30. Juli 2008

Gustav Wonnerth: Ein engagiertes und erfülltes Leben

Am 10. Juli 2008 starb der Bergbaufachmann Dr. Gustav Wonnerth im Alter von 88 Jahren im Siebenbürgerheim in Rimsting am Chiemsee. Auch wenn sein Leben vom Auf und Ab der wechselvollen Zeiten seiner Generation beeinflusst wurde, hat Gustav Wonnerth sich stets bemüht, gestaltend und für die ihm anvertrauten Mitmenschen hilfreich zu wirken. Beruflich exponiert engagiert in der „Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ (Montanunion), blieb er zeitlebens Siebenbürgen und seinen Menschen verbunden. Im Rahmen seines vielfältigen lands­mannschaftlichen Engagements war Wonnerth 1978-1985 Vorsitzender der Landesgruppe Bayern. Seiner Familie und seinen Freunden war Gust Wonnerth herzlich und treu zugetan.
Gust Wonnerth erblickte am 26. Februar 1920 in Kreisch bei Schäßburg als Sohn von Gustav Wonnerth und seiner Ehefrau Elise, geborene Teutsch, das Licht der Welt. In Henndorf, wo sein Vater Pfarrer war, besuchte er die Volksschule und anschließend in Schäßburg die Bergschule (Bischof-Teutsch-Gymnasium). Im Chlamydaten-Coetus war er Fuchsmajor, betrieb Leichtathletik und war Kapitän der Schäßburger Handball­mannschaft.

Nach dem Abitur leistete er 1938 an der Bergbauakademie in Freiberg/Sachsen ein halbjähriges Untertagepraktikum ab. Ebenda begann er 1940 das Studium als Bergbauinge­nieur, das er 1943 abschloss. Seine Diplom­arbeit über „Aktuelle Prob­leme der Erdölbohrtechnik“ wurde in verschiedenen Fachzeitschriften veröffentlicht und führte dazu, dass Wonnerth in kurzer Zeit sieben Stellen­angebote erhielt – eines vom Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin.

Dr. Gustav Wonnerth im Jahre 2007. ...
Dr. Gustav Wonnerth im Jahre 2007.
Doch der Zweite Weltkrieg forderte von ihm, Soldat zu werden. Bevor er jedoch zum Kriegs­einsatz kam, heiratete er die Architektin Jutta Müller. In den letzten Kriegstagen geriet Won­nerth im Kessel bei Budapest in russische Kriegs­gefangenschaft und gelangte im Donezbecken zum Arbeitseinsatz im Kohlebergwerk Schacht Nr. 6 in Breanka. Hier kam ihm seine berufliche Qualifikation als Bergbauingenieur und sein „diplomatisches“ Geschick zugute. Angesichts der katastrophalen Bedingungen vor Ort ergriff der Spezialist die Initiative zu Verhandlungen mit dem Direktor der Schacht­anlage, den er von einem sinnvollen Arbeitsplan und den hierfür notwendigen organisatorischen Maßnahmen überzeugen konnte. Die von Won­nerth vorgeschlagene Verfahrensweise zeitigte Erfolge, half, das vorgeschriebene Soll unter einigermaßen annehmbaren Bedingungen zu errei­chen und führte auch zu Verbesserungen der Lebensbe­dingungen für die Gefangenen. Die Unfallzahlen gingen zurück, Kranke konnten behandelt werden, die Versorgung mit Lebensmitteln, die nach der Leistungsquote bemessen wurde, besserte sich. Wonnerths Sanierungs- und Arbeitskonzept wurde in der Folge auch in anderen sowjetischen Schachtanlagen angewandt.

1951 wurde Wonnerth mit anderen Ge­fan­genen ins rumänische Lager nach Ghencea bei Bukarest überstellt, von wo aus er erst nach Jahresfrist und schwierigen Verhandlungen im Juli 1952 nach Österreich entlassen wurde. Hier traf er in Altenmünster seine Frau Jutta, die den schweren Bombenangriffen auf Dresden im Februar 1945 entronnen war, endlich wieder. Einige Wochen später zog das Ehepaar ins Ruhr­gebiet. Bei der Hibernia Bergbau AG in Herten-Langenbochum wurde Wonnerth die Leitung der Abteilung „Arbeitsschutz und Unfallverhütung“ für zwölf Schachtanlagen mit einer Belegschaft von 43 000 Bergleuten übertragen. Innerhalb weniger Jahre gelang es, mit besonders konzipierten Maßnahmen die Unfallhäufigkeit und vor allem auch die Zahl tödlicher Unfälle zu senken. Sein Konzern hatte ihm auch die integrationsfördernde Betreuung der im Zuge der „Kohle­aktion 1953“ aus Österreich in den Ruhrberg­bau umgesiedelten 150 nordsiebenbürgischen Familien übertragen. Für diese wurde in Herten-Langenbochum eigens eine „Siebenbürgersied­lung“ mit Einfamilienhäusern, einem Gemeinde­haus und Straßen mit siebenbürgischen Ortsna- men errichtet.

