22. Juni 2026

Elfter Arbeitseinsatz am ­Großauer Friedhof und in der Kirchenburg

Ja, es ist zur Tradition geworden. Wenn die Rasenmäherzeit im Frühjahr beginnt, ist der surrende Motor des Rasenmähers wie ein Wecker, der vor einem Jahr gestellt wurde und nun das Signal zum Aufbruch ist. Das Team sammelt sich, tauscht Informationen in der neuen WhatsApp-Gruppe aus, begleitet sich bei den Vorbereitungen und der Anreise.
Arbeitseinsatz in Großau, jeweils von links nach ...
Arbeitseinsatz in Großau, jeweils von links nach rechts, erste Reihe: Mathias Krauss, Horst Schuster, Johann Liebhart, Andreas Beer, Marianne Liebhart; zweite Reihe: Josef Holzinger, Hedda Bäumler, Sarah Bäumler, Rita Almus, Charlotte Schunn, Elise Krauss, Katharina Grennerth-Zeck; dritte Reihe: Hans Schunn, Dietmar Bäumler, Max Wild, Bernd Wiserner, Martin Miessbrandt, Kilian Seebauer, Hannah Bäumler, Sascha Bollo; im Gras sitzend, zu Füßen eines sagenhaften Teams: Dagmar Baatz. Foto: privat
Selbst als Flugverbindungen storniert wurden, war das Team mit Rat und Tat zur Stelle, bot Mitfahrgelegenheit an, recherchierte neue Flüge. Die Freude war SEHR groß über jede(n), die oder der nach und nach anreiste. Das Pfarrhaus der Kirchenburg Großau ist ein Haus der Gemeinschaft geworden. Die Großauer kommen nicht mehr als Gäste, sie kommen nach Hause. Sie haben Verantwortung übernommen für den Friedhof, die Kirchenburg und die Kirchengemeinde.

Über den Einsatz vom 29. April bis 3. Mai werde nicht ich berichten, sondern gebe der Jugend das Wort und wir hören gespannt zu. Für die HOG Großau

Dagmar Baatz



Ein Fleck voll Menschlichkeit

Ich habe mich in meinem Philosophie-Studium schon öfters mit dem Begriff des Freiseins beschäftigt. Wie fühlt sich Freiheit an, wann ist sie greifbar oder weit entfernt und gibt es sie denn tatsächlich? Ich verbinde das Gefühl von Freiheit damit, dass ich mit dem, was ich mache, in diesem Moment glücklich sein kann, mich bewusst dafür entschieden habe und irgendwie alles für möglich halte. Ich bin in solchen Augenblicken genau da, wo ich gerade sein will. Selten habe ich eine Gruppe von Menschen getroffen, die scheinbar alle auf einmal genau das empfunden haben: egal, woher sie kommen und warum sie da sind. Es wurde sich gegenseitig respektiert, akzeptiert und aufeinander gefreut. Ein Teil meiner Herkunft hat sich ein Stück mehr nach einem Zuhause angefühlt.

Ich war das erste Mal bei der Friedhofsaktion in Großau dabei. Ich habe mit vielem gerechnet, aber irgendwie nicht damit, dass eine enorme Größe an Freundlichkeit und Fürsorge den Raum bis in jede Ecke ausfüllt. Alle waren so glücklich und schienen so sorglos. Wenn es ein Problem gab, wurde daran gemeinsam gearbeitet, ohne große Nachfrage Hilfe angeboten und Dankbarkeit gezeigt für jede noch so kleine Kleinigkeit. Kein einziges Mal gab es eine Situation, in der sich jemand allein fühlen musste. In dieser Welt existiert eine große Zerrissenheit. Zerrissenheit untereinander, gegeneinander und in sich selbst. Durch die Gruppe bei der Friedhofsaktion hat es sich so angefühlt, als könnten diese Risse ohne Hinterfragen einfach repariert werden. Mir haben diese zwei Tage gezeigt, was mit Menschen passiert, die unter unbeschreiblichen Umständen leben müssen, aber aneinander festhalten und sich Stärke schenken – nur sich haben. Nie wurde sich übereinandergestellt oder priorisiert, sie waren einfach immer da. Ich glaube, dass sich dadurch ein anderes Verständnis vom Leben selbst entwickelt hat und vor allem davon, was wirklich wichtig erscheint. Und obwohl sie sich nicht mehr jeden Tag sehen, zum Teil Jahre dazwischen liegen, wurde der Eindruck vermittelt, dass sich das Gefühl untereinander füreinander nie verändert hat.

