11. Januar 2015

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Bischof Reinhart Guib: Zum Gedenken an die Deportation

Als „größte Tragödie in der Geschichte der Siebenbürger Sachsen und der Evangelischen Kirche“ bezeichnet Reinhart Guib, Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien, die Deportation in die Sowjetunion vor 70 Jahren. In einem Kanzelwort, das für den Gottesdienst am 11. Januar 2015, einem darauffolgenden Sonntag und weitere Gedenkfeiern wie jene in Ulm am 17. Januar gedacht ist, erinnert der Sachsenbischof an das Leid und Unrecht von rund 75 000 Deutschen in Rumänien und geht auf die heutige Bedeutung dieses Ereignisses ein.
Liebe Schwestern und Brüder!
Im Januar 2015 erinnern wir uns des tragischen Ereignisses der Deportation vor 70 Jahren und der Verschleppung zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion von rund 75 000 Deutschen, davon über 30 000 evangelische Gemeindeglieder, Siebenbürger Sachsen in Rumänien. Dies Gedenken steht im Zusammenhang mit der Reihe „Glauben und Gedenken. Kirche unterwegs – 70 Jahre seit Evakuierung und Deportation“ die wir als Evangelische Kirche A.B. in Rumänien schon am 3. August 2014 in Hermannstadt gestartet haben. Am 24. August wurde in Sächsisch Regen und am 14. September in Bistritz der Evakuierung von rund 35 000 evangelischen Nordsiebenbürger Sachsen, die dann später in Österreich und Deutschland ein Zuhause gefunden haben, gedacht. In Budapest, sowie Wels, Rosenau und Traun in Österreich, in Rothenburg ob der Tauber und Nürnberg in Deutschland, wurden auch Gedenkgottesdienste zu diesem Anlass gemeinsam mit den Siebenbürger Sachsen im Ausland und Evangelischen vor Ort begangen. Am 6. Januar 2015 in Karlsruhe und am 18. Januar in Drabenderhöhe, also in Deutschland, werden wir mit unseren Siebenbürger Sachsen und evangelischen Freunden und Partnern der Deportation gedenken. Mit dem Deportations-Gedenken an 11. Januar oder einem der darauffolgenden Sonntage in unseren Gemeinden ordnen wir uns in diese Reihe ein. Gleichzeitig fügt sich diese Reihe auch in die Richtung des Ökumenischen Rates der Kirchen, der alle Kirchen weltweit auffordert, eine Pilgerreise für Frieden und Gerechtigkeit zu unternehmen.

Zwischen dem 10. und 15. Januar 1945 wurden die Männer im Alter von 17-45 Jahren und die Frauen im Alter von 18-30 Jahren ausgehoben und in Viehwaggons zusammengepfercht, um dann deportiert zu werden. Waren die Listen nicht voll, wurden auch jüngere oder ältere Männer und Frauen zur Deportation genötigt. In Kohle- und Erzgruben des Urals und der Ukraine, in Fabriken und Kolchosen mussten die Verschleppten unter unmenschlichen Bedingungen, unter Kälte, Hunger, Kleidungs- und Ausrüstungs-Knappheit eine Reparations- und Wiederaufbauarbeit für die Sowjetunion leisten. Das war eine Vergeltungsmaßnahme für die Zerstörungen seitens der Deutschen während des zweiten Weltkrieges und geschah auf Anordnung der Moskauer Regierung. Und das trotz des Waffenstillstandabkommens vom 12. September 1944 , das solche Reparationen nicht vorsah. Etwa 15 Prozent der Verschleppten kamen nicht mehr heim und verstarben infolge der schweren Arbeitsbedingungen sowie an der Kälte, Unterernährung, Krankheit und Misshandlung. Der Großteil der Überlebenden kam erst 1948-1950 in die Heimat zurück oder wurde nach Deutschland abgeschoben.

Damit nahm die größte Tragödie in der Geschichte der Siebenbürger Sachsen und der Evangelischen Kirche ihren Lauf. Das geschehene Unrecht hat nicht nur bei den Betroffenen, sondern auch ihren Familien und in unseren Gemeinden unsagbares Leid erzeugt. Es folgten danach die Enteignung unserer Bauern und weitere Entbehrungen.

Die durch die Evakuierung begonnene und die Deportation verstärkte Familientrennung hat zu der Auswanderung und Trennung unserer Familien und Gläubigen geführt, die seit damals in Rumänien, in Österreich und Deutschland getrennt leben.

Unsere Gläubigen, die vor 70 Jahren den schweren Weg in die Deportation gehen mussten, haben damit etwas von der Gesamtlast mitgetragen, die das deutsche Volk durch den zweiten Weltkrieg auf sich geladen hat. Diese Männer und Frauen haben stellvertretend für uns und alle am Krieg Schuldigen gesühnt und nicht wenige haben dies sogar mit dem Leben bezahlt. Ihnen sind wir es schuldig, in Ehrfurcht und Anerkennung ihrer zu gedenken, und ihnen und ihren Angehörigen gelten unser Mitgefühl und unser ehrliches und teilnahmsvolles Gedächtnis.

Trotz der tiefen Wunden, der schweren Leiden und der unbegreiflichen Entbehrungen konnten viele der Heimkehrer ein neues Leben beginnen und sind Vorbilder im Glauben geworden, wie sie vormals Vorbilder im Leiden waren. Unserem Volk und unserer Kirche wurde dank Gottes Barmherzigkeit und Gnade trotz Evakuierung und Deportation, Trennung und Auswanderung unserer Gläubigen eine neue Chance zuteil. Wir dürfen heute sehen, wie langsam, aber unumkehrbar unsere zertrennte Gemeinschaft wieder zusammenfindet und zusammenwächst und im Ausland und nun auch im Inland wieder an Anerkennung gewinnt und Gott seinen Weg mit unserer Kirche weitergeht.

Es gibt nicht mehr viele Überlebende der Deportation in unseren Gemeinden. Mit ein Grund, die Erlebnisgeneration und das von ihnen Erlebte nicht zu vergessen, sondern es als Mahnung zum Frieden und Verständigung, Versöhnung und Zusammenarbeit anzunehmen und an die nachkommenden Generationen weiterzugeben.

Lasst uns diese Gedenk- und Gebetsstunde der Deportation und ihrer Opfer vor 70 Jahren in der Gewissheit begehen, die uns die Jahreslosung mit auf den Weg gibt: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“ (Römer 15,7)

Reinhart Guib, Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien

Schlagwörter: Deportation, Gedenken, EKR, Kirche und Heimat

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