29. September 2008

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Tourismusmagnet oder Kostenfalle?

Die Schmalspurbahn „Wusch“ (rumänisch: mocăniţa) soll Hermannstadt (Sibiu) mit Agnetheln (Agnita) verbinden. Rumäniens Kulturminister Adrian Iorgulescu erklärte Anfang September 2008, dass er das Projekt der Wiederinbetriebnahme der „Wusch“ auf der Strecke Hermannstadt – Schäßburg als eine Priorität im Programm der Regierung von Călin Popescu-Tăriceanu ansehe. Das Minis­terium für Tourismus und Gemeinderäte müssten in dieser Sache zusammenarbeiten.
Auf der Ebene der Gemeinderäte soll laut einem Bericht der „Tribuna“ von Anfang August 2008 Interesse bestehen, dieses Projekt zu unterstützen. Dies hätten der Hermannstädter Bür­ger­meister Klaus Johannis und der Vorsitzende des Kreisrats Hermannstadt, Martin Bottesch, bekräftigt. Gegenüber der Siebenbürgischen Zeitung erklärte Bottesch: „Die Idee finde ich sympathisch. Der Kostenaufwand dürf­te wohl aber in keinem Verhältnis zu dem Nutzen stehen. Trotzdem stellen wir uns nicht gegen das Projekt, sondern werden überlegen, wie wir es sinnvoll unterstützen können.“ Ob damit Image­werbung und Lobbyarbeit oder Fi­nanzmittel gemeint sind, ist noch im Ge­spräch.

Auf der regionalen Ebene verzeichnete das „Konsortium für die interregionale Entwicklung Hermannstadt – Agnetheln“ mit Radu Curcean und Lucian Dumitra an der Spitze einen entscheidenden Erfolg, indem es fünf Waggons, die für die Wiederinbetriebnahme unerlässlich wa­ren, vor der Zerstörung rettete. Die Waggons, die von der Remat, Klausenburg, ersteigert wurden – nachdem die Versteigerungstermine über Mo­na­­te hinweg ständig verschoben worden waren –, sollen nun an den Verein verkauft werden.

Die Arbeit des Konsortiums wird seit Anfang August unterstützt von einer Werbekampagne mit dem Motto: „Die Schmalspurbahn kann zum Leben erweckt werden“. Diese will eine Sensi­bilisierung für das Projekt erreichen und setzt natürlich auch auf finanzielle Zuwendungen. Denn die 17 000 Dollar, die der einzige finanzstarke Partner, der Mihai Eminescu Trust, für die Rettung der fünf Waggons vor dem Alteisen zur Verfügung gestellt hat, werden wahrscheinlich nur eine Verhandlungsbasis bilden, nicht jedoch die Kosten für diese minimale Anzahl von Waggons decken können, die notwendig sind, um den Betrieb wiederaufnehmen zu können.

Anfang 2008 wurde die Strecke als Denkmal der Kategorie B klassifiziert. Bereits 2005 wur­de eine Machbarkeitsstudie vom Mihai Emines­cu Trust in Auftrag gegeben, die inzwischen überholt ist. Ein Antrag an das zuständige Mi­niste­rium auf Erstellung einer neuen Studie wird gegenwärtig vorbereitet und soll etwa 100 000 Euro kosten. Die noch existierenden Gleise sind in einem schlechten Zustand. Die Bahnhöfe benötigen als historische Monumente eine aufwändige Restau­rierung. Die Wasserpum­pen wurden entwendet. Die Wiederherstellung dürfte einiges kosten und die Finan­zierung wird sicherlich aus mehreren Töpfen gespeist sein müssen: Mittel des Ministe­riums für Tourismus, des Landwirt­schafts­minis­teriums und, da dem Verein eine Konzession der Eisenbahnlinie für einen Zeit­raum von 25 Jah­ren erteilt wurde, ist auch eine Finanzierung aus europäischen Mitteln möglich.

Die Geschichte der „Wusch“ widerspiegelt die Geschichte Siebenbürgens der letzten 100 Jah­re. Es ist auch die Geschichte des Niedergangs, des Vergessens, des Erinnerns, der Hoffnung und des Neuanfangs. Die Hoffnung ist, dass der Tourismus, angekurbelt durch die Wiederinbe­triebnahme der historischen Schmalspurbahn, die Dörfer des Harbachtals aus ihrem Dornrös­chenschlaf erwachen lässt; dass das Interesse für das einzigartige kulturelle Erbe dieses siebenbürgisch-sächsischen Siedlungsgebiets zu einem Motor für die Entwicklung der ganzen Region wird; und dass man durch einen sanften Tourismus die einzigartige Natur- und Kultur­landschaft erhalten kann und die Menschen der Armut entreißt.

Elfi Silem

Schlagwörter: Harbachtal, Tourismus

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