4. März 2026

Empfang der Stadt Augsburg für die Landsmannschaften

Oberbürgermeisterin Eva Weber zusammen mit Bürgermeisterin Martina Wild, Referentin für Bildung und Migration, hatten unter dem Motto „Vergangenheit verstehen – Verantwortung für die Zukunft“ die Landsmannschaften mit ihren zahlreichen Verbänden am 9. Februar um 18.00 Uhr ins prachtvolle Kurhaustheater Göggingen eingeladen, um gemeinsam darüber zu sprechen, „wie Erfahrungen von Flucht und Vertreibung sowie das Engagement für die alte und neue Heimat an kommende Generationen weitergegeben werden können“. Die Stadt Augsburg organisierte gemeinsam mit den Landsmannschaften diesen Abend.
Siebenbürger Sachsen beim Jahresempfang der Stadt ...
Siebenbürger Sachsen beim Jahresempfang der Stadt Augsburg mit Oberbürgermeisterin Eva Weber (5. von links) und Stadträtin Dr. Hella Gerber Foto: Ulrike Lassner
Eva Weber begrüßte die Gäste und gab ihrer Freude Ausdruck, dass so viele hochkarätige Vertreter der Landsmannschaften und Verbände ihrer Einladung gefolgt seien. Dieser Empfang sei wichtig, um öffentlich sichtbar zu machen, dass das Nachkriegsleben der Landsmannschaften ein Teil der Augsburger Stadtkultur sei, und um den Landsmannschaften die verdiente Anerkennung für ihr tägliches Engagement und Vorleben des Zusammengehörigkeitsgefühls zuteilwerden zu lassen. Sie sprach die Traditionen und Bräuche an, die unsere Landsleute nach dem Krieg mitgebracht und hier weiter gepflegt hätten. Dazu gehöre das Tragen der Tracht genauso wie das gemeinsame Singen der Lieder, die die Bilder der Vergangenheit lebendig erhalten, das gemeinsame Musizieren, Tanzen und Theaterspiel. Sie erinnerte unter anderem an die Veranstaltungen unserer Kreisgruppe, die beispielsweise in St. Andreas stattfinden und inzwischen fester Bestandteil des Jahreskalenders der Stadt Augsburg seien, aber auch an das Handwerk. Schnell wurde klar, dass diese Oberbürgermeisterin sehr wohl Bescheid weiß um die rege Vereinstätigkeit der Mitglieder von Landsmannschaften, die gleichzeitig in verschiedenen Vereinen der Stadt Augsburg quer durch alle Sparten Mitglied sind, und dass sie darin eine Bereicherung für die Stadt sieht. Sie lobte, dass die Landsmannschaften nie von Rache oder Vergeltung sprächen, sondern von Frieden, Freiheit, Demokratie und einem geeinten Europa. Das Publikum bedankte sich mit anhaltendem Applaus.

Als Vertreterin der Landsmannschaften trat Dr. Hella Gerber, Vorsitzende des Kreisverbands Augsburg Stadt des Bundes der Vertriebenen (BdV), StR, Vorsitzende des Kreisverbandes der Landsmannschaft der Banater Schwaben Augsburg, ans Rednerpult und bedankte sich im Namen der Landsmannschaften für die durch die Oberbürgermeisterin geäußerte Wertschätzung und Anerkennung sowie dafür, dass dieser Empfang nun auch in Zukunft alle zwei Jahre stattfinden werde. Dr. Gerber erinnerte an die Entstehung der deutschen Vertriebenenverbände. Im 2. Weltkrieg habe die unbarmherzige Rüstungspolitik des nationalsozialistischen Deutschlands den Hass der Völker auf sich gelenkt, die dann auf vielfältige Weise Rache genommen hätten. Das habe zur größten Völkerverschiebung in Europa geführt: 15 Millionen Deutsche seien aus ihren Häusern vertrieben worden. Auf der Flucht oder in Deportation hätte das für mehr als zwei Millionen den Tod oder das Vermisstbleiben bedeutet. Viele seien nach Augsburg geflohen, wo sich die Bevölkerungsstruktur massiv verändert habe: 1946/47 sei knapp ein Viertel der Augsburger Bevölkerung aus dem Sudetenland gewesen. Gemeinsam sei allen Betroffenen, dass ihnen dieses Schicksal nur wegen ihrer Volkszugehörigkeit zuteilgeworden sei, sowie das Lebensmotto „Anpacken, sich einbringen, das Beste daraus machen“. „Nie wieder Krieg“ sei eine Selbstverständlichkeit für Aussiedler, Spätaussiedler und Flüchtlinge gewesen, sagte Dr. Gerber und spannte damit den Bogen zur aktuellen Zeit mit dem Krieg, der Europa wieder erreicht habe.

