7. Juli 2008

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An(ge)kommen: Zuwanderung ins Oberbergische

Am 16. Mai wurde im Foyer des Oberbergischen Kreishauses in Gummersbach eine Wander­ausstellung zum Thema „ANKOMMEN - Zuwanderung ins Oberbergische nach 1945“ unter der Schirmherrschaft des Landrats Hagen Jobi eröffnet. Bis zum 19. Juni wurde die Ausstellung im Kreis­haus gezeigt, danach ist sie bis Februar 2009 in sechs weiteren Städten und Gemeinden im Kreisgebiet zu sehen.
In der Eröffnungsansprache bekannte sich Landrat Hagen Jobi zu seiner siebenbürgischen Herkunft und bemerkte lächelnd, dass er der Volkstracht im Laufe der Jahrzehnte entwachsen sei. Ein prächtiges Exemplar einer Burzen­länder Tracht fällt bei Betreten der Ausstellung jedem ins Auge. Jobi würdigte die Initiatoren und zahlreichen Mitgestalter der Ausstellung und dankte den Sponsoren für die Finanzierung des 112 Seiten umfassenden Kataloges.

In die Ausstellung führte die Kulturhistori­kerin Silke Engel, stellvertretende Leiterin des Kultur- und Museumsamtes des Oberbergischen Kreises, Schloss Homburg, ein. Die Ausstellung und der Katalog stellen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen vor, die aus verschiedenen Gründen auf dem Weg in das Oberbergische waren, wo die meisten angekommen und auch beheimatet sind.

Radio Berg moderierte ein Gespräch, in dem Vertreter der zahlreich im Oberbergischen angesiedelten türkischen und griechischen Volks­gruppe und der Deutschen aus Russland zu Wort kamen. Aus verständlichen Gründen wurden zu dem Gespräch keine siebenbürgischen Zuwanderer hinzugezogen, gelten sie doch ihrer Sprachkenntnisse, ihres evangelischen Glaubens und ihrer Tradition wegen als „Angekommene“ und erfolgreich integrierte Gruppe. Die Schilderungen der türkischen und der griechischen Teilnehmerin bestätigten, dass die vorgestellten Schicksale für die meisten der Zu­wanderungsgruppen repräsentativ sind. Beide (sicher nicht zufällig für das Gespräch ausgewählten) Damen sprachen ein gutes Deutsch, waren beruflich integriert und zeigten Interesse am Leben in Oberberg, in dem sich ihre Kinder, als dritte Generation, ganz zuhause fühlen.

Beeindruckend war die Darstellung der Situa­tion eines aus dem russischen Herrschafts­gebiet zugewanderten Herrn aus Nümbrecht. Er hat in großer Bescheidenheit die extreme und vielfältige Benachteiligung eines Spätaussiedlers ge­schildert, zugleich ein Maß an Mut und Zuver­sicht ausgestrahlt, das vielen satten und etablierten Schon-immer-Bundesbürgern weitgehend abhanden gekommen ist. Obzwar er durch die restriktive Förderung der Spät- oder Zu-Spätaussiedler große Nachteile in Kauf nehmen muss, was die gesellschaftliche Integration nachhaltig erschwert, war aus seinem Mund keine Klage zu hören.

Aufschlussreich waren die Ausführungen von Gerhard Pomykaj, Historiker und Leiter des Archivs des Oberbergischen Kreises, der die Ausführungen der drei zugewanderten Ge­sprächsteilnehmer sachkundig ergänzte. Die Zuwanderung aus Siebenbürgen wurde dabei bedauerlicherweise unter dem Gesichtspunkt „Sehnsucht nach dem besseren Leben“ eingeordnet. Diese Zuwanderer haben, wie auch die Deutschen aus Russland, eine leidvolle Ge­schichte unter der kommunistischen Knute nach 1945 in ihrer Heimat erdulden müssen. Sie haben stellvertretend gebüßt, sie wurden entrechtet, beschimpft und bestraft für die Untaten des NS-Regimes, die sie nicht zu verantworten hatten. Vielleicht hätte damit der Eindruck, sie würden über Gebühr finanzielle Vorteile beim Wiederaufbau ihrer Existenz erhalten haben, ins rechte Licht gerückt werden können.

Der vom Oberbergischen Kreis herausgegebe­ne Ausstellungskatalog (ISBN 978-3-00-024363-9) enthält ein ausführliches Kapitel unter dem Titel „Friedrich von Bömches – Die Vertreibung“. Hier beschreibt die Museumspädagogin Birgit Ludwig-Weber (Schloss Homburg), wo sich die umfassende Sammlung der Werke unseres be­deutenden Malers befindet, Russlanddeporta­tion, Leid und Not, Heimat­verlust und Heimatfin­dung im Oberbergischen.

Kurt Franchy

Schlagwörter: Migration, Aussiedlerzuzug, Nordrhein-Westfalen

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