Hannah Bäumler (Dresden, in Großau XI/12)



… und Platz für alle und jeden

„Ja, ich bin gespannt, wie es wird.“ Das waren die häufigsten Worte meiner Mama, wenn wir über unsere Reise nach Großau sprachen. Was mama-esk ist für so viel wie: „Ich mache mir schon ein wenig Sorgen. Was, wenn es nicht allen gefällt? Vor allem den Jungs?“ – nur eben auf ihre vorsichtige Art ausgedrückt.

„Die Jungs“, das wären dann die Freunde meiner Schwester und mir und es war ihre erste Reise nach Rumänien und Siebenbürgen. Die Sorgen sind bei Mama wohl spätestens in dem Moment verflogen, als sie ihre glücklichen Gesichter auf dem Tuk-Tuk gesehen hat.
Hannah und Sarah Bäumler bei ihrer Probefahrt mit ...
Hannah und Sarah Bäumler bei ihrer Probefahrt mit dem Tuk-Tuk. Foto: Dagmar Baatz
Ich bin nun schon fünfmal hier gewesen, das dritte Mal Teil des Arbeitseinsatzes. Mittlerweile begreife ich ihn ganz anders als früher. Verstehe, wie viel verloren gegangen ist, dass es ihn überhaupt gibt. Und verstehe aber auch, wie viel hier wieder entsteht. Die Aufgaben des Einsatzes widmen sich vorwiegend ungemähtem Rasen, Staub und Spinnweben. Alles Produkte von vergangener Zeit. Doch hinter diesen Aufgaben steckt mehr, darin liegt eine liebevolle Fürsorge: Vergangenes und Vergangene zu würdigen, Tradition und Kultur aufzubewahren, erhalten, erinnern. Nicht aufzugeben, was zu einem selbst gehört.

Obwohl mich Räume voller (fremder) Menschen und Stimmengewirr in den meisten Fällen überfordern, tun sie das hier nicht. Hier ist jeder Raum – sowohl die physisch greifbaren als auch die zwischenmenschlichen – gefüllt mit Herzlichkeit und Wertschätzung, Fleiß und Rücksicht. Alles, was man braucht, um sich aufgehoben zu fühlen. Ich erkenne in der Gemeinschaft der Großauer und Großauerinnen in so vielen Dingen meine Verwandtschaft wieder. Erkenne Werte, die an mich weitergetragen wurden und hier ihren Ursprung haben.

In Iris Wolffs Debüt-Roman „Halber Stein“ sinniert die Protagonistin Sine über die siebenbürgischen Volkslieder und stellt die Frage, ob sie deshalb so von Melancholie triefen, weil die siebenbürgische Gemeinschaft wusste, dass ihr auf Dauer nie ein Platz in dieser Welt gesichert war. Und trotz dessen (oder vielleicht gerade deshalb?), dass Grund und Gut dieser Kultur immer hart umkämpft waren, dass sie tatsächlich den Boden unter den Füßen verloren hat, ist es genauso, wie Dagi bei unserem ersten Besuch der Kirchburg sagte: „Hier findet jede und jeder einen Platz.“ Wir jedenfalls sind dort bestens aufgehoben.

Sarah Bäumler (Leipzig, in Großau XI/12)

Schlagwörter: Großau, Friedhof, Arbeitseinsatz

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