Festredner Dr. Florian Kührer-Wielach, Direktor des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der LMU München (IKGS), referierte fesselnd über das Thema „80 Jahre Flucht und Vertreibung – was bedeutet dies für Europa“. Er startete mit dem Aufhänger: „Davon geht die Welt nicht unter“, ein Lied von Zarah Leander, wiederverwendet in einem Schwarzweiß-Amateurfilm der 70er Jahre zur Geschichte der Donauschwaben in dem Moment, in dem sie im Trümmerdeutschland ankommen. Dr. Kührer-Wielach streifte die geschichtlichen Fakten (das Nazideutschland, Stalin-Russland-Pakt, Deportationen, Zwangsarbeit, Flucht, Vertreibung, Erschießungen von Zivilisten, Schuldigen und Unschuldigen, Konzentrationslager und in Trümmern liegende Städte und Dörfer in und außerhalb Deutschlands) und versuchte der jetzigen Generation das Finden einer Antwort zu ermöglichen, warum ausgewandert wurde. Er erinnerte auch an das Gefühl des „Nicht-der-Zurückgelassene“ sein zu wollen. Fast entschuldigend wirkte seine Feststellung: Wem falle es leicht, seine Heimat zu verlassen, nicht nur seine Habseligkeiten, sondern auch liebe Menschen zurücklassend. Zusammenfassend sagte er: Die meisten seien gegangen und seien nun „hier“.

Umsiedler, Flüchtlinge, Vertriebene, Aussiedler und Spätaussiedler unterscheide die Herkunft, aber eines eine sie alle: das Bekenntnis zur deutschen Kultur, zur deutschen Sprache und zur Bundesrepublik Deutschland, führte Kührer-Wielach aus. Zusammen mit der türkischstämmigen Gruppe stellten sie die größte Gruppe der Zuwanderer und prägten heute das Gesicht und letztendlich auch das Gedächtnis auch dieser Stadt und es sei wichtig seine Geschichte nicht zu vergessen.

„Was, wie und warum wollen wir erinnern?“ Alle Zuwanderer in Augsburg verbinde „Verlust von Heimat, Ankunft, mühseliger Neubeginn“, aber auch die gute Erinnerung an gegenseitige Hilfe, wenn es nicht weiterging. Das kommunikative Gedächtnis (von Mund zu Mund) reiche erfahrungsgemäß maximal drei Generationen weit. Unsere Enkel würden sich also, wenn wir uns nur hierauf verlassen würden, nicht mehr an diese Geschichte zurück­erinnern können. Doch hier helfe das kulturelle Gedächtnis, die Weitergabe erfolge über Tradition, Wiederholung, Gedenktage, Feste, Schriftgut, Gegenstände und ehrlicherweise auch ein wenig „Weiterentwicklung“ (Erfundenes). Dies werde ergänzt durch das institutionelle Gedächtnis in Form von Museen, Archiven etc. Augsburg betreffend sei hier insbesondere das Bukowina-Institut zu erwähnen, das Wissenschaft und kulturellen Austausch gleichermaßen unterstütze. Wichtig sei der Kontext und die Einbringung von Nicht-Experten, um ahnen zu können, was Menschen in dem aufgehobenen und weitergegebenen Gegenstand sehen, die keine Erinnerung mehr an den Zusammenhang haben, in dem dieser Gegenstand genutzt wurde. Dies verdeutlichte er anhand eines siebenbürgischen Tisches in einem Museum. Für den einen sei es einfach ein Tisch, der sich Erinnernde rieche aber beim Anblick dieses Tisches den Duft der in den Tellern dampfenden Suppe nach einem langen Arbeitstag und höre die vertrauten Stimmen der am Tisch sitzenden Großfamilie … Was sei dieser Tisch nun tatsächlich wert? Es sei notwendig, dass sich Zeitzeugen klar sind, dass Erinnerung subjektiv ist, auch wenn Erinnerung nie falsch sei. Der Wissenschaftler hingegen müsse die conditio humana anwenden.

