20. Juni 2019

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Botschafter Emil Hurezeanu würdigt die prägende zivilisatorische Leistung der Siebenbürger Sachsen für Rumänien

Emil Hurezeanu, Botschafter von Rumänien in Berlin, hat in seiner Ansprache bei der Eröffnungsveranstaltung am 8. Juni im Großen Schrannenfestsaal in Dinkelsbühl die prägende zivilisatorische Bedeutung der Siebenbürger Sachsen für Rumänien gewürdigt. Der Hermannstädter Journalist und Diplomat setzt sich vielseitig für die Vertiefung der deutsch-rumänischen Beziehungen ein, vertritt eine zutiefst europäische Position und fördert nach Kräften den Erhalt des wertvollen siebenbürgisch-sächsischen Kulturerbes. Seine Rede wird im Wortlaut wiedergegeben.
Exzellenzen, sehr verehrte Gäste, liebe Freunde, es ist mir eine Ehre, Sie am Heimattag der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl begrüßen zu dürfen. Ich freue mich auch, diesen so traditionsreichen Tag wieder in diesem Saal zu feiern, in dem ich vor einem Jahr zwei so bedeutende Persönlichkeiten für die deutsch-rumänischen Beziehungen gewürdigt habe: Frau Herta Daniel, Bundesvorsitzende des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland, und Herrn Dr. Christoph Hammer, Oberbürgermeister der Stadt Dinkelsbühl.

Ich komme nach Dinkelsbühl zum Pfingsttag und Heimattag der Siebenbürger Sachsen zum zehnten Mal – in den letzten vier Jahren bin ich als Botschafter hier gewesen, vor 35 Jahren aber als Redakteur bei Radio Free Europe. Damals schon habe ich, auf dem Weg des Münchner Senders, regelmäßig über die europäische, zivilisatorische Rolle der Siebenbürger Sachsen in der Geschichte Rumäniens gesprochen. Und auch über die negativen Folgen, die ihr Abschieds von Rumänien für Rumänien bedeutet. Botschafter Emil Hurezeanu sprach ein Grußwort ...Botschafter Emil Hurezeanu sprach ein Grußwort bei der Eröffnungsveranstaltung des Heimattages im Schrannenfestsaal in Dinkelsbühl. Foto: Petra Reiner Es ist ein dramatisches Paradoxon für unsere gemeinsame Geschichte, dass das Leben sich für die meisten ausgewanderten Rumäniendeutschen in Deutschland individuell gebessert hat, während die Auswanderung für die historische deutsche Nation in Siebenbürgen und für Rumänien ein irreparabler Verlust bleibt.

Wir befinden uns, glücklicherweise, immer noch, nach 1989 in derselben gemeinsamen Welt. Mehr noch, denn Rumänien hat zurzeit den EU-Vorsitz inne, und wir haben schwierige Momente überwunden wie den Ablauf der Europawahlen in einigen Städten in Europa und Deutschland, bei denen nicht alle rumänischen Wähler dazu gekommen sind, ihre Stimme abzugeben. Ich habe mich als Botschafter von Rumänien in Deutschland öffentlich, offiziell für die Unannehmlichkeiten in manchen Städten bei der Wahl entschuldigt. Zunächst bei den Wählern, die auch nach stundenlangem Warten nicht mehr dazu gekommen sind zu wählen. Ich habe mich auch bei den offiziellen und öffentlichen Behörden bedankt, bei der deutschen Polizei, ausdrücklich, für die tolle Zusammenarbeit, die es ermöglicht hat, zum Beispiel in Berlin und München trotz der sichtbaren Schwierigkeiten den Ablauf des Wahlprozesses länger als ursprünglich erlaubt zu unterstützen. Übrigens haben die Rumänen am 26. Mai nicht nur mehrheitlich proeuropäisch für das neue Europäische Parlament gestimmt, sondern auch die Ja-Stimme in einem vom Präsidenten Johannis initiierten Referendum für die Stärkung der Unabhängigkeit der Justiz im Namen der europäischen Werte abgegeben. Eröffnung des Heimattages der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl 2019. Video: Günther Melzer Ein anderer Beweis dieses zutiefst überzeugten Bekenntnisses zu Europa wurde auch vor Kurzem in Hermannstadt gegeben – durch die Erklärung von Sibiu beim Europäischen Gipfel am 9. Mai 2019. Dort haben sich die europäischen Staats- und Regierungschefs nach dem Regen auf dem Großen Ring, dem Hauptplatz der Stadt, versammelt und ein starkes Signal der Einheit und des Zusammenhalts gesetzt.

