6. November 2007

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Verbandstag setzt klare Zeichen für die Zukunft

Beim Verbandstag der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen haben 175 Delegierte am 3.-4. November 2007 im „Heiligenhof“ in Bad Kissingen einen neuen Bundesvorstand gewählt und eine Neufassung der Satzung verabschiedet. Eine überwältigende Mehrheit stimmte für diese Neuerungen in der Gewissheit, dass die Landsmannschaft, die Traditionen und Werte der Siebenbürger Sachsen darin bestens aufgehoben sind. Für die finanziell bedrohte Siebenbürgische Bibliothek in Gundelsheim wurden deutliche Zeichen der Solidarität gesetzt. Wichtige Momente des Verbandstages dokumentiert die Siebenbürgische Zeitung in einer Online-Fotoserie.
Zu Beginn des Verbandstages übermittelte der Bundesvorsitzende Dipl.-Ing. Arch. Volker Dürr Grüße des Aussiedlerbeauftragten der Bundesregierung, Dr. Christoph Bergner, des Bundeskulturstaatsministers Bernd Neumann, des nordrhein-westfälischen Kulturstaatssekretärs Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff und der BdV-Präsidentin Erika Steinbach.

Einen umfangreichen Tätigkeitsbericht hatte der Bundesvorsitzende schriftlich für die 158 Seiten umfassende Delegiertenmappe vorgelegt. Ergänzend dazu würdigte er in seinem Bericht vor dem Verbandstag die Förderung der siebenbürgisch-sächsischen Kulturarbeit durch die Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg und berichtete über Delegationsreisen nach Siebenbürgen, Gespräche mit Politikern und seinen Einsatz für das Siebenbürgische Museum in Gundelsheim, wobei er sich mehr Unterstützung von der Siebenbürgischen Zeitung gewünscht hätte. Angesichts der Altersstruktur der Landsmannschaft regte Volker Dürr an, ein Senioren-Referat einzurichten.

Walter Klemm wurde mit dem Siebenbürgisch-Sächsischen Verdienstabzeichen „Pro Meritis“ gewürdigt. Er ist damit der zweite Träger dieser Auszeichnung, die im März 2006 erstmals an den Chordirigenten und Musikpädagogen Paul Staedel verliehen worden war. „Als Gründer der landsmannschaftlichen Kreisgruppe Schwarzwald-Baar und als Mitglied und Amtsträger der Kreisgruppe Bad Tölz-Wolfratshausen und anderer siebenbürgisch-sächsischen Organisation hat sich Walter Klemm für die Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen eingesetzt und ihren Zusammenhalt über Grenzen hinweg befördert“, heißt es in der Verleihungsurkunde, die Bundesvorsitzender Volker Dürr als eine seiner letzten Amtshandlungen überreichte.

Alter Vorstand entlastet

Nach dem Kassenbericht und dem Bericht der Rechnungsprüfer, vorgetragen von Wolfram Schuster, wurde der alte Bundesvorstand entlastet. Die stellvertretende Bundesvorsitzende Karin Servatius-Speck würdigte den Bundesvorsitzenden Volker Dürr als Kapitän, der das Schiff seit 1992 geschickt gesteuert und sich vielseitig eingesetzt habe, etwa für den Erhalt des Siebenbürgischen Museums in Gundelsheim und eine Begegnungsstätte der Siebenbürger Sachsen in München (2000). Zum Dank wurden dem Bundesvorsitzenden ein Blumenstrauß und ein Geschenk überreicht.

Unter der Wahlleitung des Ehrenvorsitzenden Dr. Wolfgang Bonfert wurde ein neuer Bundesvorstand an der Spitze mit Dr. Bernd Fabritius gewählt (diese Zeitung berichtete). Dekan i.R. Hermann Schuller, Vorsitzender des Hilfskomitees der Siebenbürger Sachsen und evangelischen Banater Schwaben im Diakonischen Werk der EKD, wünschte den Gewählten, dass sie ihre Vorsätze und Idealismus behalten, die Liebe Gottes erfahren, weitergeben und die Menschen verstehen mögen. Dürr habe Mut gezeigt, sich als Kandidat aufzustellen, obwohl sich ein Wechsel abgezeichnet habe. Schuller dankte Dürr für sein verdienstvolles Wirken, eine Aussage, die die Delegierten durch stehenden Applaus bestätigten.

