7. November 2013

Neugier und Nostalgie: Reiseeindrücke aus Siebenbürgen

Es kann keine Reisebeschreibung geben, die dem Erleben der 13 Teilnehmer von „Zehn Tagen Siebenbürgen, Kultur und Geschichte“ mit Ursula Stoll gerecht wird. Ich schreibe nieder, was ich erlebt habe.
Vorspann: Mit zwölf Jahren kam ich aus Siebenbürgen nach Deutschland (1965), davor ging ich in Kronstadt zur Schule. Zwei Besuche innerhalb der ersten beiden Jahre, da mein Vater und die Großeltern noch „unten“ lebten. Dann erst wieder ein Besuch 1995, als ich mit meinem Vater Hans Bergel und einem Filmteam, das anlässlich seines 70. Geburtstags einen Film über ihn für das Bayerische Fernsehen drehte, nach Rumänien reiste. Eine Fahrt entlang der Stationen des Lebens meines Vaters: Rosenau, Kronstadt, Hermannstadt, Michelsberg, Fahrt durch das Harbachtal nach Schäßburg, er zeigte mir die Ruine Kerz und das rumänische Kloster Argeş, und natürlich die ganz düsteren und bedrückenden Orte: das Fort Jilava, Gefängnis südlich von Bukarest, und den Donaudeich, an dem er während seiner politischen Haft mitgearbeitet hatte. Dies war mein „Gepäck.“

Im Februar las ich dann den kleinen Artikel in der Siebenbürgischen Zeitung, nicht übertrieben professionell gestylt, quasi eine Einladung zu einer Reise, interessant und abwechslungsreich. Beim Telefonat erfuhr ich, dass auch Ursula Stoll ihre Heimat beinahe zwölfjährig verlassen hat (1969), das war eine Gemeinsamkeit, die mich entspannte. Jemand also, der Siebenbürgen wieder näher kennenlernen möchte, der eine vielleicht kindliche Sehnsucht in der Seele trägt, die sich aber erst, je älter wir werden, bemerkbar macht …

Unsere Reiseführerin: Frau Victoria Niţu, Hermannstädterin, Personifikation der freundlichen Atmosphäre, auf die wir überall trafen. Seit 27 Jahren macht sie Führungen, historisch gebildet, in ruhigem Ton erzählend, offen, geistreich, interessiert. Sie verstand es, uns klarzumachen, dass die Wirklichkeit Siebenbürgens eine rumänische ist, auch wenn das sächsische Erbe allgegenwärtig bleibt.

Die Reise beginnt damit, dass Ursula Stoll nach dem Abendessen im Restaurant Hermania in Hermannstadt (Sibiu) jedem von uns eine kleine Tube Fußbalsam schenkt. Der holzgetäfelte Raum war einstmals ein ehrwürdiger Konzertsaal, in dem schon Carl Filtsch, das Klavierwunderkind der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und Ziehsohn Chopins, seine virtuosen Auftritte hatte. Und die Reise endet damit, dass mein Mann und ich, in Köln über die ausgebreitete Karte auf unserem Esstisch gebeugt, die besichtigten Städte und Burgen markieren: Hermannstadt, Kronstadt (Braşov), Schäßburg (Sighişoara) und Mediasch (Mediaş), außerdem zehn Kirchenburgen und die Törzburg (Schloss Bran), eine Wehrburg. Die Wandertour, geplant als Höhenrückenweg von den Babele zum Omu-Gipfel im Butschetsch (Bucegi)-Gebirge, fiel einer „Verunsicherung“ zum Opfer. Aber nun der Reihe nach, wenn das überhaupt geht …

Warum gerade diese Reise? Vielleicht passten Zeit und Stunde. Oder, für jemanden der ein wenig fremdelt, die zehn angesetzten Tage, die relativ kleine Gruppe … Aber nicht zuletzt der Tonfall der Einladung zu Kultur, Wandern, ländlichem Leben ... Zur Begrüßung hielt Ursula Stoll in einem Bibliotheksraum oberhalb des Erasmus-Literaturcafés in Hermannstadt einen ausführlichen Vortrag mit Bildern, der uns alle in die Landschaft und Historie Siebenbürgens und der Siebenbürger Sachsen einführte bzw. das vorhandene Wissen auffrischte.

