25. Mai 2021

Landesgruppe Hessen: Die 100-jährige Erika Condriuc erinnert sich

Glück erkennt man nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen - Erika Condriuc liest mir den Spruch von einer der zahlreichen Glückwunschkarten vor, die anlässlich ihres 100. Geburtstags am 2. April ins Haus flatterten. Keine Vertreter des öffentlichen Lebens klopften als Gratulanten an ihre Türe, wie das zu außergewöhnlichen Jubiläen üblich ist. Schreckgespenst Corona im Zaum zu halten ist das Gebot dieser Tage. Nähere Verwandte hat Erika Condriuc keine mehr. Ganz allein blieb sie an ihrem Ehrentag jedoch nicht. Ihre Betreuerfamilie besuchte sie und brachte appetitliche Lachs-Kanapees mit. Auf Kuchen und Sekt wurde verzichtet. Es war ja Karfreitag.
Ich kannte Erika Condriuc nicht; ich hatte sie bis zu meinem ersten Besuch nie gesehen. Nachdem ich aus dem Seniorinnenkreis der St.-Katharina-Gemeinde in Frankfurt erfuhr, dass sie 100 Jahre alt werden würde, nahm ich Kontakt zu ihr auf. Sie war bereit mich nach Ostern zu empfangen. Unsere gemeinsamen Wurzeln in Siebenbürgen, genau genommen in Hermannstadt, ließen von Anfang an eine vertraute Atmosphäre aufkommen. Ein weiteres unsichtbares Band entstand wohl auch durch die gemeinsame Freundschaft mit Ursula Tobias. Jedenfalls gewährte Erika Condriuc einer ihr bis dahin fremden Person Einblick in ihr Leben.
Erika Condriuc ...
Erika Condriuc
Bald nach ihrer Aussiedlung und Ankunft in Hessen wurde sie Mitglied in unserem Verband und besuchte seit 1977 regelmäßig die Treffen des siebenbürgisch-sächsischen Frauenkreises in Frankfurt, die zum festen Bestandteil ihrer Freizeitaktivitäten gehörten. Sie schwärmte regelrecht von den geselligen Nachmittagen, an denen die Frauengruppe von Ursula Tobias mit aktuellen Nachrichten aus dem bundesweiten Verbandsleben oder mit wertvollen Infos aus dem politischen und sozialen Leben der Stadt versorgt wurde. Die gemeinsamen Besichtigungen und der Besuch von Konzerten gaben ihr Kraft, schenkten ihr Freude und stärkten die sächsische Verbundenheit in der Frauengruppe. Die Begegnungen und das Zusammensein mit den sächsischen Frauen wirkten auf sie wie ein Jungbrunnen. Schweren Herzens entschloss sich Frau Condriuc im Dezember 2020 die Mitgliedschaft im Verband nach 44 Jahren zu kündigen. Damit musste sie ihre wichtigste Verbindung mit der Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen in Deutschland aufgeben: die Siebenbürgische Zeitung. Ihre Sehschwäche, die nicht einmal ein die Schrift vergrößerndes Lesegerät ausgleichen kann, zwang sie dazu.

1921 als ältestes von zwei Kindern des Ehepaars Wopalka geboren, fließt nur mütterlicherseits sächsisches Blut in ihren Adern, da Margarete Daubener aus Bis­tritz stammte. Den Vater, dessen Vorfahren in Böhmen lebten, verschlug es noch vor dem Ersten Weltkrieg beruflich aus Bukarest nach Siebenbürgen. Welcher Zufall führte ihn ausgerechnet in das Elternhaus von Margarete Daubener? Der junge Wopalka wurde nach Neumarkt am Mieresch (Târgu Mureș) als leitender Angestellter der dortigen Sparkasse berufen. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde er beauftragt, die Sparkasse in Bistritz aufzulösen. Täglich besuchte er als Kostgänger das Haus seiner zukünftigen Schwiegereltern. Irgendwann funkte es zwischen den beiden jungen Leuten. Sie heirateten, und Erikas Mutter zog 1919 zu ihrem Ehemann nach Hermannstadt, der in der Sparkassen & Kreditbank Albina tätig war. Erika wuchs als wohlbehütetes Kind in der Lindengasse in Hermannstadt auf. Als dieser Name fiel, bewahrheitete sich erneut die Erkenntnis, dass zwei sich unterhaltende Siebenbürger im Laufe des Gesprächs mit Sicherheit einen gemeinsamen Verwandten, Freund oder Nachbarn finden. So auch jetzt. Erika Condriuc erinnerte sich sofort an die Familie Fröhlich mit ihren zwei Kindern, welche im Nachbarhaus wohnte. Frieda Fröhlich war meine Großtante. „Es ist schön, wenn man mit jemandem über die alte Heimat sprechen kann“, freute sich die alte Dame mehrfach im Gespräch.

