24. September 2010

Gegen die Bauwut in Rumänien: „Stadtgestaltung – Bürger als Architekten ihrer Stadt“

Seit den 90er Jahren beobachten wir im urbanen Leben Rumäniens eine rasante Folge von gegenläufigen Entwicklungsschüben. Bauherren, wie auch Bürger sind hin und her gerissen zwischen dem Erhalt historischer Architektur und der Entwicklung bombastischer Bauart. Ein Blick auf die Architektur und räumliche Ordnung zeigt grob skizziert folgendes Bild: Tempo und Durcheinander, Brüche und Risiken. Claudia Gherghel von der Evangelischen Akademie Siebenbürgen in Hermannstadt berichtet über eine Tagung zum Thema „Stadtgestaltung – Bürger als Architekten ihrer Stadt“.
Es gibt so gut wie keine rumänische Stadt, die von der postrevolutionären Bauwut verschont geblieben ist. Und wie haben wir Bürger dieses begünstigt? Durch Fremdeinwirkungen gegenüber Stadtidentität und Stadtimage: wie zum Beispiel Rekonstruktionen, Umbauten, Abrisse, Erweiterungen usw. Werden Bürger ihrer Rolle gegenüber ästhetischer und gesunder Stadtgestaltung bewusst, so haben wir noch eine Chance auf intelligente und kostengünstige Stadtbildpflege.

Unter dem Leitmotiv „Stadtgestaltung – Bürger als Architekten ihrer Stadt“ versuchte die Evangelischen Akademie Siebenbürgen (EAS) in Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Freundeskreis (EFS) genauer festzustellen, wie und in welchem Maße Bürger die Gestaltung ihres Wohnortes beeinflussen können. Die Konferenz fand vom 3. bis 5. September im Hans-Bernd-von-Haeften Tagungs- und Konferenzzentrum in Hermannstadt statt.

Den Einstieg bot eine Stadtführung durch Hermannstadt, bei der Architekt Dr. Hermann Fabini einen informationsreichen Überblick auf die Entwicklungsgeschichte dieses historisch geprägten Ortes bot. Die Tagung eröffneten Dr. Raimar Kremer, Vorsitzender des EFS, und Roger Pârvu, Programmleiter der EAS. Die Teilnehmer stellten sich im informellen Rahmen vor.

Arch. Gabriel Roşca, Vorsitzender der Hermannstadt-Vâlcea Filiale der Rumänischen Architektenkammer, wies auf die „Rolle der Architektur und des Architekten in der Gesellschaft“ hin. Anhand von aussagekräftigen Fotos am Beispiel Hermannstadts zeigte er negative und positive Aspekte im Bauwesen der letzten 20 Jahren auf. Laut Roşca haben Planer und Architekten bei Rekonstruktionen, Umbauten, Erweiterungen oder Neubauten den ideellen Bezug zur Umgebung zu berücksichtigen. Arch. Alexandru Găvozdea, Entwickler der Planung für die geschützte Altstadt von Hermannstadt, gab Auskunft über das „bauliche Kulturerbe Hermannstadts“ und dessen „Schutz im Rahmen des Stadtentwicklungsplanes“. Es wurden Richtlinien zur erfolgreichen Altstadtsanierung beziehungsweise Planungsdokumente wie die „Charta zur Sanierung der historischen Altstadt“ vorgestellt.

Auch Arch. Assist. Drd. Maria Boştenaru, Vertreterin der Stiftung Ergorom 99, brachte ihren Beitrag zur Problematik der heutigen Stadtgestaltung. Frau Boştenaru sprach das Thema „Von den Partizipationsmodellen der 70er Jahre zu Kommunikationsformen Ende des 20. Jahrhunderts in Architektur und Städtebau“ an. Laut Boştenaru wären neben den Staatsbeauftragten auch die Bürger für die Verbesserung ihres Wohnungsumfeldes zuständig.

Peter Dehmel referierte zum Thema „Michelsberg 2010 zwischen hinhaltender Konservierung und aggressivem Bauboom. Sichtbarer und verdeckter Wandel eines siebenbürgischen Dorfes im Übergang 1990-2010“. Schlussfolgernd behauptete Dehmel, dass das alte Dorfbild unter auf sich zustürmenden Änderungen, dem Zuzug rumänischer Neusiedler aus verschiedenen Regionen des Landes und Scheitern des sächsischen Konzentrats, leidet.

Der letzte Referent, Ing. Chem. Nicolae Rădulescu Dobrogea, Präsident der NGO „Eco Civica“ Bukarest, sprach zum Thema „Bukarest – eine europäische Hauptstadt zwischen Kulturerbe und rumänisch-kapitalistischer Bauwut“ und „Urbanisierung und Urbanisierte“. In den Mittelpunkt seines Vortrages stellte er den Städtebau und die Gesundheit der Stadtbewohner und ging auf konkrete Fälle ein, in denen gegen städtebauliche Normen und Umweltschutzregeln in Bukarest verstoßen wird. Zugleich gab Herr Dobrogea Auskunft über die Tätigkeit seiner NGO „Eco Civica“ in der Bekämpfung des Abbaus von Grünflächen.

Fazit: Die Tagung stieß auf große Resonanz in den Reihen der Zuhörer. Aus den Vorträgen und Diskussionsrunden ging hervor, dass weitere Studien zum Thema Stadtgestaltung nötig sind. Fachleute und zugleich Bürger werden angeregt, dauerhaft Stellung gegenüber städtebaulichen Entwicklungen und zugleich zur optimalen Gestaltung des öffentlichen Raumes zu nehmen.

In der Hoffnung, dass sich diese dramatische Situation ändern wird, bitten wir unsere Mitbürger, wo immer sie auch leben, sich der Gestaltung einer ästhetischen und gesunden Stadt zu widmen und sich ihrer Rolle als Architekten der Stadt bewusst zu werden.

Claudia Gherghel

Richtigstellung zu diesem Artikel von Peter Dehmel

Schlagwörter: Hermannstadt, Tagung, Architektur

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