die die Stabilität, Kontinuität und Qualität der vorhersehbaren und unvorhersehbaren Ereignisse sicherstellen, die die Beziehungen zwischen zwei Staaten ausmachen.
In meine Amtszeit fiel die sechs Monate lange EU-Präsidentschaft Rumäniens von Januar bis Juni 2019 in einer Zeit intensiver politischen und gesellschaftlichen Unruhen in Bukarest, aber auch innerhalb der europäischen Zitadelle, in der nach 2015 nichts mehr so ist wie vorher. Die inneren Spannungen der europäischen Gemeinschaft, die in gewissem Maße auch ihre Kohärenz ermöglichen, verwandelten sich zu divergierenden und gar zentrifugalen Konflikthaltungen zwischen dem harten Kern und bestimmten europäischen Akteuren. Wir alle wurden in den letzten Jahren mit populistischen Äußerungen konfrontiert, die die liberale Demokratie infrage stellten, mit einer wachsenden Nervosität in der Infosphäre, in der die Wahrheit immer mehr zufällig oder subjektiv definiert wird und manchmal zur „alternativen Wahrheit“ führt.
Die globale oder „flüchtige“ Gesellschaft, wie manche Soziologen sie nennen, ist das Ergebnis der längsten Friedens- und Wohlstandsperiode in der Geschichte der Menschheit. Ich hoffe, dass wir des Guten nicht überdrüssig geworden sind und das Böse nicht um jeden Preis suchen. Prof. Dr. Peter Graf Kielmansegg schrieb kürzlich in der FAZ, dass nicht nur Mehrheiten in einer Demokratie tyrannisch werden können, vor allem wenn sie aus Wahlen mit geringer Beteiligung hervorgehen, sondern auch Minderheiten (die Toleranz ihnen gegenüber ist ein Kennzeichen der Demokratie!) können absolutistisch und missbräuchlich handeln und dadurch destruktiv auf die Demokratie wirken.
Rumäniens EU-Ratspräsidentschaft in der ersten Jahreshälfte 2019 wurde, obwohl sie angesichts der innenpolitischen Spannungen mit Skepsis erwartet worden war, letztendlich ein Erfolg. Die politische Klasse und Diplomatie, die ganze Gesellschaft haben ihre Kräfte geschürt, und der EU-Gipfel am 9. Mai 2019 in Hermannstadt, ebenso der kurz zuvor stattgefundene Besuch von Papst Franziskus in Rumänien, waren symbolische Momente einer Gemeinschaft, die in einer angespannten Lage wieder zu sich selbst gefunden hat.
Unsere Rolle in Deutschland, dem wichtigsten europäischen Land, war es, die rumänische Agenda für die EU-Präsidentschaft zu erläutern und Unterstützung dafür zu finden – wichtigstes Ziel war dabei die Festigung der inneren Kohärenz der Europäischen Union. Das ist uns auch gelungen, wobei wir die deutschen Interessen berücksichtigt, unsere eigenen Interessen vertreten und ein Stockwerk des europäischen Hauses weitergebaut haben.
Rumänien war oft auf dem Radar Deutschlands, in positivem und negativem Sinne, und wird zunehmend als verlässlicher, solidarischer und loyaler Akteur wahrgenommen. Ich hoffe, dass wir nicht ein gleichgültiger Partner werden, der nicht mehr auf dem deutschen Radar erscheint. Die deutsch-rumänischen Handelsbeziehungen sind von 15 Millionen im Jahr 2015 auf 40 Millionen Euro in diesem Jahr gestiegen, trotz Pandemie. Die rumänische Diaspora in Deutschland ist von ein paar hunderttausend im Jahr 2014 auf über eine Million Personen gewachsen. Die Pandemie hat zu Schwierigkeiten in der ganzen Welt geführt. 2020 war ein schweres Jahr, es ging darum, die Situation der rumänischen Erntehelfer auf deutschen Farmen zu verwalten, die Heimkehr von rumänischen Bürgern zu organisieren, wir praktizierten ungewöhnliche Formen der medizinisch-sozialen Diplomatie und brachten Brandopfer und Covid19-Kranke zur Behandlung in deutsche Krankenhäuser. Ebenso organisierten wir mehrere Wahlgänge (2016, 2018, 2019 Europa- und Präsidentschaftswahlen, 2020 Parlamentswahlen) mit einer hohen und engagierten Beteiligung der Diaspora.
In der zweiten Jahreshälfte 2020 hatte Deutschland die EU-Präsidentschaft inne. Unser deutscher Partner konnte sich stets auf uns verlassen und wir auf ihn. Zwischen uns gibt es lange und stabile Beziehungen, wir kennen und schätzen uns gegenseitig, entdecken aber auch immer wieder neue Facetten. Wir waren historische Partner, vielleicht beladen durch manche schmerzhafte Erinnerung, teilweise unzufrieden miteinander, aber heute sind wir verantwortungsvolle und solidarische europäische Handelnde.
In diesem Land, das ich als Journalist in entscheidenden Momenten der letzten Jahrzehnte, beim Ende des Kalten Krieges und dem ersten Jahrzehnt der Wiedervereinigung, beobachten konnte, habe ich sehr kompetente, aufmerksame und verständnisvolle Ansprechpartner in der Politik und Diplomatie gefunden. Natürlich gab es auch sensible Momente, kritische Akzente, aber in dieser erprobten bilateralen Beziehung überwogen der Aufbau und das Vorwärtsschreiten. Sie sollten wissen, dass es heute nur wenige europäische Staaten gibt, die ihre bilateralen Beziehungen als exzellent bezeichnen können. Das ist zwischen Deutschland und Rumänien der Fall.