Großer Kontrast in Hermannstadt zwischen der modernen und geschichtsträchtigen Oberstadt mit dem Brukenthal-Palais und der Unterstadt und deren orientalisch anmutendem Markt mit seinen unzähligen Ständen überfließender Zwiebelberge und Auberginen in der Größe von Ferkeln. Am Tag unserer Fahrt von Hermannstadt nach Kronstadt durch das Alt(Olt)-Tal hielt sich die Fogarascher Gebirgskette (Munţii Făgăraşului) in dichtem Wolkengrau versteckt. Besuch der Sommerresidenz von Brukenthal in Freck (Avrig). Die barocke Anlage ist einerseits im Verfall begriffen, andererseits sind Zeichen einer mutigen Förderung zu erkennen, sichtbar an der Orangerie. Ursula Stoll unterstützt die Samuel von Brukenthal-Stiftung als Projektpartner von CultTour, eine europaweite Aktivität zur Nutzung des Zusammenspiels von Kultur und Tourismus. Deren Projektleiterin Cornelia Feyer, Landschaftsarchitektin aus Deutschland, führte durch das Gelände und erläuterte uns die Pläne für die Sommerresidenz.

In Sâmbăta de Sus hielten fünfzig Lipizzaner Mittagsmahl. Sie fraßen aus der Raufe und zeigten uns kräftige runde Pobacken und Schweif. Die Forellen in den belüfteten Zuchtteichen von Albota, beeindruckend nach Größe geordnet, kamen in recht unterschiedlicher Qualität auf den Tisch. Aber zuletzt richtet die Zuika (Ţuică) alles … Die Bären im Reservat von Zărneşti (Zernen) südwestlich von Kronstadt müssen keine Zirkusakrobatik mehr vorweisen: das Futter wird ihnen über den Zaun zugeworfen, sie sind von allein nicht mehr lebensfähig. Von dort wanderten wir mit der aus Deutschland übergesiedelten Katharina Kurmes bis Wolkendorf (Vulcan). Nach 20 Jahren zog es ihren Mann, einen Wolkendorfer, zurück. Nun betreiben sie in Siebenbürgen eine Pension und ein Unternehmen für Naturschutz und Ökotourismus. Vor uns immer wieder der Zeidner Berg (Codlea) mit seiner runden Form, einer Hirtenmütze nicht unähnlich, der mir bisher nur von den Aquarellen meiner Mutter und meines Großvaters, des Malers Heinrich Schunn, bekannt war.
Neue und alte Freunde unserer Heimat – ...
Neue und alte Freunde unserer Heimat – Reisegruppe September 2013 mit Ursula Stoll (5. von links) und Hildegard Bergel-Boettcher (2. von rechts). Foto: Ulrich Patze
Der geplante Höhenweg über den Butschetsch fiel, wie schon gesagt, aus. Über den Predeal-Pass in Buşteni angekommen, köderten uns zwei junge Rumänen für eine Fahrt im Geländewagen. So holperten wir also, eng in die beiden Jeeps gedrückt, in rasantem Tempo hinter Sinaia in die Berge hinein. Beindruckend die Tatarenklamm: zwei Felsgiganten, die wuchtig über hundert Meter hoch aufragen. Unten am Wasser Bärenspuren im Ufersand. Nicht weit hinter dem Kloster Peştera machte ein Teil der Gruppe den Aufstieg zu den Babele oben auf dem Butschetsch. Als Kind war ich schon dort gewesen und begrüßte nun diese Felsen, die benannt sind nach altersgebeugten Frauen. Der Blick ging weit in die Landschaft.

Vom äußersten Südosten unserer Reise ein Sprung zum äußersten Nordosten: Im Weinland besuchten wir das Weingut in Seiden (Jidvei). In einem Kellergewölbe des gut restaurierten Schlosses von Seiden, ehemals ein ungarisches Jagdschloss, empfing uns zur Weinverkostung ein fürstlich gedeckter Tisch. Unser Fahrer Marius, der uns über so viele Stunden und Kilometer mit großer Sorgfalt zum jeweiligen Ziel brachte, blieb, wie immer, nüchtern. Baustellen, Schotterstraßen, unzählige Schlaglöcher, Pferdewagen und Umwege ließen die Frage nach einem Navigationsgerät aufkommen, aber der Veranstalter (Quality-Tours) hatte tatsächlich die von der Straßenbeschaffenheit her beste Route ausgewählt, wie die Reiseleiterin Andrea Ben-Marzouk versicherte.