Neben seiner Tätigkeit bei der Hibernia war Wonnerth auch in verschiedenen Fachgremien tätig und wurde 1958 an der Bergakademie Clausthal-Zellerfeld aufgrund seiner in mehrere europäische Sprachen und ins Japanische übersetzten Doktorarbeit „Neue Wege zur Verbesse­rung des Arbeitsschutzes im Bergbau“ promoviert. Seine Dissertation fand in der Fachwelt Anerkennung und war das Sprungbrett zu seiner Tätigkeit ab 1958 in der „Europäischen Ge­meinschaft für Kohle und Stahl“ (Montanunion). Über 15 Jahre vertrat Wonnerth die Bundesre­publik Deutsch­land erfolgreich in Luxemburg, erst als Referent, dann als Berater und schließlich als Direktor E.h. der EU-Kommission. Ihm wurden u. a. Aufbau und Leitung des Bereichs „Technische Forschung Kohle“ übertragen. Hier­bei wurden die Grundlagen für eine gemeinsame Forschungspolitik der Grundstoffindustrien der „Gemeinschaft Kohle und Stahl“ erarbeitet. In Anerkennung seiner „treuen Dienste“ wurde Wonnerth im Mai 1964 vom Präsidenten der Hohen Behörde der Montanunion die Robert-Schumann-Medaille verliehen.

1973 trat Won­nerth in den Ruhe­stand. Die Familie, inzwischen durch die Töchter Cornelia und Uta vergrößert, verließ Luxemburg und wählte als neuen Wohn­sitz Pähl in Oberbayern.

In Pähl, wo sich die Familie in einem schmucken Haus eingerichtet hatte, blieb der Ruhe­ständler aber nicht lange untätig. Durch beruf­li­che Verpflichtungen nicht mehr gebunden, engagierte er sich zunehmend für seine Lands­leute, zunächst als Wirtschaftsreferent im Bun­desvorstand der Landsmannschaft, dann, 1978 bis 1985, als Vorsitzender der Landesgruppe Bayern. Er bemühte sich, durch die Gewinnung qualifizierter Mitarbeiter die Arbeit in der Lan­desgruppe zu intensivieren, durch rege Mitglie­derwerbung und Gründung von Kreis- und Ortsgruppen diese zu vergrößern und auch die Finanzen zu stabilisieren, kulturelle Breiten­arbeit und Jugendarbeit zu fördern und Hilfs­aktionen nach Siebenbürgen zu unterstützen. Durch Pflege guter Kontakte zu Behörden, Ver­bänden und Medien gelang es ihm, auch ein verbessertes Verständnis und Unterstützung für die Belange der Spätaussiedler zu erreichen. Aus ge­sundheitlichen Rücksichten musste sich Wonnerth 1985 aus der landsmannschaftlichen Arbeit und aus dem öffentlichen Leben zurückziehen. Mit seiner Gattin zog er im Jahr 2000 in das Sieben­bürgerheim in Rimsting, um seinen Lebens­abend in vertrautem Umfeld zu verbringen.

In Würdigung seiner ehrenamtlichen Tätigkeit für die Siebenbürger Sachsen hatte ihm die Landsmannschaft 1980 das Goldene Ehrenwap­pen verliehen. Bundespräsi­dent Johannes Rau würdigte das berufliche und das ehrenamtliche Enga­gement von Dr. Wonnerth durch die Ver­leihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande, das ihm in einer Feierstunde am 2. Oktober 2003 von der bayerischen Staatsministerin für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen, Christa Stewens, in München überreicht wurde. Leider konnte seine Gattin diese Ehrung nicht mehr miterleben. Sie war im Juni verstorben.

Wir, die Siebenbürger Sachsen, verlieren mit Dr. Gust Wonnerth einen profilierten Landsmann, der seiner Herkunft eng verbunden ge­blieben ist. Wir verlieren auch einen versierten Fachmann des Bergbauwesens, der mit beruflichem Können und durch sein Auftreten im nationalen und internationalen Bereich beeindruckte und Ansehen besaß. Und manche von uns verlieren auch einen Freund und Mit­strei­ter. Unsere Anteilnahme gilt seinen Töchtern und ihren Familien und den fünf Enkelkindern, die stolz auf ihren Großvater sein können.

Dr. Wolfgang Bonfert

Schlagwörter: Verbandsleben, Nachruf, Bayern

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