Vortrag von Manfred Huber in Lörrach: Freikauf der Deutschen aus Rumänien
Am 28. Februar traf sich die Kreisgruppe Lörrach zur jährlichen Mitgliederversammlung. Nach Kaffee und Kuchen eröffnete unser Vorsitzender Dr. Horst Sift den offiziellen Teil. Rückblicke auf Leinwand wurden von unserem zweiten Vorsitzenden Arne Kröger lebhaft reflektiert. Unser Kassier Udo Keul präsentierte eine erfreuliche Bilanz.
Nach einer kurzen Pause bedankte sich der Historiker Manfred Huber, ehemaliger Vorsitzender der Kreisgruppe Freiburg und Kulturreferent der Landesgruppe Baden-Württemberg, vor zahlreichen Gästen in Lörrach für die Einladung durch den Vorsitzenden Dr. Horst Sift zum Vortrag „Kauf von Freiheit und die Rumäniendeutschen, 20 Jahre ,Geheimsache Kanal‘“.
Vier Bundeskanzler (K. G. Kiesinger, W. Brandt, H. Schmidt und H. Kohl) nahmen sich die Aussage des Grundgesetzes zur deutschen Staatsbürgerschaft zu Herzen und handelten. Sie wandten die Bestimmungen des Bundesvertriebenengesetzes (1953) an. Die sich daraus ergebende Rechtsstellung erläuterte M. Huber: Die deutsche Volkszugehörigkeit sei in der außerdeutschen Heimat entscheidend, um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erwerben. Kanzler Kurt Georg Kiesinger ernannte als Verhandlungsführer den Rechtsanwalt aus Neuss, Dr. Heinz-Günther Hüsch, CDU-Abgeordneter (†2025), der 22 Jahre (1967-1989) federführend zwischen der Bundesrepublik als Auftraggeber und der kommunistischen Regierung unter ihrem „Conducător“ Nicolae Ceaușescu den „Herauskauf“ der Deutschen aus Rumänien in die Freiheit aushandelte. Damit begann in der deutsch-rumänischen Geschichte ein einmaliger, historischer Vorgang mit einem umstrittenen Abkommen, der aber für viele das Lebensziel beinhaltete. Rechtsanwalt Hüsch veröffentlichte das Buch „Kauf von Freiheit“ (2013) und sprach im Interview mit Ernst Meinhardt, Redakteur der Deutschen Welle und Mitautor des Buches, offen über seine Haltung zum Abkommen: Er hielt die Rumäniendeutschen für politische Gefangene, in diesem Punkt habe er sich an der Bergpredigt und den Werken der Barmherzigkeit orientiert.
Manfred Huber referierte in Lörrach über den Freikauf der Deutschen aus Rumänien. Foto: Nora Huber
Weiterhin schilderte Manfred Huber den Ablauf der „Geheimsache Kanal“. Die Gesprächspartner, mit denen Rechtsanwalt Hüsch in Bukarest und dann in den westlichen Hauptstädten Rom, Wien, Stockholm und Kopenhagen verhandelte, waren allesamt Mitglieder des Geheimdienstes Securitate, die nach sowjetischem Muster mit 40000 offiziellen und 400000 inoffiziellen Mitarbeitern die Gesellschaft im eisernen Griff hatten und auch nach 1990 ihren Einfluss ausübten. Die von Rumänien unterzeichneten Pflichten zur Familienzusammenführung wurden von den rumänischen Instanzen zwar öffentlich geleugnet, aber das Kopfgeld für 210 000 bzw. 266 294 Deutsche aus Rumänien wurde mit knallhartem Feilschen ausgehandelt. Kanzler Kohl nannte es „barbarisch“. Ceaușescu sagte man nach, dass er „Öl, Juden und Deutsche“ für die besten Exportgüter gehalten habe. Nebenbei erwähnte Huber, dass die rumänischen Beamten, die für den Devisenfluss zuständig waren, den Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen den Decknamen „pădurenii“, also Waldmenschen, in Anlehnung an Transsilvanien (das Land jenseits des Waldes) gaben.
Über den Alltag in der Kanzlei in Neuss oder Bukarest informierte Hüsch in seiner fünfbändigen Dokumentation. Diese entstand aufgrund der Gedächtnisprotokolle, zeitnah verfasst nach den Verhandlungen mit den rumänischen Beamten der Securitate.
