21. Januar 2011

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Oskar Pastior förderte in seinem Literaturkreis den Lyriker Georg Hoprich

Das tragische Schicksal des rumäniendeutschen Dichters Georg Hoprich hat im Totalitarismusdiskurs um Oskar Pastior, Herta Müller, Dieter Schlesak, Stefan Sienerth und Ernest Wichner Aktualität erlangt. Pastiors Securitate-Verstrickung schlug im Inland, aber auch im deutschsprachigen Ausland hohe Wellen. Kaum bekannt ist, dass Georg Hoprich in Oskar Pastiors Alternativliteraturkreis zum damaligen Sozialistischen Realismus Ende der 50er Jahre zum Lyriker herangereift ist.
Der Direktor des Instituts für Deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Stefan Sienerth, hat erforscht, dass der Büchnerpreisträger 2006 Oskar Pastior als I.M. Otto Stein zwischen 1961 und 1968 gezwungen worden war, für den rumänischen Geheimdienst zu arbeiten. Der rumäniendeutsche Autor Dieter Schlesak, ein guter Bekannter und Förderer Oskar Pastiors in Rumänien, warf in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 16. November 2010 – nach Einsicht in seine Securitate-Akte – dem toten Pastior nicht nur vor, ihn durch seine Bespitzelungen gefährdet zu haben, sondern auch am Selbstmord des siebenbürgisch-sächsischen Dichters Georg Hoprich (1938-1969), eines guten Freundes Pastiors, Schuld zu haben. Die dadurch ausgelösten Diskussionen hier beiseite lassend, sollte man vor allem fairerweise auf die Wiederentdeckung des Dichters Georg Hoprich eingehen. Der bisher nur Eingeweihten bekannte Name eines dichterisch begabten Opfers des ideologisch so abgründigen 20. Jahrhunderts rückt jetzt mit Georg Hoprich endlich ins Zentrum des Interesses und verdeutlicht ein übriges Mal die unmenschliche Absurdität des Totalitarismus.

Vor allen Dingen erweitert das Dichterschicksal Georg Hoprichs die doch recht einseitige Sicht auf die rumäniendeutsche Literatur, die leider meist nur mit den Namen des einstigen Vorzeigeehepaars der rumäniendeutschen Literatur, Herta Müller und Richard Wagner, sowie mit der deutschsprachigen Aktionsgruppe Banat erwähnt wird. Georg Hoprich wurde dank der mutigen Herausgebertätigkeit von Stefan Sienerth – 1983 erschien im Kriterion Verlag Bukarest dessen einziger Gedichtband mit dem schlichten Titel „Gedichte“ – schon in der alten Heimat wiederentdeckt. Hoprich war von allem Anfang an zeitgenössisch, wie seine vielleicht unbefangenste autobiographische rumäniendeutsche Kindheitsschilderung schlechthin im Gedicht „Erinnerung“ I zeigt: „Aus blauen Augen sah ich Kind,/ Wie durch Regen und Sonne und Staub und Wind/ Die Zeit trottete./ - Der erste Winter, der mir bekannt,/ War rauh./ Der Vater schlief am Rand,/ Ich in der Mitte, die Mutter an der Wand,/ das Bett war eng./ – Der Sommer brachte zu uns Soldaten,/ Sie kamen in Autos – russische Soldaten./ Mein Vater hinkte zu ihnen und reichte jedem die Hand./ Meine Mutter gab ihnen Wasser, ich erhielt ein rotes Band/ Und verlor die Furcht vor Mitja./ – Ein lichter Frühling wehte dann,/ Es kaufte mein Vater, der hinkende Mann/ Sich einen Holzfuß. Dann und wann/ War in der Suppe auch Fleisch“ (1959).