Was für eine höchst verdiente, wunderbare Anerkennung, dass Sibiu 2007 zur ersten Kulturhauptstadt im Südosten Europas und am 9. Mai 2019 zum Ort eines der wichtigsten Treffen für die internationale Zukunft gewählt wurde. Es ist auch die vorwiegend deutsche, siebenbürgische, europäische Geschichte dieser Stadt, die dahinter steckt. Natürlich auch die lange Tradition dieser fast tausendjährigen Stadt, der ehemaligen Hauptstadt der Siebenbürger Sachsen, inzwischen eine der blühendsten Städte Rumäniens.

Wir Hermannstädter, Deutsche und Rumänen, sollten diese Errungenschaften unterstreichen, die nicht nur auf uns, sondern auch auf alle Siebenbürger zurückzuführen sind. Auf Sie, die in Dinkelsbühl am Pfingsttag den Geist der Tradition, Jahr für Jahr, in Freiheit und Solidarität aufrechterhalten haben. Jahr für Jahr, Stein auf Stein, so wird langfristig und solide gebaut. Und nicht nur Mauern, die uns trennen, sondern auch Brücken, die uns zusammenführen, kann man auf diese Art und Weise bauen.

Das hat die deutsche Minderheit in Rumänien über Jahrhunderte hinweg gemacht.

Ich freue mich auch, dass auch in Sibiu in nur ein paar Tagen die 22. Deutsch-Rumänische Regierungskommission für Angelegenheiten der deutschen Minderheit in Rumänien tagen wird, unter der Leitung vom Herrn Dr. Bernd Fabritius, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, und vom Herrn George Ciamba, Minister für Europäische Angelegenheiten von Rumänien. Seit 1992 tagt diese Kommission jährlich, um die Situation zwischen dem rumänischen Staat und der deutschen Minderheit auf eine offene und konstruktive Weise zu besprechen.

Sehr geehrte Damen und Herren, nicht ohne Stolz und Bescheidenheit möchte ich Ihnen ein wichtiges kulturelles Ereignis in Erinnerung bringen. Es geht um die Ausstellung Kirchenburgenlandschaft Siebenbürgen, die die Botschaft von Rumänien in Berlin im November 2016 zum ersten Mal der Öffentlichkeit in Deutschland gezeigt hat. Seither reist sie mit viel Erfolg durch zahlreiche rumänische und deutsche Städte, und die Botschaft von Rumänien hat sie ständig in einer Form oder anderen erfolgreich begleitet und unterstützt.

Die mehrere hundert Jahre alten Kirchenburgen der Siebenbürgen Sachsen, errichtet für die Verteidigung der Gemeinde – Nachweis einer deutschen und europäischen Zivilisation und Religion –, sind heute Bestandteil des Kulturerbes des rumänischen Staates. Ich stelle diese Realität mit großer Freude, dennoch auch als immense Pflicht fest. Wir freuen uns, diese Denkmäler zu haben, aber gleichzeitig wissen und wollen wir ihren Fortbestand, ihre historische, kulturelle und seelische Rolle für die nächsten Generationen schützen und sichern.

