22. Dezember 2006

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Was tut die Landsmannschaft für mich?

Als sie aus dem runden Fenster des Flugzeugs sah, wusste sie: Wir sind frei. Endlich frei. Der Kopf ihrer kleinen Tochter Lenchen lag auf ihrem Arm. Das Kind schlief. Bis das Flugzeug endlich in die Luft stieg, hatte sie noch befürchtet, dass ein Beamter käme und sie auffordern würde, auszusteigen und zurückzugehen: Zurück in den Kommunismus. Als Katharina K. am 24. Dezember 1976 dann am Frankfurter Flughafen ankam, war alles ganz einfach. Sie wurde freundlich empfangen, bekam 100 DM Begrüßungsgeld und für Unterkunft war gesorgt. Nach drei Wochen hatte sie bereits alle Papiere.
So wie Katharina W. ging es fast allen Siebenbürger Sachsen, die in den letzten 50 Jahren aus Rumänien nach Deutschland ausgereist sind. Zu verdanken ist dies der Arbeit der Landsmannschaft. Denn ohne ihre Beharrlichkeit wäre die Aufnahme der Siebenbürger Sachsen in der Bundesrepublik nicht möglich geworden. Sie hat für die Gleichstellung der Siebenbürger als deutsche Staatsbürger mit allen Rechten und Pflichten gesorgt. Und sie kämpft auch weiterhin für alle Belange der Siebenbürger Sachsen: in der Rentenfrage, bei der Anerkennung der Arbeitsjahre, der Militärdienst- und Deportationszeiten und dem Kindergeld. Sie tritt für die Rückgabe enteigneter Häuser und Grundstücke ein und für den Erhalt siebenbürgischer Gebäude. Das Sozialwerk hilft bedürftigen Siebenbürgern in Deutschland und in Siebenbürgen. Und die Mitglieder tragen auch zum Unterhalt des Siebenbürgischen Museums auf Schloss Horneck und des Siebenbürgen-Instituts bei. Diese Institutionen sorgen für den Erhalt und die Dokumentation der 860-jährigen Geschichte der Siebenbürger-Sachsen. Damit unser kultureller Hintergrund nicht in Vergessenheit gerät.

Dennoch fragen sich heutzutage manche, ob die Landsmannschaft nicht mittlerweile überholt sei. Ob sie sich durch ihre erfolgreiche Arbeit nicht selbst überflüssig gemacht habe. Denn fast alle Siebenbürger Sachsen haben sich hervorragend integriert. Die Kinder der Aussiedler, die hier geboren und aufgewachsen sind, fühlen sich mehr als Deutsche der Bundesrepublik und nicht als Siebenbürger. Die Heimat ihrer Eltern, Großeltern und Ur-Großeltern kennen sie nur noch aus Erzählungen und vielleicht noch aus dem Urlaub. Viele rechtliche Belange, für die die Landsmannschaft eintritt, betreffen die jungen Sachsen nicht. Dennoch und dessen sollten sie sich stets bewusst sein: Sie sind nur in Deutschland, weil die Landsmannschaft dafür gekämpft hat. Sie ist nach wie vor die wichtigste Institution der Siebenbürger Sachsen. Denn sie tritt nicht nur für rechtliche und soziale Interessen ein. Sie bietet den Rahmen für alle kulturellen Veranstaltungen, in denen siebenbürgische Tradition fortgeführt und gelebt wird. Und das ist nicht nur der jährliche Heimattag in Dinkelsbühl, an dem regelmäßig 12 000 Siebenbürger Sachsen teilnehmen. Es sind vor allem die regelmäßigen Veranstaltungen: die Zusammenkünfte und Reisen in den Kreisgruppen, wo man sich trifft, wo man noch sächsisch sprechen kann und etwas gemeinsam unternimmt. Es sind die Volksmusikabende und die Trachtentanzveranstaltungen bei denen zusammen getanzt und gelacht wird.

Denn Integration bedeutet nicht, dass man seine Wurzeln vergessen und sich angleichen sollte. Vielmehr gilt es, den eigenen kulturellen Hintergrund innerhalb einer anderen Gesellschaft beizubehalten und mit Leben zu füllen. Und dafür ist die Landsmannschaft unerlässlich. Ohne die starke Gemeinschaft aller, ohne dass jedes Mitglied sich einbringt, wird dies nicht aufrecht zu erhalten sein: Denn wir sind Siebenbürgen, jeder einzelne, gleichgültig in welchem Land er lebt. Das sollten die Älteren ihren Kindern mit auf den Weg geben.

Genau 30 Jahre ist es her seitdem Katharina K. und ihre Tochter Lenchen an Heilig Abend am Frankfurter Flughafen standen. Lenchen ist mittlerweile erwachsen und hat selbst eine kleine Tochter. Und dieses Jahr an Weihnachten werden sie gemeinsam mit der ganzen Familie ein siebenbürgisches Weihnachten in Deutschland feiern mit Geschichten aus der alten Heimat. Katharinas Enkeltochter wird jedenfalls in siebenbürgischer Tradition erzogen werden und bald selbst bei einer siebenbürgischen Kindertanzgruppe mitmachen. Denn Siebenbürger Sachsen wird es nur solange geben, solange sie ihr Brauchtum auch leben und ihre Traditionen weitergeben.

Laura Schuppert

(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 20 vom 20. Dezember 2006, Leitartikel)

Schlagwörter: Landsmannschaft

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