9. April 2020

Evangelischer Gottesdienst in Corona-Zeiten: Mütterlicher Trost für Erwachsene

Am 22. März 2020 hat das BR Fernsehen einen evangelischen Gottesdienst aus besonderem Anlass übertragen. In Bayern waren gerade Ausgangbeschränkungen erlassen worden, im ganzen Land bleiben seither die Kirchen leer. Corona-Ausnahmezustand, Versammlungsverbot. Umso wichtiger erweisen sich seither Gottesdienste und Andachtsformen in den Medien. Den Gottesdienst vom 22. März in der St. Markuskirche in München gestaltete Kirchenrätin Melitta Müller-Hansen unter dem Motto "Mütterlicher Trost für Erwachsene", ausgehend vom Predigttext für den Sonntag Lätare, der den Hörer auf eine Reise mitnimmt von der Stadt zur Mutter und zu Gott. Die Beauftragte der Evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern für Hörfunk und Fernsehen beim Bayerischen Rundfunk ist in Siebenbürgen, in Großscheuern und Hermannstadt, aufgewachsen.

Der abhängige Mensch

Heute ist der erste Sonntag im Frühling, der vierte Sonntag der Passionszeit, liebe Fernsehgemeinde. In der Kirche heißt er: Laetare. Freu dich. Freut euch mit Jerusalem, ruft der Prophet Jesaja– und nimmt uns mit auf eine ganz besondere Reise: von der Stadt zur Mutter - zu Gott.

Freut euch mit Jerusalem und jauchzt alle, die ihr sie liebt! Seid fröhlich mit ihr, alle, die ihr um sie trauert! Weil ihr saugen dürft und euch sättigen an den Brüsten ihres Trostes, weil ihr schlürfen dürft und euch erquicken an den Brüsten ihres Glanzes. Denn so spricht Gott: Ich breite bei ihr Frieden aus wie einen Strom und wie einen überschäumenden Bach den Reichtum der fremden Völker. Ihre Säuglinge sollen auf der Hüfte getragen und auf den Knien geschaukelt werden. Wie eine Mutter ihren erwachsenen Sohn tröstet, so will ich euch trösten, und an Jerusalem sollt ihr getröstet sein. Ihr werdet es sehen und euer Herz wird sich freuen, und eure Knochen sollen sprossen wie junges Gras. (Jes 66, 10-13)

Mitten in der Passionszeit dieser vitale Freudenruf eines Propheten. Mutter-Kind-Geschichten klingen an – sie sind ja nie frei von „Passion“, von Leiden. Geschichten von Menschen und ihren Städten ebenso wenig. Das erleben wir in diesen Tagen deutlich. Geisterstädte – vor kurzem sahen wir sie noch auf dem Bildschirm in Wuhan und Peking, nun sind wir mittendrin. Und weiß Gott, auch in die Geschichten zwischen Gott und Mensch ist immer auch der Leidensfaden eingewoben.
Pfarrerin Melitta Müller-Hansen nach einem ...
Pfarrerin Melitta Müller-Hansen nach einem Gottesdienst in der Johanneskirche Olching. Foto: Harald Sauer
Ich glaube, man muss mit den Worten des Propheten ganz an den Anfang der eigenen Lebensreise gehen, um am Ende getröstet und vielleicht auch froh zu werden. Und unser aller Anfang ist im Arm der Mutter.

Saugen, sättigen, schlürfen, erquicken – so beschreibt es der Prophet. Stillen ist das schöne deutsche Wort dafür. Ein mystischer Zustand von Erfüllung. Leib und Seele werden satt. Das Kind ist darauf angewiesen und davon abhängig mit seinem ganzen Wesen. Und allein nicht überlebensfähig. Das bedürftige Kind bekommt von der Mutter, was es braucht zum Leben in verschwenderischer Fülle. Die Ikone des Christentums für dieses Lebensprinzip ist Maria mit dem Kind – auf manchen Bildern stillt sie es auch.

Ich empfinde diese Tage im Ausnahmezustand so, als würden wir gemeinsam zurückgeworfen auf dieses Grundmoment des Lebens. Bedürftig und abhängig zu sein. Man möchte das ja nicht fühlen als erwachsener Mensch. Schwachheit, angewiesen sein auf Hilfe. Autonomie ist doch die Errungenschaft meines Lebens. Der erste Schritt, den ein Kind macht, ist ein Schritt weg von der Abhängigkeit in die Autonomie. Es ist ein Urtrieb, unabhängig zu sein. Unabhängig von der Mutter, vom Vater, vom Staat. Ich brauche niemand und will auch nie in die Situation kommen, anderen zur Last zu fallen. Das ist unser Credo geworden. Im Grunde aber muss jede und jeder akzeptieren: so ist das Leben nicht, so bin ich nicht geschaffen. Ich bin abhängig, bedürftig. Es gibt kein Ausweichen. Das Bild des Kindes, das an der Mutterbrust saugt, bestimmt unseren Anfang und zeigt zugleich: das wird nie aufhören. Du wirst immer wieder so bedürftig und gefährdet sein wie am Anfang.

