23. August 2015

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Interview mit dem Forstdirektor i.R. Dietmar Gross aus Deutsch-Weißkirch

Jahrzehntelang setzte sich der aus Fogarasch stammende Forstdirektor i.R. Dietmar Gross in Deutschland für ökologische Waldwirtschaft und den Erhalt alter Bäume und Wälder ein und ist hierfür im Mai 2015 mit der Karl-Gayer-Medaille ausgezeichnet worden. Seit 2010 lebt er wieder in Siebenbürgen und organisiert von seinem Wahlheimatdorf Deutsch-Weißkirch aus Reisen und Führungen für inländische und ausländische Experten in Karpatenwaldregionen. Über die Beweggründe, seinen Lebensschwerpunkt nach langen Jahren in Deutschland wieder nach Rumänien zurückzuverlegen, plaudert er mit unserer Korrespondentin Nina May.
Herr Gross, die Fogarascher Berge haben Ihre Liebe zur Natur entfacht. Sie haben in Kronstadt Forstwirtschaft studiert, um mehr Zeit in der Natur zu verbringen. Was hat Sie damals zur Ausreise nach Deutschland bewegt?
Schon in der Endphase im Lyzeum habe ich mit der Idee gespielt, denn durch meine Ferienjobs am Schwarzen Meer kam ich immer wieder mit Touristen in Kontakt, die von Reisen in ferne Ländern erzählten. Da wuchs mein Fernweh, auch die Welt außerhalb Rumäniens kennen zu lernen. So war für mich schon bei der Wahl des Studiums ein Kriterium, dass Forstwirtschaft im Ausland teilweise anerkannt wurde. Aber erst als es in Rumänien nach 1971 immer schwieriger wurde, weil sich die Lage nach Ceauşescus China-Besuch politisch wieder zugezogen hatte, hab ich Druck auf meine Eltern gemacht, den Ausreiseantrag zu stellen. Ende 1973, im letzten Studienjahr, kamen dann die ersehnten Pässe.

Wie empfanden Sie den „Kulturschock Deutschland“?
Der Anfang war einfach toll! Ich wählte Bayern als neuen Studienort und schrieb mich an der Ludwig-Maximilians-Universität in München ein, wo mir tatsächlich das Vordiplom angerechnet wurde. Dazu ein Einzelzimmer im Studentenwohnheim. Toll, die Offenheit bei den Seminaren, die Freiheit, das zu sein und zu tun, was du willst ... Und ich war überrascht, wie viel Geld es gab! Die Kollegen klagten alle, das Stipendium reiche hinten und vorne nicht, aber ich kam prima zurecht. Ich habe sogar noch Geld für den Amerika-Aufenthalt beiseitelegen können.

Konnten Sie sich den Traum vom Reisen tatsächlich gleich erfüllen?
Ja, schon während der Semesterferien 1975. Mit einem Kommilitonen reiste ich mit Rucksack und Zelt nach Südkalifornien und per Autostopp den Higway One die Westküste hoch bis nach Kanada. Dann haben wir Kanada durchquert und sind über New York zurück. Drei Monate waren wir unterwegs. Man hat uns sogar einen Teil als Praktikum anerkannt, weil wir Kontakte zur dortigen Holzindustrie geknüpft hatten und mit wertvollen Einblicken in das nordamerikanische Forstwesen zurückkamen. Auch später habe ich jede Möglichkeit zum Reisen genutzt: 12 Wochen Mittelamerika, die Maya-Kultur gesehen; in Südamerika die Berge der Anden ­be­stiegen, auf den Spuren von Alexander von Humboldt; der brasilianische Urwald, Alaska, Afrika, Nepal …. Ich sagte immer, mein Ziel ist irgendwo in der Welt, ich will nicht in Deutschland bleiben. Bis die Kinder kamen. Danach versuchte ich zumindest immer wieder, als Kurzzeitexperte in diesen Ländern zu sein.

Veränderte sich im Laufe der Zeit Ihre Wahrnehmung von Deutschland?
Zuerst merkst du, du bist in einer anderen Welt angekommen. Doch es wurde bald deutlich – auch in Deutschland ist nicht alles positiv: Autobahnen sind zwar praktisch, trennen aber Lebensräume. Mir fiel auf, wie begradigt die Flüsse sind, wie hart die Kanten der Felder. Wildnis ist praktisch nicht mehr vorhanden! Auch die menschliche Art, miteinander umzugehen, ist anders: kalkulierter, verbindlicher, korrekter – aber kalt. Die Herzlichkeit hat mir gefehlt.

Wie standen Sie damals zu Rumänien und ­Ihren siebenbürgischen Wurzeln?
Ich bin immer Siebenbürger Sachse geblieben! Selbst auf Weltreisen hatte ich meinen aufgenähten Siebenbürgen-Sticker dabei. Am Anfang bin ich auch noch fast jedes Jahr nach Siebenbürgen gefahren, bis 1984, als ich ein einschneidendes Erlebnis mit der Polizei in Fogarasch hatte.

