20. Februar 2026

Erinnerungen an Gerhard Rill, der ein privates Bauernmuseum in Augsburg aufgebaut hat

Zählen Sie auch zu den vielen begeisterten Besuchern, die Gerhard Rill und sein privates Bauernmuseum in Augsburg erlebt haben? Nach dem inspirierenden Presseseminar der Siebenbürgischen Zeitung vom 5.-7. April 2019 in Leitershofen folgen wir der Einladung des Sammlers Gerhard Rill nach Augsburg. Er will uns seine umfangreiche Kollektion von sächsischen Kulturgütern zeigen. Nun schreibe ich meine Erinnerungen an ihn, aus einem sehr traurigen Anlass. Gerhard Rill ist am 17. Januar 2026 von uns gegangen nach 92 Jahren eines erfüllten, ereignisreichen Lebens. Von den vielfachen Facetten seiner Persönlichkeit und seines Lebens habe ich bei unserem Treffen und Gespräch so manches erlebt und erfahren, an die ich mich stets gerne erinnere.

Erster Eindruck und Kindheit


Gerhard Rill empfängt uns im April 2019 in einer ...
Gerhard Rill empfängt uns im April 2019 in einer besonders schönen, alten, siebenbürgisch-sächsischen Tracht. Foto: M. Tuschinski
Der Hausherr Rill empfängt uns im April 2019 in einer besonders schönen, alten, siebenbürgisch-sächsischen Tracht. Aufwändige Stickereien verzieren sein weißes Hemd, den breiten Ledergürtel und seine festliche Samtkrawatte. Seine Augen blitzen stolz, wenn er erzählt, wie er seit 50 Jahren unser sächsisches Kulturgut rettet. Dass er bereits am 1. Juli 1933 geboren und über 80 Jahre alt ist, sieht man ihm nicht an. Er strahlt Lebensfreude und Unternehmergeist aus und verblüfft uns mit seinem präzisen, enormen Gedächtnis zu jedem seiner Sammelstücke. Als Kind verbringt er viele Jahre in Lechnitz bei seinen Großeltern am Bauernhof, erfahren wir. Aus dieser Zeit stammt wohl auch seine Liebe zur siebenbürgisch-sächsischen Tradition, zu den Trachten, Stickereien, bemalten Bauernmöbel, Gerätschaften und Handwerkszeug zum Arbeiten und täglichen Leben aus Siebenbürgen.

Schüler, Flüchtling und Kriegserlebnisse

Als Gymnasialschüler in Bistritz erlebt Rill, wie zwei deutsche Soldaten im September 1944 zu seiner Mutter kommen und befehlen: „In zwei Stunden holen wir Sie und Ihre Kinder ab! Es finden probeweise ein Alarm und eine Evakuierung statt. Sie dürfen nur 20 Kilo Gepäck mitnehmen – etwas Kleider zum Wechseln und Essen für drei Tage. Danach kommen sie wieder nach Hause.“ Doch es vergeht fast ein Vierteljahrhundert, bis Gerhard Rill als 35-Jähriger wieder nach Siebenbürgen reist. Seine Familie hofft nach dem Krieg noch, nach Siebenbürgen zurückzukehren, wo Rill den Familienbetrieb übernehmen soll. Doch dies bleibt eine Illusion. Wegen Rheuma gibt er später den Beruf auf und wird erfolgreicher Versicherungskaufmann, zunächst in der Frankfurter Gegend und später in Augsburg.

Doch zurück zum Herbst 1944. Mutter Rill steigt ahnungslos mit ihren drei kleinen Kindern und anderen 25 Familien – alle ohne Väter, denn diese kämpfen an der deutschen Front – in einen Viehwaggon, wo sie auf dem aufgetürmten Heu über der Munitionsfracht schlafen – es soll ja nur für drei Tage sein. Doch es kommt ganz anders und sie landen zuerst in Vöcklabruck in Österreich. Sein Bruder lebt noch immer in dem Land. Am 4. Januar 1945 wird der elfjährige Rill in Linz in einen „plombierten“ Zug verfrachtet und gelangt nach Reichenberg ins Sudetenland. Dort wird der Unterricht des Bistritzer Gymnasiums fortgeführt. Die 500 Jungen tragen schwarze Uniformen, Koppelschlösser an den Hosenriemen und Hitlerjugend (HJ)-Dolche.

Sie lernen, den größten russischen Kampfpanzern – den gefürchteten „T34“ – Haftminen an ihre schweren Bäuche anzubringen, um sie in die Luft zu sprengen. Es geht sehr sportlich zu: In der Früh waschen sie sich am offenen Brunnen bei Minus-Temperaturen und danach beim „Singen + Sport“ robben sie ausgiebig durch den Schnee. Doch als die Russen in der Nähe von Görlitz an die Grenze des Deutschen Reiches stoßen, verlegt man 150 Schüler Jahrgang 1930 dahin zum „Panzerabknallen“. Dies soll einigen auch gelungen sein ...

