22. März 2021

DDR-Reisende in Siebenbürgen: Bebilderte Erinnerungen an die 1970er Jahre

„Ich möchte trampen, sagte ich. Wohin denn, fragte sie. Weiß nicht, sagte ich. Irgendwohin, ganz egal. Keinen Tag am selben Ort! Jeden Tag was Neues sehen …“ Mit diesen Worten brachte ein ostdeutscher Literat Mitte der 1970er Jahre in seinem Kultroman „Ich bin nun mal kein Yogi“ ganz spezielle ostdeutsche Lebensgefühle auf den berühmten Punkt. Damals suchten und fanden Teile der Jugend aus dem sozialistischen Teil Deutschlands ihre kleine Freiheit an der Piste.
DDR Post kommt nach 50 Jahren in Rumänien an. ...
DDR Post kommt nach 50 Jahren in Rumänien an. Videoaufnahmen auf YouTube, Bildschirmfoto.
Per Anhalter kämpften sich die Reiselustigen durch den damaligen Ostblock. Unterwegs tankten diese Abenteurer auf Zeit allerhand Erlebnissand, um das heimatliche Alltagsgrau für einige Wochen zu vergessen. Vitale Spontanität traf auf lockere Ungezwungenheit und daraus entstanden dann die ganz großen Abenteuer. Erinnerungen an diese Ausflüge fernab der verordneten Kollektivwelt wurden sorgsam gehütet und blumig weiter erzählt. Vielleicht war dies in einem Land, welches keineswegs für Individualität und Eigensinn stand, eine ganz besondere Schatztruhe, um Frischluft zu atmen.

Zu den reiselustigen Outlaws von einst gehörte Wolfram Beck, seinerzeit in Thüringen ansässig. Voller Tatendrang erreichte er 1973 zusammen mit seinem Bruder die rumänische Schwarzmeerküste. Auf der Rückreise hörten sie etwas von einer supergünstigen Übernachtungsmöglichkeit, irgendwo im Landesinneren. Als das Duo kurz danach in Rucăr im Kreis (Judeţul) Argeş strandete, staunte die dortige Bevölkerung. Klar, junge Männer mit langen Haaren und typischen Szeneutensilien, Ausgabe Ostdeutschland, wie Ruck- und Schlafsäcken sowie Jesuslatschen waren schon etwas ganz Außergewöhnliches für diesen etwas abseits gelegenen Ort. Die unverhofft eingetrudelten Gäste landeten flugs auf einer Geburtstagsfeier, mutierten so zum ultimativen Ereignis für die dort lebenden Menschen. Wolfram Beck fotografierte zudem fleißig und wollte seine bildhaften Belegstücke kurzerhand zu seinen Gastgebern ins sozialistische Bruderland schicken. Nur: Diese Post kam nie bei den Adressaten an.

Vor wenigen Jahren plauderte der inzwischen etwas älter gewordene Individualtourist von damals im siebenbürgischen Hermannstadt mit einem Gleichgesinnten. Onlineblogger Jens Krumpholz, ebenfalls ein Ex-DDR-Bürger, schwelgte mit seinem Gesprächspartner umgehend in Erinnerungen. Spontan entstand nun die Idee, den vor Urzeiten von Beck aufgesuchten gastfreundlichen Ort nochmals – nach fast 50 Jahren – anzusteuern. Tatkräftige Unterstützer fanden sich schnell, genauso wie ein fahrtüchtiges Auto plus ein gewitzter Übersetzer. Die Reise von Hermannstadt bis hinein in den Kreis Argeş konnte starten. Was die Crew genau erlebte, hat der Onlineblogger recht detailliert aufgeschrieben: Bloglink https://www.pasingeronlinekurier.de/post-kommt-nach-50-jahren-endlich-an/.

Roland Barwinsky

Schlagwörter: Barwinsky, DDR, Reise

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