Am Anfang Ihres Mandates als Botschafter, 2015, erwähnten Sie in einem Interview mit der Siebenbürgischen Zeitung das vorwiegend negative Image Rumäniens in den bundesdeutschen Medien. Inwiefern ist es gelungen, „die Wahrheit wiederherzustellen“?

Das Image oder der Ruhm sei die Summe der Missverständnisse, die sich um einen Namen sammeln, sagte einst Rainer Maria Rilke. Länder haben, mehr noch als Menschen, ein langes Gedächtnis mit Stereotypen, überprüften Erfahrungen oder noch ungeklärten Missverständnissen. Die Erinnerungen, die Geschichte sind der Nährboden, auf dem die Gegenwart gedeiht, auch wenn uns das nicht immer bewusst ist. Im gemeinsamen Gedächtnis fehlen auch die negativen Erinnerungen nicht, doch sind sie wie das Salz in der Suppe. Es ist unsere Aufgabe, sie in ein neues Licht zu rücken, sie nicht zu wiederholen, sondern zu überwinden. „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen“ (Cele rele să se spele, cele bune să se adune).
Das negative Image ist nicht dominierend. Gefährlicher scheint mir die Gleichgültigkeit. Unsere wirtschaftlichen Probleme, die kulturellen Unterschiede haben dazu geführt, dass Rumänien durch das Prisma einiger Zwischenfälle, die es mit rumänischen Arbeitern in Deutschland gab, gesehen wird. Als zweitgrößte europäische Diaspora, nach Polen, leistet Rumänien einen insgesamt positiven Beitrag zum wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Fortschritt in Deutschland. Wir haben auch eine rumäniendeutsche Diaspora, wenn Sie mir erlauben, den Begriff zu erweitern: die Deutschen aus Rumänien, bestehend aus zwei Generationen und mehreren hunderttausend Personen. Die ausgewanderten Rumäniendeutschen sind ein Teil unserer Gesellschaft und Geschichte, die wir respektieren, ebenso sind sie Teil des Bildes von Rumänien in Deutschland. Die Wahrheit wiederherzustellen, obliegt nicht allein der Diplomatie. Diese kann eher stilistische als existentielle Fehler berichtigen. Die Wahrheit wird im Laufe der Zeit durch den Beitrag aller in Rumänien und Deutschland wiederhergestellt.
Heute sind wir jedoch einem konzentrierten Angriff auf die Wahrheit ausgesetzt. Es gibt „Wahrheiten“, keine Wahrheit. Amerika hat uns das in den letzten Jahren reichlich vor den Augen geführt. Wir werden mit „alternativen Wahrheiten“ überhäuft, einem Synonym für „fake news“.
Ich habe in diesen Jahren versucht, die unterschiedlichen Seiten und stark divergierenden Elemente aus unseren bilateralen Beziehungen zu versöhnen. Kulturelle und humanistisch-bürgerliche Argumente, der Appell an stark Verbindendes in Zeit und Raum, gemeinsame Lebenserfahrungen der Rumänen und Deutschen in unseren Ländern und gemeinsam in Europa. Unsere Loyalität, die wir gegenüber der Demokratie teilen, eine wachsame Haltung gegenüber drohenden Gefahren, die verantwortungsbewussten und engagierten Politiker an der Spitze unserer Länder veranlassen mich, eine überwiegend optimistische Bilanz nach meinem fünfeinhalbjährigen Mandat als Botschafter in Berlin zu ziehen.

Sie haben eine bemerkenswerte Präsenz bei kulturellen Ereignissen der Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben gezeigt. 2016 haben Sie die Ausstellung über die Kirchenburgenlandschaft in der Botschaft in Berlin beherbergt, Sie waren Gastgeber der jährlichen Kirchenburgengespräche. Wie schätzen Sie Ihre Beziehungen zu den Siebenbürgern und Banatern? Ist es Ihnen gelungen, deren Kultur zu fördern?