Wann wurde Rumänien wieder interessant?
Als die Wende kam. Da war für mich klar, jetzt komme ich wieder! Doch nach dem Zusammenbruch des Staatsapparats herrschte erstmal Chaos: Man sah keine Polizei auf den Straßen, in die Häuser wurde eingebrochen. Wieder war ich enttäuscht. Doch langsam bildeten sich neue Strukturen. Kontakte sind wieder entstanden, die vorher nicht mehr möglich waren, Freundschaften haben sich neu belebt. Da kam der Wunsch, irgendwie wieder ein Standbein in Rumänien zu haben, ob ich nun zurückkomme oder nicht. Doch in Fogarasch war alles zerstört, was mir früher lieb und teuer war: der Alt begradigt und zubetoniert, Wohnblocks wurden neben der alten Burg errichtet. Da kam mir die Idee, mich nach einem Haus auf dem Dorf umzusehen.Gerhild und Dietmar Gross vor ihrem Haus in ...Gerhild und Dietmar Gross vor ihrem Haus in Deutsch-Weißkirch. Foto: Nina May Und so kamen Sie auf Deutsch-Weißkirch.
Nein, zuerst war Kleinschenk mein Wunschdorf. Eines Tages rief mein Freund Hansi K. aus Fogarasch an und sagte, jetzt kannst du dort für nur 5000 Mark sächsische Häuser kaufen. Aber da hatte der Exodus der Sachsen schon eingesetzt. Das Dorf war so gut wie verlassen. Bei mir war das ein Bruch. Ich fragte mich, was hat ein Haus hier für einen Sinn, wenn alle anderen wegziehen? Ich hatte ja auch den Wunsch, in eine sächsische Gemeinschaft zu ziehen.

Und dann?
Dann war ich erstmal verunsichert und ließ das Thema ruhen. In Deutschland war ich ja gut integriert und zwischenzeitlich auch in den Stadtrat von Bamberg gewählt worden. In der Kreisgruppe der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen hatte ich auch Leitungsaufgaben. Mit den Schönauer Sachsen haben wir eine Tanzgruppe ins Leben gerufen. Wir haben Reisen organisiert, gefeiert, mit Mici und Baumkuchen, und uns bemüht, die neu ankommenden Sachsen zu integrieren. Zudem war ich im Natur- und Umweltschutz aktiv. Mein Job am Forstamt Bamberg erfüllte mich und nebenbei konnte ich Auslandspraktikanten betreuen.

Wie kam es, dass Sie schließlich Deutsch-Weißkirch entdeckten – und was war dort anders?
Als Leiter des Forstamtes Lichtenfels kam ich 1995 im Rahmen einer Partnerschaft mit dem Forstamt Lugosch mit einer Gruppe bayerischer Förster nach Rumänien. Wir hatten beschlossen, auf der Rückfahrt drei Tage Siebenbürgen dranzuhängen, und kamen am letzten Tag durch Bodendorf. Ich sah das Schild „Viscri 7 km“ und sagte: „Kommt, da ist auch noch eine schöne Kirchenburg!“ Es war ein wunderschöner Herbstnachmittag. Wir landeten schließlich unterm Nussbaum im Pfarrhof und Burgführerin Sara Dootz erzählte uns ergreifende Geschichten, bis es Abend wurde. 1998 kam ich wieder, mit deutschen Forstleuten. Dann im Winter 2000, privat. Es war der totale Gegenpol zu der Hektik der Vorweihnachtszeit in Deutschland. Ruhe, eine schöne Schneelandschaft. Wir sind zur Kirchenburg gegangen und haben Kerzen angezündet. Es war genau, was ich suchte!

Und so hat sich Ihr Wunsch von dem Haus doch noch realisiert.
Ja, 2001 gab es bereits erste Renovierungen. Noch war Ruhe dort, fast kein Tourismus.

Und wie kam es zu der totalen Rückkehr?
2004 habe ich meine jetztige Frau kennengelernt. Gerhild stammt aus Deutsch-Weißkirch und war sofort bereit, zurückzugehen. Ich habe einen Antrag auf Altersteilzeit gestellt, denn in Bayern gab es damals eine Forstreform, die ich nicht mittragen konnte. 2005 habe ich mich noch als Kurzzeitexperte an das Umweltministerium in Bukarest entsenden lassen. 2010 begann meine Freistellungsphase. Seither organisiere und leite ich von hier aus Reisen für den BUND Naturschutz.

Ist es ein richtiges Aussteigerleben?
Ein wichtiger Grund zurückzukehren war die noch intakte Natur, die Waldwildnis sowie die kleinstrukturierte, extensive Landwirtschaft. Doch mir ist klar, das ändert sich. Der übertriebene Konsum erzeugt zunehmenden Druck auf die Natur. Unser ökologischer Fußabdruck ist viel zu groß. Nicht der rumänische Kleinbauer mit seinem geringen Brennholzbedarf macht den Wald kaputt, sondern die Wohlstandsgesellschaft in Westeuropa mit durchschnittlich 80qm Wohnraum pro Person. So gesehen bin ich aus der globalisierten Konsumwelt ausgestiegen.

Was versuchen Sie, in Rumänien zu bewirken?
Ich versuche vor allem, die Bedeutung der rumänischen Urwälder bekannt zu machen und mich für ihren Erhalt einzusetzen. Sie machen zwei Drittel aller europäischen Urwälder aus. Einige sollten schnellstmöglich ins UNESCO Weltnaturerbe aufgenommen werden. Meine Reisen in die Urwälder sind eine Chance, rumänische Kollegen zu sensibilisieren. Aber man muss auch den EU-Gremien klarmachen, dass im Zeitalter der Klimaerwärmung Länder, die die Wildnis erhalten, indem sie auf eine Nutzung verzichten, auch irgendwie honoriert werden müssen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Schlagwörter: Interview, Rückkehrer, Deutsch-Weißkirch, Forstmann

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