Ländliches in Budendorf (Sibiel) südwestlich von Hermannstadt. Wir erreichten den kleinen Ort erst im Dunkeln. Unter der Weinblätter-Pergola, durch die der Regen tropfte, empfing uns ein Bauer mit seiner Frau in rumänischer Tracht, sie reichten uns Brot und Salz, dazu Ţuică. Die Schafe waren jetzt im September noch in den Bergen. Nach dem Essen wurde ich aufgefordert, die Hirtentracht der Frau anzuziehen (zur Folklore-Einlage auserkoren von Victoria Niţu), der Schafhirt blies eine abgehackte Melodie auf seiner Flöte, Wein und Ţuică flossen, die Fotoapparate klickten …Auch in der Schulerau (Poiana Braşov) Empfang mit rumänischer Volksmusik und angewärmter Ţuică vor der rustikalen Şura Dacilor (Scheune der Daker).

Der erste Abend in Kronstadt hatte uns gleich in die Schwarze Kirche geführt, und so hörten wir ein Orgelkonzert, gespielt von Eckart Schlandt an der großen Buchholz-Orgel. In dieser Kirche bin ich getauft worden, die Seele konnte hier ankommen. Tags darauf dröhnte ein „Oktoberfest“ seine Musik über den Platz, der, ebenso wie die Purzengasse, bis zur Unkenntlichkeit mit Schirmen vor den Cafés und Lokalen zugestellt war. Mein Mann und ich hatten das Glück, die interessante junge Redakteurin Christine Chiriac kennenzulernen, die kürzlich für ihre Arbeit im Bereich „Minderheitenkultur“ mit dem MIDAS-Journalistenpreis ausgezeichnet wurde. Leider blieb keine Zeit, um auf die Zinne (Tâmpa) hinaufzufahren, den Hausberg Kronstadts, von wo ein sehr schöner Blick auf die Stadt und die Schwarze Kirche, diesen am weitesten im Osten liegenden gotischen Dom Europas, möglich ist. Von Kronstadt fuhren wir zur Törzburg, die in ihrer Wucht und Ausstrahlung der Burg Eltz an der Mosel in nichts nachsteht. Wuchernder Dracula-Tourismus am Fuße des Dietrichfelsens …

Fährt man über Land, wird schnell klar, dass die Rumänen andere Sorgen haben, als sich um die sächsischen Hinterlassenschaften zu kümmern. Im klaren Spätsommerlicht glänzten nicht nur die Kuppeln rumänisch-orthodoxer Kirchen auf, deren es immer mehr gibt, u.a. eine im Weichbild der Kirchenburg von Tartlau (Prejmer). Auch die großen Kupferkessel, die die Zigeuner feilbieten an der Straße nach Mediasch, blinkten uns vom Straßenrand aus zu. Sie wurden, ebenso wie die pittoresk-farbige Unordnung und Armseligkeit der Zigeunersiedlung bei Bodendorf (Buneşti), aus dem fahrenden Bus mit touristischer Neugier eingefangen.

Dies alles quasi Vorspann, Umrahmung. Das Herzstück der Reise: die Kirchenburgen. Ceau­șescu wollte sich Ende der 1980iger Jahre des bäuerlich-sächsischen Erbes entledigen und Dör­fer und Kirchenburgen im Rahmen der sogenannten Systematisierung „bulldozern.“ Dies hatte den paradoxen Effekt, mit dem Ende des kommunistischen Regimes wie ein Fanal zu wirken, auf das hin verschiedene Stiftungen gegründet, die UNESCO auf den Plan gerufen und begonnen wurde, das sächsische Erbe unter Schutz zu stellen und zu sichern. Als klugen Einfall muss man die britische Idee werten, das durch die Schirmherrschaft des Prinzen Charles vielleicht bekannteste dieser Unternehmen unter dem Namen des rumänischen Nationaldichters als Mihai-Eminescu-Trust (MET) ins Werk zu setzen. So wird nahegelegt, das sächsische Erbe auch und vor allem für Rumänien zu erhalten.