Für mich sind die Deutschen in Rumänien, die sich als Aussiedler in Deutschland niedergelassen haben, Landsleute, Freunde, Menschen, mit denen ich die Kindheit verbracht und gemeinsam aufgewachsen bin, die ich kenne und respektiere. Ich bin Hermannstädter und habe immer mit den Deutschen gelebt. Durch Zufall habe ich sie nach ihrem dramatischen Weggang vor und nach 1990 in Deutschland wieder getroffen. Uns kann nichts mehr trennen. In den Jahren bei Radio Europa Liberă in München habe ich, mitten im Kommunismus, der schädlich für die Mehrheit und die Minderheiten war, meine Kommentare oft den Problemen „unserer Deutschen“ gewidmet, die manchmal von der rumänischen Mehrheit ignoriert wurden.
Als Botschafter habe ich, durch politische und öffentliche Diplomatie, stets ihre Rolle bei der Modernisierung Rumäniens betont. Die Ausstellungen mit Bezug zur Siedlungsgeschichte und zu den Kirchenburgen, das Luther-Jubiläum, die Treffen in Dinkelsbühl, Ulm, Hermannstadt, Mediasch oder die Haferlandwoche habe ich als Hausfreund, der als solcher von den Gastgebern aufgenommen wurde, besucht. All diese Momente bleiben prägend für meine Biographie und mein Leben. Ich glaube, dass es mir gelungen ist, unsere älteren Beziehungen zu fördern, sie wiederzubeleben und ihnen einen neuen Sinn zu verleihen.

Sie haben als Botschafter vorgeschlagen, dass die ungelösten Restitutionsfällen von den rumäniendeutschen Verbänden erfasst werden, Sie haben den Dialog mit dem ANPR-Präsident George Băeșu koordiniert. Es bleiben jedoch viele ungelöste Fälle. Wie kann der berechtigte Prozess der Immobilienrückgabe beschleunigt werden?

Schon in den ersten Monaten meines Mandats in Berlin habe ich intensive Gespräche mit den rumänischen Behörden und den Landsmannschaften der Rumäniendeutschen eingeleitet, um den Rückgabeprozess zu beschleunigen. Ich erinnere mich, wie mir im Februar 2016 in einem Gebäude des Bundestages die Vorsitzenden der Landsmannschaften, der Bundestagsabgeordnete Dr. Bernd Fabritius, Bischof Reinhart Guib tausende Akten von Restitutionsfällen „geschenkt“ haben. Die Zahl der ungelösten Fälle hat seither stark abgenommen. Die Probleme bei der Häuserrückgabe sind nicht auf einen bösen Willen, eine fehlende Gesetzgebung des rumänischen Staates zurückzuführen, sondern auf Schwierigkeiten in der Kommunikation, fehlende persönliche Unterlagen oder deren langsame Übertragung. Unsere Anfänge haben sich zu einem Prozess gewandelt, der voranschreitet, wenn auch zuweilen langsam. Der Prozess wird aber nicht aufhören. Rumänien ist ein Staat mit vielen Problemen, aber die Rückgabegesetze, die Anerkennung und Wiedergutmachung historischer Ungerechtigkeiten, der Einsatz für Menschenrechte und Toleranz, aktiv und rückwirkend, sind reelle Instrumente, die niemand in Frage stellen kann.

Welche Erfahrungen in Berlin werden Ihnen für Ihr neues Mandat als Botschafter in Wien nützlich sein?

Wenn dieses Interview in Ihrer Zeitung, der ich mich sehr verbunden fühle, erscheinen wird, werde ich nicht mehr Botschafter in Berlin sein. Dieser Beruf setzt ein Kommen und Gehen voraus, ein notwendiger Vorgang. Ist es denn anderes im Leben im Allgemeinen? Es beeindruckt mich festzustellen, dass mein Name „Emil Hurezeanu“ bei der Suche in Ihrer Zeitung öfter erscheint als „Emil Sigerus“. Die Bedeutung dieses herausragenden Forschers aus Hermannstadt kann ich mir nicht anmaßen, aber ich freue mich von Herzen, wenn ich sehe, dass meine Gefühle der Wertschätzung und Brüderlichkeit gegenüber meinen deutschen Mitbürgern in Rumänien sowie mein journalistisches und diplomatisches Wirken für sie von ihnen geteilt und anerkannt werden. Ich werde natürlich auch in Wien derselbe sein, ihr Freund und Ansprechpartner, offiziell und persönlich. Ich bedanke mich für all die Jahre enger und guter Zusammenarbeit, in denen ich mich mit „kritischer Sympathie“ begleitet gefühlt habe, so wie der Intendant der Deutschen Welle Dieter Weirich das einst von uns Journalisten forderte. Auf lange Sicht ist dies die einzige konstruktive Haltung, die Bestand hat in den Beziehungen zwischen Staaten und Institutionen. Auch für Menschen ist eine gegenseitige kritische Sympathie hilfreich. Sie erspart ihnen, vielleicht, zu starke Gefühlausbrüche, und bewahrt sie, ganz sicher, vor dramatischen Brüchen.

Besten Dank für das Interview und viel Erfolg in Ihrem neuen Amt!

Schlagwörter: Botschafter, Hurezeanu, deutsch-rumänische Beziehungen, Berlin

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