Wir können versuchen, uns gegen diese Abhängigkeit zu wehren. Jedes Angebot zur Unterstützung ablehnen. Uns für unverwundbar halten und grob fahrlässig uns selbst und andere in Gefahr bringen.

Wir können aber auch das Bild, in dem sich Gott mit der stillenden tröstenden Mutter vergleicht, neu sehen. Es erzählt von Beziehung. Von Geben und Nehmen. Von Rücksicht und Fürsorge. Von Gerechtigkeit. Und nicht von Herrschaft und Dominanz. Welchem Prinzip geben wir den Vorrang in unserer Gesellschaft? Was werden wir hinter uns lassen müssen? Die weltweite Krise ist diesbezüglich eine weltweite Chance.

Mit der Muttermilch des Glaubens

Eine Krise deckt auf, was in uns Menschen schlummert. Die einen bleiben ruhig, nehmen Rücksicht, begrüßen sich mit Ellenbogen oder einem Lächeln. Andere machen auf Normalität, machen die Augen zu vor der Gefahr, wollen es einfach weiter lustig und kuschelig haben miteinander. Wieder andere haben große Angst. Manche Angst zu kurz zu kommen, reagieren panisch, Hauptsache ich hab meine Nudeln und mein Klopapier – weiß Gott, warum das jetzt gerade so begehrt ist. Wenn es um Schutzmasken und Desinfektionsmittel geht, die in großen Mengen geklaut und für teures Geld weiterverkauft werden, hört der Spaß auf. Werden wir fähig sein, Niedertracht und Egoismus zu überwinden?

Dabei haben wir so hohe Ziele und so große Fragen: Was Frieden ist und was der Gerechtigkeit dient. Wie man Menschen ehrt und würdigt, weil ihre Reise ins Leben in allen Städten und Dörfern dieser Erde auf die gleiche Art beginnt. Im Leib einer Mutter. Wie man Ohnmächtige schützt und Gewalttäter in die Schranken weist. Und wie man in Krisenzeiten wie diesen zusammensteht. Nicht nur in einem Dorf oder einer Stadt, sondern grenzübergreifend weltweit. Dazu braucht es mehr als einen Katalog von Maßnahmen und Einschränkungen im Katastrophenfall, der daherkommt wie ein „Katalog der Traurigkeit“. Es braucht die Muttersprache des Lebens und des Glaubens. Der Schatz der Überlieferung ist reich daran. In allen Religionen, in der jüdischen, der christlichen und der muslimischen. Feindesliebe, Gastrecht, Sanftmut, Barmherzigkeit, Nächstenliebe. Auch das kann einer mit der Muttermilch trinken. Es sind Bollwerke gegen den Egoismus, gegen die Angst in jedem Menschen. Gegen die Furcht, zu kurz zu kommen. Gegen den Wahn, wertvoller zu sein als andere. Von dieser Brust, von dieser geistlichen Nahrung soll kein Mensch entwöhnt werden. Von ihr sollen auch die erwachsenen Frauen und Männer trinken. Diese geistliche Nahrung fließt in Strömen für jede und jeden von uns. Und gestillt werden heißt hier – die aufgewühlte Seele wird still in Gott. Kommt zur Ruhe.

Seid fröhlich mit Jerusalem, alle, die ihr um sie trauert! Weil ihr saugen dürft und euch sättigen an den Brüsten ihres Trostes, weil ihr schlürfen dürft und euch erquicken an den Brüsten ihres Glanzes. Denn so spricht Gott: Ich breite bei ihr Frieden aus wie einen Strom und wie einen überschäumenden Bach den Reichtum der fremden Völker. Ihre Säuglinge sollen auf der Hüfte getragen und auf den Knien geschaukelt werden.

