10. Januar 2020

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Engagierte Lehrerin, geschätzte Rektorin: Zum Ableben von Edda Gross

„Woran man sich erinnert, das kann nicht verloren gehen.“ (Siegfried Lenz) Unvergesslich bleiben die Jahre 1965-1978 am Brukenthal-Gymnasium in Hermannstadt, eine Art Blütezeit für Schüler und Lehrer.
Edda Gross, geborene Csallner (5. Februar 1937 – 10. Dezember 2019) wurde ungefragt als junge Mathematik- und Physiklehrerin, inzwischen Mutter von zwei Kindern, von politischen Machthabern als Rektorin des Brukenthal-Gymnasiums eingesetzt. Vermutlich waren sie überzeugt, dass diese mütterlich-fürsorgliche junge Frau mit Leichtigkeit zu manipulieren sei. Doch Edda entfaltete viel innere Stärke, um der Obrigkeit die Stirn zu bieten. Trotz Bespitzelung und ständigem Diktat der Partei, ausgeliefert dem lauernden Blick der Öffentlichkeit, setzte sie als Leiterin einer deutschen Schule die Tradition dieses altehrwürdigen Gymnasiums fort.

Sie unterstützte eine Vielfalt außerschulischer Tätigkeiten, ob es um Musik ging (Kammerchor, Blasia), Sportveranstaltungen, Theater-AG o.a. Das Lehrerkollegium ahnte oft nicht, dass sie wiederholt stillschweigend politisch sehr heikle Probleme aus dem Wege zu räumen verstand und dabei stets im Visier der Geheimpolizei war. Direktorin Edda Gross und die Blasia begrüßen die ...Direktorin Edda Gross und die Blasia begrüßen die Schüler am ersten Schultag (15. September 1974). Am Eingang Malthelehrerin Helga Deutschländer, links (verdeckt) Richard (Schucki) Schuller. Fotograf unbekannt (Archiv Gabriel Holom) Kein Wunder, dass sie die neun Jahre Unterricht als Mathe-Physik-Lehrerin am Theresia-Gerhardinger-Gymnasium in München zu den schönsten Zeiten ihres Lehrerlebens zählte. Endlich konnte sie frei ihre Meinung äußern, frei von Bespitzelung, frei von jedem politischen Druck, nicht mehr beobachtet von einer allgegenwärtigen Geheimpolizei.

Aber nicht nur die Fesseln einer Diktatur engten sie so viele Jahre ein und waren eine ungeheure Belastung, noch schlimmer traf sie gemeinsam mit ihrem Mann Günter Gross das schwerste Schicksal, das Eltern ereilen kann: Sie verloren ihre beiden Söhne bei dem Lawinenunglück am Bulea am 17. April 1977.

Edda dankte 1978 als Rektorin des Gymnasiums ab und schenkte Sohn Christian das Leben. Damit und mit der Auswanderung nach Deutschland 1989 begann eine neue Lebensphase, in der sie ihr Ehemann besonders unterstützte.

So wie sie in Hermannstadt an „ihrem“ Gymnasium hohe Wertschätzung genoss, so wurde ihre Tätigkeit auch am Münchner Theresia-Gerhardinger-Gymnasium gewürdigt. Ihre Rektorin schrieb im Jahresbericht 1998 anlässlich der Verabschiedung von Edda Gross in den Ruhestand: „Als Klassenlehrerin war sie unübertrefflich. Sie registrierte sehr genau, was vorging, erfasste intuitiv Situationen, Vorgänge, Spannungen und wählte den richtigen Moment und die richtige Methode, um gemeinsam mit den Schülerinnen eine zufriedenstellende Lösung zu finden.“

In Wolfratshausen, wo sie mit ihrer Familie ein neues Zuhause gefunden hatte, engagierte sie sich, als sie im Ruhestand war, ehrenamtlich in ihrer Kirchengemeinde und fand so auch hier in ihrem nächsten Umfeld entsprechende Anerkennung. Edda Gross ...Edda Gross Glücklich war sie über die Geburt ihrer beiden Enkelchen, die sie bedauerlicherweise nur kurze Zeit liebevoll begleiten konnte. Ihr unerwarteter Tod erschütterte nicht nur die Familie, sondern ebenso alle Freundinnen, Freunde und ehemalige Kollegen.

Edda wird zahlreichen Schülergenerationen mit ihrer „Herzlichkeit und Wärme, die sie im Unterricht ausstrahlte“ (so eine ehemalige Schülerin), mit ihrem vollen Einsatz als Rektorin zum Wohle der Schule in ehrenvoller Erinnerung bleiben. Alle, die das Glück hatten, sie als Lehrerin und Rektorin zu erleben, sind dafür unermesslich dankbar.

Unser aller Mitgefühl gilt vor allem Christian Gross und seiner Familie.

Im Namen aller Kollegen und Schülergenerationen

Ortrud Speck

Schlagwörter: Nachruf, Lehrerin, Rektorin, Brukenthalschule, Hermannstadt

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