Im Geiste der Reformation: Mut zum Neuen

In seiner Andacht zum Reformationsfest, mit dem der Sonntag eingeleitet wurde, ermutigte Schuller die anwesenden „Gemeindeglieder“ im Geiste der Reformation, keine Angst vor Neuem zu haben. Was der Verbandstag anstrebe sei zwar ein Wagnis, aber wir hätten uns schon oft auf Neues eingelassen, beispielsweise als wir unsere Heimat verließen. Der restliche Verbandstag war den Beratungen über eine Neufassung der Satzung gewidmet. Gute Stimmung herrschte auch bei der Abstimmung ...Gute Stimmung herrschte auch bei der Abstimmung in Bad Kissingen. Foto: Siegbert Bruss Unter der souveränen Tagungsleitung des neuen Bundesvorsitzenden Dr. Bernd Fabritius wurde ein 55 Seiten starkes Regelwerk erörtert. Über Punkte, bei denen sich Zweifel oder unterschiedliche Meinungen abzeichneten, wurde einzeln abgestimmt. Die zahlreichen Anträge, die bis zum letzten Augenblick eingereicht wurden und dadurch die Arbeit der Delegierten erschwerten, wurden unter den jeweiligen Paragraphen erörtert, die sie betrafen. Dem äußerst konstruktiven Verlauf der Diskussionen kam die Tatsache zugute, dass die Materie Fabritius bestens vertraut war. Der Jurist hatte gemeinsam mit seinem Kollegen Rolf-Dieter Happe sowie mit Erhard Graeff, Rainer Lehni, Robert Sonnleitner und Michael Konnerth im Satzungsausschuss an der Entstehung der neuen Satzung aktiv mitgewirkt. Auch in den Online-Diskussionsforen hatte er wiederholt dazu Stellung bezogen. Er erläuterte zunächst grundsätzliche Gedanken, die der neuen Satzung zugrunde liegen, und entkräftete durch Argumente Ängste und Kritikpunkte, die im Vorfeld des Verbandstages geäußert worden waren. Die Initialzündung, eine Neufassung der Satzung zu entwerfen, kam interessanterweise vom Finanzamt. Die Vorgaben bezüglich der Gemeinnützigkeit hätten den Verantwortlichen der Landsmannschaft bewusst gemacht, dass die Satzung der Landsmannschaft im Laufe ihrer 58-jährigen Existenz immer wieder „geflickt“ worden sei. Man habe die Notwendigkeit erkannt, ein einheitliches Regelwerk zu schaffen.

Die wichtigsten Themen der neuen Satzung

Fabritius ging auf drei wichtige Themenblöcke der Satzung ein. Ein erster Block bezieht sich auf die von der Landsmannschaft angestrebte Öffnung für juristische Mitglieder und andere Leistungsträger. Eine Gefahr der Überfremdung bestünde nicht, sagte der Bundesvorsitzende, weil nur jene Mitglieder und Vereine aufgenommen werden, die sich mit unseren Zielen identifizierten. Eine hohe Hürde sei auch durch die Zweidrittelmehrheit eingebaut, mit der über eventuelle Aufnahmen entschieden werde. Die Angst anderer Vereine, von der Landsmannschaft „geschluckt“ zu werden, sei ebenfalls unbegründet. Eine mit der Landsmannschaft gewünschte Kooperation könne von sehr lose bis sehr eng sein. Konkretes werde in den Beitrittsverhandlungen vereinbart, die „auf gleicher Augenhöhe“ geführt werden und noch völlig offen seien, da bisher Erfahrungswerte fehlten. Die Neufassung der Satzung schaffe lediglich den Rahmen, die Möglichkeit, „einen Ofen, um überhaupt Kuchen backen zu können“, stellte Fabritius klar.

Ein zweiter Block betrifft den Namen der Landsmannschaft, der angesichts der angestrebten Öffnung „Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland e.V.“ lauten sollte. Mit diesem Namen könnten sich auch neue, vor allem juristische Mitglieder besser identifizieren. Der Bund der Vertriebenen stehe einer Namensänderung positiv gegenüber und sehe uns nach wie vor als dynamischen Verein mit Zukunft, sagte der neue Bundesvorsitzende.

Schlankere Entscheidungsstrukturen

Eine Verschlankung der Strukturen werde in einem dritten Block angestrebt, indem man sich auf drei Organe beschränke: den Verbandstag als oberstes Gremium, den Bundesvorstand, der die Geschäfte des Verbandes führt, und den Vorstand, bestehend aus dem Bundesvorsitzenden und den vier Stellvertretern, der verwalterische und ausführende Aufgaben nach Vorgaben des Bundesvorstandes übernimmt. Damit wird eine Zwischenstufe – der geschäftsführende Bundesvorstand – abgeschafft, die Entscheidungsstrukturen werden effektiver.

Kirchliche Tradition hervorgehoben

Die Präambel sei unsere Visitenkarte, in der wir uns eine Wertepositionierung geben, sagte Bernd Fabritius. Im Vorspann der Satzung wird unter anderem die kirchliche Tradition der Siebenbürger Sachsen betont, nachdem das Finanzamt die Anbindung an die Kirche im zweiten Paragraphen (Zweck und Grundsätze des Vereins) beanstandet hatte, weil diese ausschließlich für kirchliche Gemeinschaften zulässig sei.

Lebhafte Diskussionen über Namensänderung

Der erste Paragraph („Die Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen ist die Vereinigung der in Deutschland lebenden Siebenbürger Sachsen, der Personen und Gemeinschaften, die sich mit deren Interessen und Zielen identifizieren, und führt künftig den Namen ‚Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland e.V.’“) löste zwar eine lebhafte, aber bei weiten nicht mehr so kontroverse Debatte aus wie frühere Anträge auf eine Namensänderung, die bei den Verbandstagen 1995, 1999 und 2003 an einer Zweidrittelmehrheit gescheitert waren. 138 von 173 Delegierten stimmten für den Paragraphen 1 – das ist eine satte Mehrheit von rund 80 Prozent. Die Satzung insgesamt fand dann zum Schluss eine noch höhere Zustimmung.