Verehrte Damen und Herren, liebe Freunde. Die Verbindungen zwischen unseren Ländern sind stark, belastbar, vielfältig und haben als Grundlage viele gemeinsame Erfolge, aber auch den Wunsch, zusammen eine bessere Zukunft für Europa zu gestalten.

Ich freue mich an dieser Stelle, auch wenn die Zeit dafür viel zu kurz ist, die exzellenten persönlichen Beziehungen zu Vertretern der Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen in Deutschland zu erwähnen: zum Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Herrn Dr. Bernd Fabritius, zu Frau Herta Daniel, Bundesvorsitzende des Verbandes der Siebenbürger Sachsen, zu Erhard Graeff, ehemaliger Bundesgeschäftsführer des Verbandes, aber auch zu verschiedenen politischen, religiösen hochkarätigen Vertretern aus Rumänien: zum Bischof der Evangelischen Kirche in Rumänien A.B., Reinhart Guib, zum Abgeordneten des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien, Ovidiu Ganţ, zum Vorsitzenden des Forums, Paul-Jürgen Porr, zum Präsidenten der Michael Schmidt Stiftung, Herrn Michael Schmidt. Meine ehemaligen Schulkameraden im Hermannstädter vierten Theresianum, Bernd Fabritius und Erhard Graeff, sind nicht mehr direkt im Verband tätig, Frau Bundesvorsitzende Daniel bereitet sich auch vor, ihre Stelle anderen zu überlassen. Ich wünsche ihnen allen viel Glück, gut verdiente heitere Tage und den Neukommenden wünsche ich viel Mut und Erfolg beim Erhalt dieser wichtigen Traditionen.

Vor drei Jahren hatte ich die Initiative eines Treffens zwischen Peter-Dietmar Leber, Herta Daniel, Bernd Fabritius und dem rumänischen Präsidenten der Restitutionsbehörde, Herrn Dr. George Băeșu. Damals entstand ein Rahmen einer direkten, schnellen Kommunikation, die trotz der Schwierigkeiten funktioniert und dazu beigetragen hat, dass die Restitutionsansprüche einen annehmbaren Wartehorizont bekommen haben.

Nicht zuletzt möchte ich auch mit größter Genugtuung die Zusammenarbeit mit Ihrer Publikation, der Siebenbürgischen Zeitung, erwähnen. Eine ständig interessante, sehr gut geschriebene Zeitung, in der man Spannendes zu lesen findet, auch wenn man nicht unbedingt Sachse und Mitglied des Verbandes ist, sondern nur ein alter, guter Freund. Sie haben es richtig erraten, ich beschreibe mich selbst.

Die Rolle der deutschen Minderheit ist selbst durch unseren Nationalfeiertag anerkannt – denn an diesem Tag, am 1. Dezember 1918 waren Vertreter aller Parteien dabei. Die Vereinigung Siebenbürgens mit Rumänien war auch die Option der deutschen Minderheit, die als erste, bei der Nationalversammlung in Mediasch im Januar 1919 dafür gestimmt hat. Damals ist nicht nur der rumänische moderne Staat entstanden, sondern auch die Solidarität eines Volkes in seiner gesamten Diversität unumkehrbar bewiesen.

Die 100 Jahre seit der Gründung des rumänischen modernen Staates waren Jahre gemeinsamer Freude und gemeinsamer Schwierigkeiten sowohl für die Mehrheit als auch für die deutsche Minderheit.

Wir sind damit aber einverstanden, dass die Minderheiten, durch ihre Natur selbst und besonders in diesem historischen Kontext der letzten 100 Jahre, die Versuchungen der Geschichte viel schmerzhafter empfunden haben. Auch in diesem Kontext möchte ich meine Dankbarkeit und meine Solidarität für Sie und mit Ihnen gemeinsam ausdrücken.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Schlagwörter: Heimattag 2019, Hurezeanu, Kulturerbe, Kirchenburgen, deutsch-rumänische Beziehungen, Europawahlen

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