Geschätzter Geschichtsschreiber

Rills schriftliche Notizen über seine Kriegserlebnisse beeindrucken auch den Bürgermeister von Zell am See. Noch nie sah er die Geschehnisse so detailliert dargestellt und erkennt sie als wertvolle Zeitzeugnisse an. Er sendet sie an Rainer Hochhold, der das Buch über die historische Entwicklung von Zell am See verfasst hat. Der Bürgermeister empfiehlt, Rills Bericht in die historische Dokumentation zu übernehmen und sie zu archivieren.

Rill beschreibt in seinen Erinnerungen, wie 1945 immer mehr Wehrmachtszüge mit Verwundeten anrollen und die jungen Pimpfe die schweren Wagentüren aufschieben. Vier Jungen erhalten jeweils eine Wehrmachtsdecke, auf die man einen Verletzten legt. Sie ergreifen die Deckenzipfel und transportierten die Kranken in die entsprechenden Hotels, die nun als Lazarette dienen. Doch die Last ist schwer und die Zipfel entgleiten ihnen häufig. Die armen Landser fallen 10 cm tief auf den Boden. Rill bedauert ein Leben lang, dass sie ihnen noch mehr Schmerzen zufügten. Er entschuldigt sich auch im Namen seiner Kameraden. Die Verwundeten sind meistens dankbar, doch manche beklagen sich. Dies büßen die Jungen durch „Robben im Schnee“, bis ihre Ellenbogen bluten. Einige Kameraden nässen nachts ihre Betten, weil sie sich so sehr vor dem nächsten Tag fürchten. Mancher Verletzte überlebt nicht und die Jungen heben Gräber für sie aus. Danach singen sie „Ich hatte einen Kameraden“ und schießen mit ihren Mauserpistolen in die Luft.

Passionierter, unermüdlicher Sammler

1969 beginnt Rills „Leidenschaft“ nach einem Schreck: Vor seinen Augen zerhackt eine Rumänin im siebenbürgischen Deutsch-Weißkirch auf einem ehemals sächsischen Hof die Tür einer wunderschönen Almerei aus dem Jahr 1838 zu Feuerholz! Dieses Bild erweckt seinen spontanen Vorsatz: Er will möglichst viele Kulturgüter unserer bäuerlichen Vorfahren retten. Er erwirbt die Almerei und die Kacheln eines bemalten sächsischen Ofens. Letztere findet er missbraucht als Gehplatten im Hof oder als Futternapf für die Hühner. Heute wärmt der wunderschöne Kachelofen sein Wohnzimmer in Augsburg.

Dreißigmal reist Gerhard Rill seit 1969 in der kommunistischen Zeit nach Siebenbürgen. Sein Hauptquartier liegt in Reps, bei einer Lieblingstante. Zuerst verläuft alles glatt, er bindet einige schön bemalte sächsische Truhen auf seinem Auto fest und bringt sie nach Deutschland. Da entdeckt Ceaușescu plötzlich den Wert von alten Gütern und verbietet alles, was älter als 50 Jahre ist, außer Landes zu bringen. Doch Gerhard Rill ist nicht zu bremsen. Er findet Mittel und Wege, seine „Schätze“ zu retten. Die alten Möbel zerlegt er und bringt sie Stück für Stück und über mehrere Jahre nach Augsburg. Hier rettet er inzwischen das Bauernhaus vor dem Bagger und baut es aus. Den Dachboden füllt er nach und nach mit alten sächsischen Truhen, Bauernmöbeln, Trachten, Handarbeiten, Gerätschaften usw.
Den Dachboden des Augsburger Bauernhauses füllt ...
Den Dachboden des Augsburger Bauernhauses füllt Rill nach und nach mit alten sächsischen Truhen, Bauernmöbeln, Trachten, Handarbeiten usw. Foto: R. Schnell
Gefragt nach seinem System, gibt Rill 2019 offen zu, dass er seine geretteten „Schätze“ so ausgestellt hat, wie er sie nach und nach aus Siebenbürgen gebracht hat. Leider fehle ihm der Platz, um sie wie in einem Museum auszustellen. Auch müsse alles beschriftet und katalogisiert werden, stellt er fest. Diese Zeit fehle ihm. Er erinnert sich sehr gerne an Dr. Gustav Wonnerth und Prof. Egon Machat. Vor dreißig Jahren bereits erkennen sie den Wert der Sammlung und bemühen sich um Regierungsmittel, um sie in ein Museum umzuwandeln. Vor vielen Jahren zeigt sich auch das Siebenbürgische Museum aus Gundelsheim interessiert, doch Rill will die Exponate nicht hergeben, sondern mit ihnen leben und weiter sammeln.