Erika trat in die Fußstapfen ihres Vaters. Sie besuchte die Handelsschule und arbeitete nach dem Abschluss ihrer Ausbildung als Buchhalterin in der Italienischen Bank im Gebäude an der Ecke Kleine Erde/Sporergasse. Das Ende des Zweiten Weltkriegs und seine Folgen für die Minderheit der Deutschen in Siebenbürgen erfuhr die junge Erika am eigenen Leib. Am 13. Januar 1945, vierundzwanzigjährig, wurde sie, wie so viele andere sächsische Frauen und Männer, ausgehoben und in ein Arbeitslager ins Donezbecken gebracht. Dort leistete sie Aufbauarbeit in einem metallurgischen Werk, schleppte Steine und Ziegeln, war Putzfrau und Küchenhelferin im Lager. Als Wohltat empfand sie die Wärme im Krankenzimmer, wo sie fünf Monate mit einer Rippenfellentzündung verbrachte, deren Heilung mit Speisesoda und Umschlägen mit Jodtinktur versucht worden war. Kaum genesen und noch sehr schwach, wurde ihr ein neuer Arbeitsplatz zugewiesen: im Bergwerk Gesteinsbrocken zum Befüllen der Loren schleppen. Mein Gott, waren das Zustände! Sie habe jeden Tag geweint. Fünf harte entbehrungsreiche Jahre, geprägt von schwerer Krankheit, verbrachte sie in der Fremde. Im Dezember 1949 wurde sie entlassen und kehrte physisch und psychisch geschwächt ins Elternhaus zurück. Das Gefühl der Nähe zu ihren Eltern war so übermächtig, dass sie ein Sofa im Schlafzimmer ihrer Eltern aufstellte. Es kam vor, dass sie nachts aufwachte und den Eltern mit Erlebnissen aus den Arbeitslagern den Schlaf raubte. Es dauerte Jahre, bis sie ihr seelisches Gleichgewicht zurückgewann.

Erika Condriucs Bemühungen, nach der Rückkehr wieder als Buchhalterin in Hermannstadt zu arbeiten, waren dank eines ehemaligen Kollegen aus der Italienischen Bank erfolgreich. Durch seine Fürsprache bekam sie eine Anstellung in der Banca de Investiţii. Dort lernte sie ihren späteren Mann kennen. Als Revisor in der Investitionsbank von Kronstadt tätig, gehörte es zu den Pflichten Eusebio Condriucs, die Geschäftsführung der Investitionsbank in Hermannstadt zu prüfen. Die dienstlichen Begegnungen mit der Buchhalterin Erika Wopalka, die die Bücher der Bank offenlegen musste, erweiterten sich mit privaten. Nachdem Eusebio Condriuc als Chefbuchhalter zur Hermannstädter Bank wechselte, war das Paar nach zwei Jahren der Trennung vereint. Nach der Heirat 1956 musste Erika die Firma verlassen, da eine Verfügung verbot, dass Mann und Frau zusammen in der Bank arbeiteten. Sie wechselte in die „Electromontaj“, wo sie bis zu ihrer Ausreise 1974 tätig war.

Die Familie Condriuc beantragte die Ausreise zu den Eltern Wopalka, die 1965 nach Deutschland ausgereist waren. Durch den verantwortungsvollen Posten, den ihr Mann als Chefbuchhalter in der Investitionsbank innehatte, schienen alle Bittgänge und -gesuche hoffnungslos zu sein und die Aussicht die Ausreisebewilligung zu bekommen gering. Erst nach neun Jahren des zermürbenden Wartens hielt Erika Condriuc dank eines glücklichen Zufalls das begehrte Dokument in den Händen. Sie war überglücklich und da sie seit ihrer Kindheit eine starke Bindung zur Mutter verspürte, setzte sie alle Hebel in Bewegung, um so schnell wie möglich in Deutschland anzukommen. In der Nähe des Wohnorts ihrer Eltern ließ sich das Ehepaar Condriuc nieder. Nach kurzer Zeit konnte Erika die Stelle einer Buchhalterin bei der renommierten Speditionsfirma Kühne + Nagel in Frankfurt antreten. Aus Oberrad hatte sie es nicht weit bis zu ihrer neuen Arbeitsstelle, wo sie bis zu ihrer Rente arbeitete. Es fügte sich reibungslos eins zum anderen. Sie lebt nun allein in der Sozialwohnung in Oberrad. Ein letzter naher Verwandter verstarb Ende letzten Jahres. Nach einer Pause gesteht die Jubilarin, dass sie 56 Jahre lang glücklich verheiratet war, eine schöne Ehe geführt habe, leider ohne Kinder. Es war ein genügsames Leben, in das zahlreiche Reisen in die weite Welt Abwechslung brachten. Stolz zeigte sie mir die lange Reihe der Fotoalben; Erinnerungen an die interessanten Reisen mit ihrem Mann.

Gerührt über so viel Offenheit und dankbar, dass ich die kleine, zarte Dame besuchen durfte, verabschiedete ich mich nach knapp drei Stunden. Ich dürfe wieder kommen. Das zum Teil gemeinsame Kramen in Erinnerungen aus der alten Heimat empfand ich als wohltuendes Erlebnis. „Es ist schön, wenn man mit jemandem über die alte Heimat sprechen kann“, klang noch lange in meinem Herzen nach.

Karin Scheiner

Schlagwörter: Hessen, Jubilarin, Condriuc, Erinnerungen, Hermannstadt

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