Schauen wir vertrauensvoll auf den Reichtum der Überlieferung, nicht nur in diesen Worten des Propheten Jesaja, sondern an vielen Orten und zu allen Zeiten.
Die evangelische Kirche in Großscheuern, 2016. ...
Die evangelische Kirche in Großscheuern, 2016. Foto: Stefan Bichler
Karl schreibt: „Als Nachfahre einer uralten Bauernfamilie kann ich nur sagen: Einfach locker bleiben. Überall in Wald und Flur gibt es Kreuze, Gedenksteine, Pilgerzeichen, offene Kapellen, sogar auf Privatgrundstücken, Andachtswinkel im Haus, an denen man stille Andacht halten und Gebete sprechen kann. In solchen Zeiten und für solche Situationen wie heute haben sie unsere Vorfahren einst errichtet!“

Solidarität und andere Momente göttlicher Gegenwart

Ich habe mich gefragt: wie tröstet eine Mutter einen Mann, ihren erwachsenen Sohn? Ohne ihn wieder zum Kind zu machen? Denn so verspricht es der Prophet im Namen Gottes: „Wie eine Mutter einen Mann, ihren Sohn tröstet, so will ich euch trösten.“ Solidarität ist so etwas wie mütterlicher Trost für Erwachsene.

Solidarität – ganz groß geschrieben in unserem Land. Die Regierung, nicht die Kirche verordnet den Schutz der Schwachen. Und finanzielle Unterstützung für alle, die jetzt in ihrer Existenz gefährdet sind – Künstler, Musikerinnen, Freischaffende und Selbstständige. Ich war noch nie so dankbar, in diesem Land zu leben, wie in diesen Tagen. Ja, wir können das: einander beistehen.

Ein anderer schreibt: „Wenn, vielleicht erst in ein paar Monaten, einmal Bilanz gezogen wird, wird man feststellen, dass eine ganze Nation bereit war ihr gesamtes öffentliches Leben lahmlegen zu lassen, die Wirtschaft nachhaltig herunterzufahren, Arbeitslosigkeit in Kauf zu nehmen, auf Urlaub und andere kulturelle Veranstaltungen zu verzichten, nur um vorwiegend älteren und vorgeschädigten, nicht mehr berufstätigen Menschen in unserer Gesellschaft das Leben zu retten. Chapeau! Das ist was! Selbst Ü-60 verneige ich mich dankend vor den jungen Menschen in unserer Gesellschaft. Davor ziehe ich meinen Hut, wenn ich einen hätte.“

In Italien haben die Menschen in Quarantäne angefangen, ihre Fenster und Balkontüren zu öffnen: sie rufen sich Grüße zu, trommeln und singen miteinander. Jeden Abend um 19.00 Uhr lädt nun die evangelische Kirche ein, das Lebenslied und Glaubenslied zu singen, das so viele kennen: „Der Mond ist aufgegangen“.

Ein Mann hat seine Freundinnen und Freunde zum Abendessen via Skype eingeladen. 19.30 Uhr und alle sitzen beim Essen am eigenen Tisch und sind doch miteinander im Gespräch. Der Pfarrer ist für mich einkaufen gegangen, erzählt mir meine 94 Jahre alte Freundin. Und meine andere Freundin, die Ärztin, freut sich, dass so viele Patienten in diesen Tagen danke sagen. In der möglichen Endlichkeit des Lebens bleibt sie bei ihrem „Ich tue alles für Euch“ und die Menschen spüren das.

Darum:
Freut euch mit München.
Freut euch mit Berlin.
Freut euch mit Köln.
Freut euch mit Paris, Mailand, Madrid, Wien.

Wo immer die Rücksicht, die zuvorkommende Liebe, die Dankbarkeit das Herz von Menschen erfüllt, entsteht unter uns Schönheit, Wärme, göttliche Gegenwart.

Wußten sie schon / dass die nähe eines menschen / gesund machen / krank machen / tot und lebendig machen kann / wussten sie schon / dass die nähe eines menschen gut machen / böse machen / traurig und froh machen kann / wussten sie schon / dass das wegbleiben eines menschen / sterben lassen kann / dass das kommen eines menschen / wieder leben lässt / wussten sie schon / dass die stimme eines menschen / einen anderen menschen / wieder aufhorchen lässt / der für alles taub war / wussten sie schon / dass das wort / oder das tun eines menschen / wieder sehend machen kann / einen / der für alles blind war/ der nichts mehr sah / der keinen sinn mehr sah in dieser welt / und in seinem leben / wussten sie schon / dass das zeithaben für einen menschen / mehr ist als geld /wussten sie schon / dass das anhören eines menschen / wunder wirkt / dass das wohlwollen zinsen trägt / dass ein vorschuss an vertrauen / hundertfach zurückkommt / wussten sie schon / dass tun mehr ist als reden / wussten sie das alles schon / wussten sie auch schon / dass der weg vom wissen über das reden / zum tun / interplanetarisch weit ist
(Text von Wilhelm Wilms „Wußten Sie schon…?“)

Möge sich diese Lücke vom Wissen über das Reden zum Tun immer wieder schließen. Gott schaffe in uns das Wollen und das Vollbringen. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Melitta Müller-Hansen

Schlagwörter: Geistliches Wort, Predigt, Großscheuern

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