22. Februar 2015

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Otto F. Gliebe: "De Wuejchtel"

In der Weihnachtsausgabe 2014 der Briefe aus Brenndorf, S. 12-13 (das Heft kann als pdf-Datei auf www.brenndorf.de heruntergeladen werden), erzählt Otto Gliebe in anekdotischer Form Erinnerungen aus seiner Kindheit, woraus wir „Die Wachtel“ (De Wuejchtel) ausgewählt haben. Die derbe Fopperei mit der angeblich gefangenen Wachtel gehört sicherlich zu den beliebten, öfters lokalisierten Schwankmotiven. Andererseits kommt darin auch ein zeitgeschichtlicher Aspekt zum Ausdruck: Im Jahr nach der Russlanddeportation arbeiten bei den Sachsen nur noch Alte und Kinder auf den Feldern.
Nåu der Ågrårreform am 45-er täirschten de Såchsen noch anniren ugebade Grand aarnen end esoi käim et, dått menj Groißåldjer am Keësbichhomm e Foeld mat reufem Semmerkäiren zem Uewaarnen hådden. Well de meust gang Årbetskroeft oirest a Gefongescheft åwer a Rußländ deportoirt wåuren, såuch em åf de Foeldern norr åult Lotj och Kändj årbeden. Beë aser Käirenaarent wåur et detsalw Beld. Well de Gewänd am Keësbichhomm soihr kurtsch wåur, klewten åf dar enner Setj vom Foeld me´ Groißvueter, menj Groißen, der åult Tontsch Gåuber äis der Schoilgåuß, boeßer bekäint als Pitz Gåuber, åf genner Setj menj Bethigood, annir Sann, der Mechel Håns, och ech de uewgeluejcht Gårwen zesummen. Der Mårtinonkel fohr mat em geborjchte Grasmeëhjer, un dam noch der Uewliëjerroechen dru wåur, end schubst de Gårwen, wo´se groiß geneģ wåuren, vom Roechen eruew. Mir Halfer moißten beë en joed Gårw läifen, äis er Häindvoll Halm schnoel en Gårwebondjel måuchen, de uewgeluejcht Gårw zesummeniëhn, åf de Bondjel liëjen, se foest bondjen och åf de Setj denn, am dått der Uewliëjer wedder behinfuehre kannt. Wonn em eust mat er Gårw netj fartij wåur, well em mat de bårbese Foißen an en Ståppel getradde wåur end dåut soihr woih diët, moißten de Äiße mat dem Uewliëjer ståuhbleuwen. Nåu schimpft der Mårtinonkel wei en åult Kutscherkniëcht.
Det Foeld mat der ståuanner Frujcht wuerd ändje schmaler, esoi dått mer es båuld begreufe kannden, wei em vo genner Setj en kurtsche Krasch „En Wuejchtel, en Wuejchtel!“ hoirt. Mat em Såtz wåure mir zpoin Gonjsten dujcht Käire geläifen, sauģen den åulde Pitz Gåuber an den Ståppeln knaijen. Mat enner Häind hältj e senjen Het, mat dam e ast zägedoekt hått. Ech wäil glech annegreufen, åwer der åult Båutschå meunt: „Låss leiwer den Håns annegreufen, doi as gresser end huet och en gresser Häind.“ Ech trat mich netj ze weddersproejchen. Keën den Håns åwer såut e: „Wonn te annegreufs, nåu påck glech foest ze, am dått der de Wuejchtel netj entkitt.“ Der Håns måucht, wei befäihlen, end wei e zegegraffen hått, näihm der Pitz Gåuber schnoel den Het ewoejch end kräumt sich vor Låuchen. Der Håns åwer hått mat senjer Häind an en fraschen, wueremen Äißendroek gegraffen end mir kannden es vor Låuchen äiģ nammoi håulden. Suguer der Mårtinonkel, doi mat senjem Uewliëjer nammoi wetjerkannt, end äiģ naujgoirij worde wåur, wåt dåu as, moißt iwer dess låstich Wuejchteljueģd låuchen. Norr beëm Håns wåuren de Zaihren neëhjer wei det Låuchen.

Worterklärungen: täirschten – durften
Keësbichhomm – Hattertname
Gewänd – Gewann, Feldlänge
Äißen – Ochsen
dujcht – durch das
Äißendroek – Kuhfladen

Am 10. November 2014 vollendete Otto F. Gliebe sein 80. Lebensjahr. Neben zahlreichen ehrenamtlichen Tätigkeiten im Dienste seiner Heimatgemeinde bzw. der „Dorfgemeinschaft der Brenndörfer“ (HOG Brenndorf) hat er ein 9000 Wörter umfassendes Brenndorfer Wörterbuch vollendet, das 2015 erscheinen wird. Im Vorwort zu diesem Werk schreibt er: „Es ist Aufgabe unserer Generation, diese Werte der vielfältigen Mundart der Siebenbürger Sachsen mit all ihren Ortsdialekten und Besonderheiten für die zukünftigen Generationen aufzuzeichnen und zu erhalten, damit sie für die Geschichte der Siebenbürger Sachsen nicht verloren gehen.“

Die von Gliebe eigens für das Wörterbuch entwickelte Lautschrift, wie sie im Originaltext verwendet wurde, ist durch die in unserer Rubrik gebräuchliche ersetzt worden.

Otto F. Gliebe wurde am 10. November 1934 in Honigberg geboren. Nach der politisch bedingten Flucht seiner Eltern am 23. August 1944 lebte der Junge bei seinen Großeltern in Brenndorf. Hier, später in Kronstadt, besuchte er die Volksschule, danach die Berufsschule mit der Ausbildung als Werkzeugmacher. Am Abendgymnasium erreichte er das Abitur. Bis zur Ausreise 1970 leitete er die Blaskapelle Brenndorf. Von 1976 bis 2003 war er Vorsitzender der „Dorfgemeinschaft der Brenndörfer“ und Herausgeber des Heimatbriefes, zudem dokumentierte er die Consistorial- und Presbyterialprotokolle der evangelischen Gemeinde Brenndorf 1807-2006. Sehenswert ist seine DVD-Dokumentation der Hochzeit in Brenndorf: „Åf der Häifzet brecht em vill“, 2011.

Hanni Markel und Bernddieter Schobel

Schlagwörter: Mundart, Brenndorf, Humor

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