27. Dezember 2010

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Hans Bergel: Dialog gegen das Vergessen

Auf die Frage eines Reporters des Bukarester Rundfunks, was ihn jährlich ein-, zweimal Rumänien besuchen lasse, antwortete der Schriftsteller Hans Bergel am 11. November d.J. in der rumänischen Hauptstadt: „Das Bedürfnis nach dem Dialog mit gleichgesinnten Menschen in einem schwierigen Land.“ In einem am 4. und 6. Dezember d.J. vom dortigen Fernsehen ausgestrahlten ausführlichen Interview kam Bergel auf die Frage zurück und sagte: „Wenn sich die ernsthaft um das geistige Europa Bemühten ihrer Solidarität über die nationale Grenze hinaus nicht bewusst sind, können wir Europa und sein Kulturerbe gleich den allzuvielen Verderbern auf diesem Kontinent überlassen.“
Vielleicht ist es diese Bereitschaft zur direkten Aussage, die den 85-jährigen Schriftsteller zum anregenden Gesprächspartner in der Öffentlichkeit macht. Bergel erinnerte in einem der Interviews, die er während der Tage in Bukarest gab, an den „immensen Widerstand, den rumänische Intellektuelle dem Kommunismus leisteten, vom Philosphen Constantin Noica bis zum Epigrammatiker ‚Păstorel’ Tudoreanu und vielen anderen, die in den Kerkern saßen“, und daran, dass diese Persönlichkeiten „eine Verpflichtung hinterließen“.

Unmittelbarer Anlass des diesjährigen Aufenthalts Dr. h.c. Hans Bergels in Bukarest und Kronstadt war die Einladung zu einem Vortrag im Rahmen eines internationalen Celan-Kolloquiums, zu einer Literaturlesung im Schiller-Kulturhaus – beides in Bukarest – und einem Autorentreffen im Haus der Lyrikerin Dr. Mihaela Stroe in Kronstadt. Bei allen drei Gelegenheiten erinnerte Bergel nachdrücklich an historische Situationen zum Teil jüngsten Datums, die im Begriff seien, vergessen zu werden: Beim Celan-Kolloquium sprach er davon, dass „parallel zum jüdischen Leiden in Transnistrien“, wo Celans Eltern starben, die nach 130000 Menschen zählende deutsche Minderheit zuerst vom Moskauer Kommunismus dezimiert und danach von der Polizei-SS Himmlers wegen ihrer Glaubenstreue rücksichtslos schikaniert wurde. „Wer hat das Recht“, sagte Bergel, „dies doppelte Leiden zu verschweigen?“ In Kronstadt erinnerte er die rumänischen Kollegen an die deutsche Biografie der Stadt. Im Schiller-Kulturhaus schließlich sprach er, eingeführt von Frau Prof. Dr. Mariana Lăzărescu, im übervollen Saal vor allem an die – aus Kindern rumänischer Familien stammenden – Abiturklassen des „Goethe“-Lyzeums gewandt, von den Verbrechen der Gheorghiu-Dej-Ära (1945-1965), nachdem er einen einschlägigen Text aus seinem jüngsten Buch „Am Vorabend des Taifuns“ gelesen hatte.

In allen drei Fällen – so Bergel – „war ich erschrocken über das Ausmaß an Unkenntnis“. Schon nur daher sei der Dialog „ohne die üblichen ‚political-correctness’- Verschweigungen und Verbeugungen“ erforderlich. Besuche in der Redaktion der „Karpatenrundschau“, Kronstadt, der „Lettre Internationale“, bei der „Academia Civică“, Bukarest, und Gespräche mit seinem Freund Prof. Dr. George Guţu, dem Chef des Germanistik-Lehrstuhls, über ein Buchvorhaben rundeten die Tage in Rumänien ab.

N. D.

Schlagwörter: Bergel, Lesungen, Rumänien, Reise

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