Mit Hilfe seiner beiden Söhne, seines Schwiegersohnes und seiner Schwester Doris Kies als Sekretärin verliefen die Arbeiten geheim (Panzerschrank), auch ohne Hilfe der deutschen Nachrichtendienste. Die Übergabe der Tausend-DM-Scheine im „Millionenkoffer“ fand im Athénée Palace-Hotel in Bukarest statt, dabei mit Pistole bewaffnet. Da die Zahlungen zunächst ohne rumänische Quittung erfolgten, erdachte Hüsch ein Zahlungsnachweissystem für die deutsche Regierung. Nachdem keine Zeugen erwünscht waren, gab es all die Jahre nur einen Dolmetscher, erst Herrn Bucur, dann Herrn Oprea. Die Personenlisten, in denen die deutsche Volkszugehörigkeit angegeben wurde, wurden nach Ceaușescus persönlicher Durchsicht genehmigt. Sonderwünsche und -kredite galt es zu erfüllen, darunter Jagdgewehre, Limousinen, ein nicht abgeholter Mercedes 600, modernste Abhörtechnik, die später von der Securitate eingesetzt wurde.
Als humanitäre Leistungen in Millionenhöhe galten Medikamente, 1977 Erdbebenhilfe (70m hoher Kran), auch um die Listenabläufe nicht zu unterbrechen. Zwangsläufig wurde das Abkommen als umstritten empfunden, da Informanten des kommunistischen Staates auf den Listen auch sogenannte „Illegale“ ohne deutsche Volkszugehörigkeit führten und das Abkommen durch Spionageaffären (Nanu, „Willy I“ und Willy II“) gefährdeten. Aufsehen und Wut des rumänischen Armeesportklubs erregte die Flucht des renommierten Handballspielers Hansi Schmidt (Erfinder des verzögerten Sprungwurfs) aus dem Banat 1963.
Rechtsanwalt Hüsch konnte die Ausreise der Familie „arrangieren“ und bezahlte nach neun Jahren 1974 für die Familie des Fahnenflüchtlings einen modernen Blutanalyser für 65000 DM. Außerdem nahmen die kaum kontrollierbaren Schmiergeldaffären durch Mittelsmänner ihren unseligen Lauf und konnten nicht geklärt werden. Als roter Faden ist die Aussage zur Securitate aus dem Jahr 2015 der Mitautorin Hannelore Baier, Redakteurin der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien, einzuordnen: „Die Securitate hat alles kontrolliert.“ Dazu recherchierte Baier in den Archiven in Bukarest und in der Quellenedition „Recuperarea/Rückgewinnung“ 2012 über die Tätigkeiten und Rolle der Geheimpolizei. Für ihre zeitgeschichtlichen Forschungen im Zusammenhang mit den Siebenbürger Sachsen wurde der Historikerin mit dem Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreis 2025 ausgezeichnet.
Auf die Frage nach dem Verbleib der Ablösesummen verwies Manfred Huber auf drei Antworten: Oberst Octavian Andronic, Chef der Securitate 1981-86, schrieb in seinen Memoiren, 1,5 Milliarden DM seien zur Abbezahlung der Schuldenlast eingesetzt worden, Ernst Meinhardt errechnete eine Summe von 1,2 Milliarden DM, Dr. Heinz-Günther Hüsch meinte eine Milliarde sei zu wenig, drei Milliarden seien zu viel. Präzise Auskunft über die Zahlungskategorien für die „Volksdeutschen“ gibt der deutsche Botschafter in Bukarest Erwin Wickert (1971-76), Vater des bekannten Fernsehmoderators Ulrich Wickert, in seinen Memoiren „Mit glücklichen Augen“ (2001) auf Seite 501. Zu diesen Zahlen, die Hüschs Dokumentation glichen, notierte dieser: „Es sind die einzigen, die stimmen.“
Zum Abschluss seines Vortrages nannte Manfred Huber die Kategorien und Kopfprämien zur Ausreise: 1800 DM für den Normalfall, 5500 DM für Studenten, 7000 DM für Studenten vor dem Abschluss, 11000 DM für Akademiker, 2900 DM für Techniker und Facharbeiter. Huber bedankte sich bei den Zuhörern für die Aufmerksamkeit und merkte an, dass er sich an die Zeit des quälenden „Bleiben oder Gehens“ erinnere. Er bereue den Entschluss nicht, den Weg in die Freiheit beschritten zu haben.
Im Anschluss fand ein reger Austausch statt. Mit salzigem Gebäck und Winzersekt endete ein gelungener Abend mit spannenden Inhalten.
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