Bei unserem Besuch 2019 bitte ich Rill, mir seine zwölf Lieblingsstücke zu zeigen, und bin sehr beeindruckt, wie er sich zu jedem Stück genau erinnert, woher es stammt, seine Besonderheiten und wie er dazu kam. Bilder und Erläuterungen zu diesen Stücken sind in der Siebenbürgischen Zeitung Online unter siebenbuerger.de/go/613U zu sehen, zum Beispiel der alte, schöne Krug aus dem Jahr 1672. Professor Kurt Schallner, spezialisierter Sammer von Habanerkrügen, hätte seine Echtheit bestätigt, berichtet Rill.

Unerschütterlicher Visionär

2019 sind für Rills Sammlung noch Optionen offen: In Siebenbürgen könne er sie – wie von Bischof Reinhart Gruib angeboten – in siebenbürgisch-sächsischen Burgen ausstellen. Alternativ könne man nach seinem Tod im Rahmen einer Auktion alles verkaufen. Doch Rills Vision will den begeisterten Einträgen im Gästebuch entgegenkommen. Eine Stiftung könne das Haus als „Siebenbürgisch-sächsisches Bauernmuseum Rill in Augsburg“ organisieren, verwalten und weiterführen. Sein lebenslanger Einsatz für unsere wertvolle siebenbürgisch-sächsischen Tradition hätte sich gelohnt.

Reiselustiger und humorvoller Lebenspartner

Bis zuletzt kümmert sich der rüstige Rentner Rill, zusammen mit seiner Lebenspartnerin Helgard Lichtenstern, auch intensiv um seinen ganzjährig blühenden Garten mit über 40 Rosenstöcken. Er treibt gerne Sport und erledigt selber seine Steuerpflichten. Mit Helgard Lichtenstern unternimmt er häufig Waldspaziergänge, ausführliche Radtouren und Reisen. Rill ist ein ausgezeichneter Tänzer und sie verbringen Sylvester stets tanzend ins neue Jahr. Seinen 90-jährigen Geburtstag feiern sie mit Verwandten und Freunden am Traunsee im oberösterreichischen Salzkammergut. Angereist sind Rill und Lichtenstern im Wohnmobil und freuen sich auch auf Rad- und Wandertouren. Bis zur Ostsee, nach Siebenbürgen, in den Schwarzwald, auf die Lüneburger Heide oder ins Allgäu, reisen sie zusammen. Insbesondere ins Kneippbad nach Bad Wörishofen fahren sie regelmäßig zur Erholung in den acht gemeinsamen Jahren. Helgard Lichtenstern erinnert sich gerührt, wie Gerhard Rill aufblühte, wenn er seine Sammlung zeigen konnte oder wenn er von seiner Kindheit erzählte.

Hoch geschätzter Traditionsbewahrer

Voll Anerkennung und beeindruckt von der umfassenden Sammlung und der beachtlichen Leistung des Sammlers Rill zeigt sich eine hohe Delegation Ende Oktober 2024 in Augsburg. Dr. Petra Loibl, Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene, folgt seiner Einladung und besucht zusammen mit Dagmar Seck, Bundeskulturreferentin des Verbands der Siebenbürger Sachsen in Deutschland, und weiteren Würdenträgern sein „Siebenbürger Bauernmuseum“ in Augsburg.

Zu Gerhard Rills 90. Geburtstag gratuliert der Bundesvorsitzende Rainer Lehni im Namen des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland und dankt ihm für seine Verdienste um die Wahrung unserer Traditionen. Ein Leben lang hätte er sich sehr erfolgreich bemüht, Kulturgüter unserer bäuerlichen Vorfahren zu retten. Er wollte auch den Deutschen zeigen, dass die Siebenbürger Sachsen auf eine schöne Tradition und hohe Zivilisation zurückblicken.

Und wie geht es weiter mit Rills wertvoller Sammlung? Der international anerkannte Kunsthistoriker Dr. Hartwig Fischer wird voraussichtlich die einzelnen Stücke zunächst begutachten und schätzen, berichtet Helgard Lichtenstern. In dankbarer Erinnerung an den leidenschaftlichen, unermüdlichen Traditionsbewahrer Rill wünschen und hoffen wir das Beste.

Melita Tuschinski

Schlagwörter: Rill, Museum, Augsburg, Nachruf

Bewerten:

9 Bewertungen: ++

Noch keine Kommmentare zum Artikel.

Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich. Die Kommentarfunktion ist nur für registrierte Premiumbenutzer (Verbandsmitglieder) freigeschaltet.