Der redegewandteste Gegner einer Namensänderung Manfred Huber (Freiburg im Breisgau) gabt zu bedenken, dass uns niemand von außen eine Namensänderung aufoktroyiere. „Die Landsmannschaft muss ihren Namen nicht ändern, wir sind damit gut gefahren.“ Die meisten Redner sprachen sich allerdings für eine Namensänderung aus, weil sie damit – wie Horst Göbbel (Nürnberg) – bessere Zukunftschancen für uns Siebenbürger Sachsen sehen. Johann Wester (Mannheim) traf sicherlich den Nerv vieler Anwesenden, als er den Dichter Wolf von Aichelburg zitierte: „Zeitgemäß sein, ohne mit der Tradition zu brechen“.

Mit dieser Gewissheit hoben wohl die meisten Delegierten ihren Stimmzettel: In dem neuen Namen und der neuen Satzung ist die bisherige Landsmannschaft bestens aufgehoben, die Siebenbürger Sachsen öffnen sich, rüsten sich für die Zukunft, ohne ihre Traditionen oder Werte preiszugeben.

Verantwortung für Siebenbürgische Bibliothek in Gundelsheim

Wie eng die Delegierten sich der siebenbürgisch-sächsischen Geschichte und ihrem Kulturerbe verpflichtet fühlen, zeigten sie auch in einer Diskussion über die finanzielle Not der Kultureinrichtungen in Gundelsheim. „Das kranke Kind in Gundelsheim sind die Bibliothek und das Siebenbürgen-Institut“, erklärte Dr. Günther Tontsch, Vorsitzender des Beirates der Stiftung Siebenbürgische Bibliothek. Unser Anliegen sei es, Bibliothek und Archiv auf eine stabile Basis zu stellen. Tontsch appellierte an die Delegierten und Kreisgruppen: „Wir dürften nicht etwas zerschlagen lassen und sollten uns zu einem Kraftakt zusammenfinden, um diesen Engpass zu überwinden.“ Es sei wichtig, dass es in das Bewusstsein unserer Landsleute eindringe, dass die Siebenbürgische Bibliothek in Gundelsheim gerettet und gestärkt werden müsse. Eine dauerhafte finanzielle Sicherung sei vonnöten. Die Stiftung Siebenbürgische Bibliothek müsste mit einem Kapital von etwa 4 Millionen Euro ausgestattet werden, um durch ihre Ausschüttungen die Aufgaben finanziell zu schultern. Kurzfristig, um die schlimmsten Folgen zu vermeiden, sei eine „Feuerwehraktion“ gefragt. Bundesfrauenreferentin Enni Janesch überreicht ...Bundesfrauenreferentin Enni Janesch überreicht Dr. Günther Tontsch die Spende des Verbandstages an die Siebenbürgische Bibliothek in Gundelsheim. Foto: Siegbert Bruss Die Landesgruppe Baden-Württemberg hatte das „Prinzip der finanziellen Verantwortung für die Siebenbürgische Bibliothek“ als Antrag an den Verbandstag eingebracht. Der baden-württembergische Landesvorsitzende Alfred Mrass appellierte an die in Bad Kissingen versammelte „Elite“: „Wir haben die Pflicht, unsere Nationalbibliothek in Gundelsheim am Leben zu erhalten. Ansonsten können wir vor unseren Nachkommen nicht bestehen.“

Große Spendenaktion geplant

Pfarrer i.R. Kurt Franchy, Vorsitzender des Adele-Zay-Vereins in Drabenderhöhe, verdeutlichte, dass wir Siebenbürger Sachsen auf Geschichte ausgerichtete Menschen seien wie kaum andere. Die Bibliothek sollte man deshalb uznter anderem durch Vermächtnisse unterstützen.

Der Verbandstag forderte alle Landes- und Kreisgruppen auf, mindestens einen Euro pro Mitglied in einen Kulturfonds des Sozialwerks der Siebenbürger Sachsen einzuzahlen, so dass jährlich eine konstante Summe von 22 000 Euro an die Siebenbürgische Bibliothek fließt. Des Weiteren wird in der Siebenbürgischen Zeitung vom 5. Dezember 2007 eine große Spendenaktion gestartet. Auch bei den anstehenden Weihnachtsfeiern könnte nach Ansicht der stellvertretenden Bundesvorsitzenden Doris Hutter ein Opfer für die Bibliothek gebracht werden.

Die in Bad Kissingen versammelten Delegierten setzten dabei ein klares Zeichen: Sie spendeten 1 000 Euro für die Stiftung Siebenbürgische Bibliothek, so dass der Verbandstag – das oberste Gremium der Landsmannschaft (des Verbandes) – in die Stiftertafel in Gundelsheim eingetragen wird. Eine beispielhafte Geste.

Siegbert Bruss

Schlagwörter: Landsmannschaft, Verband, Verbandstag

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