Wir fuhren nach Heltau (Cisnădie) und Michelsberg (Cisnădioara), wir sahen Wolkendorf, Tartlau und Honigberg (Hărman). Auf dem Weg nach Schäßburg machten wir Halt in Trappold (Apold) und in Deutsch-Weißkirch (Viscri), das seinem Schirmherrn und dem MET besonders verbunden ist. In Trappold hörten wir von Sebastian Bethge, dem aus Deutschland übergesiedelten Burghüter, dass sein kleiner Berliner Verein CORONA erfolgreich Gelder des EU-Projektes EFRE beantragt hat. Er bezieht bei allen Aktivitäten die in der Nachbarschaft lebenden Rumänen und Roma ein und bildet sie in den notwendigen Handwerken aus. Wir fuhren durch viele Ortschaften und an vielen Burgen vorbei, ein extra Fotostopp wurde für Rosenau (Râșnov) und Reps (Rupea) gemacht. Rosenau hatte ich vor achtzehn Jahren mit meinem Vater gesehen, verfallene Burgenromantik. Nun mit viel Beton totrestauriert, ebenso wie Reps, wiewohl die alte Form wiederhergestellt wurde. Neben dem Bus stehend, nicht unähnlich einer japanischen Reisegruppe, entstanden Fotos… Auf dem Weg nach Mediasch besuchten wir Wurmloch (Valea Viilor) und Eibesdorf (Ighişul Nou), und schließlich fuhren wir von Hermannstadt aus nochmal zurück nach Birthälm (Biertan).

Glücklicherweise gibt es wunderschöne Bücher und Bildbände über all dieses. Dennoch ist es nicht zu ersetzen durch den Zauber, der durch die Landschaft entsteht. Die Wärme des Altweibersommers fing sich in den Burghöfen mit ihren alten Bäumen und Trittsteinen. Besonders schön der schattige Aufstieg unter lichten Kiefern in Deutsch-Weißkirch, in Wurmloch das kleine Museum mit Stickereien, Kirchenpelz und Nachbarschaftstruhe und der steile Treppenaufgang am Glockenstuhl vorbei auf den Turm. Im Kircheninneren immer wieder die Stille, das einsame Schweigen von bäuerlich-bemaltem Gestühl und Kanzeln, Teppichen, Altarbildern, barocken Kanzelkronen. Von den Kirchtürmen aus ist die klare Aufteilung der Dörfer zu erkennen, leider aber auch, z.B. von Birthälm aus, die Verlassenheit der Hügel und Weinberge, auf denen nun Mais wächst ... In der Bergkirche von Schäßburg wurden in den letzten Jahren alte Fresken freigelegt, faszinierend für mich eine kleine Darstellung der Dreifaltigkeit im Bogen zweier Pfeiler. Ein Kopf mit drei Gesichtern: Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist, Letzterer als weibliches Gesicht in die Mitte zwischen die beiden anderen gemalt …

Was berührte meine Seele? In jeder der Kirchenburgen, in jedem Burghof irrte sie umher, fand vor allem Antwort, wenn einer der dort gebliebenen Siebenbürger als Burghüter etwas erzählte: von der Mühe, je älter er wird, auf den Turm hinaufzusteigen, um die Glocken zu läuten; von der alten Sitzordnung in den Kirchenbänken, die eingehalten wird, auch wenn nur noch dreizehn Menschen in den Gottesdienst kommen; oder wenn eine der alten Orgeln eigens für unser Grüppchen zum Klingen gebracht wurde … Aber wird die Seele auch in diesen gemauerten Denkmalen bleiben, wenn die Menschen nicht mehr dort sind? Wenn ihre Lebensweise ausgewandert ist? In Trappold, das eine besonders einfühlsame Restaurierung erfährt, spielte Ursula Stoll von meiner CD mit sächsischen Liedern die beiden „Et såß e klī wäld Vijeltchen“ und „Äm Guërte stīt e Länjdebūm“ ab. In beinahe jedem Burghof steht ein Lindenbaum, und in den deutschen Volks- und Kunstliedern hat die Linde einen besonderen Platz... In den Liedern klingt die Seele eines Volkes.

In Eibesdorf war Ursula Stoll der Einladung von Pfarrer Dr. Stefan Cosoroabă zum „Tag des unbekannten europäischen Denkmals“ gefolgt. Wir konnten sehen, wie viel man in Rumänien mit relativ bescheidenen Geldmitteln erreichen kann. Im Rahmen des Projekts „Entdecke die Seele Siebenbürgens“ versucht die Evangelische Kirche in Rumänien A.B., vermehrt Touristen ins Land zu holen, um die Ortschaften und Burgen zu beleben. Man kann wünschen, dass dieses Kulturerbe dem Westen Europas nicht weiter unbekannt bleibt.

Wir sind froh, Ursula Stolls Einladung gefolgt zu sein. Siebenbürgen ist einladend. Rumänien ist einladend.

Hildegard Bergel-Boettcher


Informationen über Siebenbürgenreisen 2014 gibt es bei Ursula Stoll, E-Mail: ursheimat[ät]t-online.de, Mobiltelefon: (01 71) 8 14 60 39.

Schlagwörter: Reisebericht, Siebenbürgen, Erinnerungen

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