Hier gelingt es Georg Hoprich, die Geborgenheit des intakten Familienlebens in einem siebenbürgisch-sächsischen Dorf gerade auch in gesellschaftlichen Umbrüchen zu thematisieren. Die Geborgenheit einer Dorfgemeinschaft, die nicht nur durch die protestantische Arbeitsmoral, sondern auch durch den lutherischen Familiensinn geprägte siebenbürgisch-sächsische Gemeinde zusammenhielt, fasst Hoprich in die Verse, die seinem Heimatdorf Thalheim/Daia bei Hermannstadt als Symbol des siebenbürgisch-sächsischen Dorfes ein Denkmal setzen. „Thalheim“: „Hinterm Strauch verging das Märchen/ Wo wir Stunden, Stunden glühten./ Ich denke oftmals an die Lerchen,/ die das Spiel im Gleiten frühten./ – Hinterm Strauch begann die Sprache/ Und wir redeten vom Fernen./ Ich spür den Tau, den Traum am Bache/ Und das Pochen an den Sternen/ – Hinterm Strauch der Wink der Bilder/ Führte mich dir aus dem Blick./ Nun senkt sich reifer, senkt sich milde in dein Schreiten mein Geschick.“ (1959)

Auch in diesem Gedicht aus seinem ersten „Dichtergesellenjahr“ in Oskar Pastiors Alternativleserunden 1958/61 ist Georg Hoprich noch hoffnungsvoll, seine Identität als Mitglied einer fast 900-jährigen Gemeinschaft von ­siebenbürgisch-sächsischen Wehrbauern im Karpatenbogen bewahren und ausleben zu können. Auch sein Germanistik- und Rumänistikstudium 1956-1961 hatte er in dieser Absicht begonnen und war hocherfreut, durch die Bekanntschaft mit seinem Kommilitonen Oskar Pastior, der ein Jahr vor ihm das gleiche Studium aufgenommen hatte, einen Gleichgesinnten gefunden zu haben. Pastior war schon zu dem Zeitpunkt ein bekannter deutschsprachiger Autor Rumäniens und Übersetzer. Es ist noch viel zu wenig bekannt, dass Oskar Pastior in den Jahren 1958-1961 in seiner Wohnung einen alle paar Wochen stattfindenden alternativen Literaturlesekreis eingerichtet hatte. Hier trug er seine eigenen neuesten lyrischen Texte vor, ließ sich von seinen Freunden beraten und zu Veränderungen veranlassen. Aber auch seine Gäste – dies waren seine Kommilitonen Georg Hoprich, elf Jahre jünger als Pastior, der damals 31 Jahre alt war, und Richard Adleff, der fünf Jahre jünger als Pastior war – kamen mit eigenen Texten zu Wort. Pastiors Frau, Roswith Capesius, und Dieter Fuhrmann, ein Kommilitone aus der Germanistikfakultät, waren die aufmerksamen Zuhörer und Kritiker, die durch ihre Meinungsäußerungen zur Sensibilisierung des lyrischen Diskurses beitrugen.

In diesem leider auch nur marginal im rumäniendeutschen Schrifttum erwähnten Alternativliteraturkreis zum damaligen noch streng verordneten Sozialistischen Realismus ist Georg Hoprich zum Dichter mit seiner eigenen charakteristischen Mischung von volksliedhafter Sangesweise, aber mit oft abgrundtiefer Identitätssucht und weltschmerzhafter empfindsamer Naturbetrachtung herangewachsen. Dieser zu der Zeit zivilcouragierte Alternativliteraturkreis wurde von allen Teilnehmern als Geheimnis bewahrt und blieb auch nach dem bisherigen Kenntnisstand der Securitate-Akten unbekannt. Dies spricht für die gegenseitige Loyalität seiner Mitglieder untereinander.

Schon allein die literarischen Vorbilder der Teilnehmer dieses Alternativliteraturkreises waren ketzerisch für die damalige offizielle Literaturbetrachtung. Dieter Fuhrmann, der Belesenste unter ihnen, empfahl Stefan George als großes stilistisches Vorbild, aber auch Hugo von Hofmannsthal, Josef Weinheber und Rainer Maria Rilke. Pastior wiederum ergänzte dies moderne Lyrikrepetitorium durch die russische Lyrik. In seiner fünfjährigen Zwangsarbeitszeit als Deportierter in der Sowjetunion 1945-1950 hatte Pastior Russisch gelernt. Seine russischen Vorbilder waren Jesenin, Anna Achmatowa und vor allem auch Velemir Chlebnikow. Der Vorwurf des Nationalismus in diesem alternativen Pastior-Literaturkreis wäre auch deshalb schon so abwegig, weil neben Pastior, der Jesenin so mochte, auch Dieter Fuhrmann einen ausländischen Dichter, nämlich Dante Alighieri als unerreichbares Vorbild verehrte. Auch Georg Hoprich hat sich für diese ihm besonders warm empfohlenen Autoren immer sehr interessiert gezeigt und auch in seinem Fall ist der Vorwurf des Nationalismus vollkommen unbegründet.