Abschließend wendete sich Dr. Kührer-Wielach der Frage zu, warum solle man erinnern, wo sich doch so viele in der Nachkriegszeit fürs Schweigen entschieden hätten. Dieser Schlussstrich hätte das Ziel gehabt, die eigene Würde, die Achtung vor sich selbst wiederzufinden und den Nachkommen eine Zukunft zu ermöglichen, mit Grundwerten wie Vertrauen, Wertschätzung, Selbstbestätigung, Erfolg, Freiheit und Unabhängigkeit. Augsburg habe ein Miteinander ermöglicht, wenn auch nicht ganz ohne Skepsis und Widerstände, aber es habe einen verlässlichen organisatorischen Rahmen geboten und Mitgestaltungsmöglichkeit bis hin zum Oberbürgermeister. Es sei also „Integrationsstolz, ohne sich das Eigene und das Eigensinnige nehmen zu lassen“, wenn die Landsmannschaften sich in ihren Trachten zeigten. Wichtig sei also einerseits zu verhindern, dass die Geschichte vergessen werde, und genauso wichtig sei es, in ihr zu erkennen, was für eine gute Zukunft notwendig sei, wie der Willen zum Leben in Demokratie und Freiheit.
Die Jugendtanzgruppe Augsburg der Siebenbürger ...
Die Jugendtanzgruppe Augsburg der Siebenbürger Sachsen begeisterte mit einem spontanen Auftritt beim Jahresempfang, auf dem Foto mit Banater Schwaben. Foto: Peter Bergmann
Nach einer musikalischen Einlage der Musikkapelle Banater Schwaben Augsburg unter der Leitung von Gerhard Hipp führte Dr. Margret Spohn, Leiterin des Büros für Gesellschaftliche Integration Augsburgs, durch die Podiumsdiskussion. Dr. Kührer-Wielach nahm auch daran teil und erläuterte, wie er bei seinen Studenten, deren Hauptfach nicht Geschichte sei, Interesse an dem Thema wecke. Prof. Dr. Jana Osterkamp, Leiterin des Bukowina-Instituts Augsburg, sprach über ihre nun schon 30 Jahre andauernde Arbeit, wobei sie auch Zeitzeugen wiederholt und von verschiedenen Personen interviewen lasse. Die Ergebnisse würden in naher Zukunft der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Dr. Christian Knauer, Vorsitzender des BdV-Landesverbandes Bayern, wies darauf hin, dass nur wenigen bewusst sei, wie viel die Flüchtlinge aus dem Osten beim Nachkriegsaufbau bewirkt hätten, dass wenige dafür Wertschätzung empfinden würden und noch weniger diese zeigten. Deswegen bedankte er sich besonders herzlich für diese Aktion bei der Stadt Augsburg.

Dr. Ortfried Kotzian, Vorstandsvorsitzender der Sudetendeutschen Stiftung, stellte sein erfolgreiches Projekt vor. Er berichtete über die Symbolik des Museumsbaus und darüber, dass sie mit wechselnden Kurzausstellungen ganze Schulklassen anzuziehen vermögen, die, wie die Erfahrung zeigte, sogar bereit wären, der Ausstellung hinterher zu reisen, falls diese inzwischen an ein anderes Museum ausgeliehen worden sei. Er mahnte die Erfüllung des Kulturparagrafen, §96 BVFG, an, der Bund und Länder verpflichtet, das Kulturgut der Vertreibungsgebiete im östlichen Europa, in dem Deutsche leben oder lebten, zu erhalten, zu sichern und der breiten Masse der Bundesdeutschen und im Ausland bekannt zu machen.

Nach anhaltendem Applaus begann der gemütliche Abend. Neben einer kleinen deftigen Speise lockten 34 Kuchenspenden der teilnehmenden Landsmannschaften. Im Foyer ergab sich dann spontan die Gelegenheit für unsere Jugendtanzgruppe unter Leitung von Agnes Bartel und Maximilian Göddert in Tracht und unter anhaltendem Beifall den Tanz „Schaulustig“ aufzuführen. Zur Begeisterung der Aktiven und der Zuschauer tanzten spontan zwei Paare der Banater Schwaben bei der als Zugabe folgenden „Sternenpolka“ mit.

So standen nun applaudierend die Aktiven im Foyer bei den Gastgebern, den Ehrengästen Bernd Kränzle, Bürgermeister, Andreas Jäckel, MdL (CSU), BdV-Bezirksvorsitzender Schwaben, Cemal Bozoglu, MdL (Bündnis90/Die Grünen), Christine Kamm, MdL (Bündnis90/Die Grünen), Dr. Volker Ullrich, MdB a.D., Bezirksvorsitzender (CSU), den Stadträten und Altstadträten, den Kreisvorsitzenden und HOG-Vorsitzenden der Landsmannschaften, den Mitgliedern unseres Bundes- und Landesvorstands, der Leiterin des Kulturwerks der Siebenbürger Sachsen e.V. und fast dem gesamten Vorstand unserer Kreisgruppe und unterhielten sich miteinander. Danke allen, die diesen Abend ermöglicht und ihn mitgestaltet haben!

Ulrike Lassner

Schlagwörter: Augsburg, Jahresempfang, Kührer-Wielach

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