Da auch ich ein Kommilitone aller dieser Alternativliteraturkreisler war und im Studienjahr 1958/59 im Bukarester Studentenheim Bettnachbar von Georg Hoprich in einem der für diese Studienjahrgruppe üblichen 14-Bett-Zimmer war, erfuhr ich tags darauf von der Zusammenkunft, ihrem Verlauf und vor allem wie die Gedichte von Georg Hoprich, die ich ja alle kannte, aufgenommen worden waren. Durch die Bekanntschaft mit dieser Alternativliteratur entglitt Georg Hoprich immer mehr seiner Herkunft aus einer noch Geborgenheit bietenden Gemeinschaft und fühlte – ein Ketzertum besonders im dogmatischen Sozialismus des Stalinismus – sich mehr und mehr entfremdet. Gleichwohl war 1961, im Abschlussjahr seines Germanistikstudiums, seine Lage keineswegs hoffnungslos. Es war so gut wie ausgemacht, dass er Lektor werden sollte bei der deutschsprachigen Abteilung des Bukarester Jugendverlages. Auch Pastior, der seit 1960 bei der deutschsprachigen Abteilung des Bukarester Rundfunks arbeitete, soll dazu beigetragen haben. Georg Hoprich hatte sogar schon ein Projekt im Auge, er wollte als eines seiner ersten Bücher im Jugendverlag eine Anthologie junger rumäniendeutscher Dichter herausbringen, in der Oskar Pastior natürlich, aber auch Dieter Schlesak, Richard Adleff und noch eine ganze Reihe anderer auch wenig bekannter junger rumäniendeutscher Autoren vertreten sein sollten. Dann schlug das Schicksal so unbarmherzig zu, wie dies nur in einer Diktatur geschehen kann.

1959/60 war Hoprich im Studentenwohnheim endlich in ein „kleines“ Zimmer mit sechs ­Studenten gekommen. Vier rumänische Kommilitonen und noch ein Deutscher waren seine Zimmergenossen. Einer der rumänischen Kommilitonen hatte eine Postkarte nach Hause geschrieben, man möge mit der Waffe in der Hand gegen die vollständige Kollektivierung der Landwirtschaft kämpfen. Die Securitate holte den Postkartenschreiber, verhörte ihn eine Nacht lang mit ihren bekannten Methoden. Danach hatte dieser über alle seine Zimmerkameraden Belastendes ausgesagt.

Einige kamen mit Rügen davon, andere mussten Umerziehungsmaßnahmen durch Arbeit durchstehen und allein Georg Hoprich wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt. Buchstäblich aus der Luft gegriffen hatte man ihm ein nationalistisch-chauvinistisches, feindseliges Verhalten angedichtet, um ein Exempel zu statuieren.

Während seiner Haftzeit wurde Georg Hoprich zusätzlich bestraft, weil er immer wieder versuchte, mit seiner Braut zu korrespondieren. Als er 1964 endlich die Gefängnismauern hinter sich lassen konnte, versuchte er einen Neubeginn mit seiner so aufopferungsvollen Frau. Sie schenkte ihm zwei Kinder, eines davon starb sehr früh, belastete ihn zusätzlich und raubte ihm viel vom wieder mühsam erworbenen Lebensmut. So vermochte er auch nicht mehr die Hoffnungen mitzutragen, die sich in Rumänien auftaten mit dem Jahr 1968, als Ceauşescu – damals noch in seiner kurzen liberalen Phase von 1965-1971 – sich weigerte, in Prag einzumarschieren und eine Demokratisierung ähnlich des Prager Frühlings in Rumänien erhofft wurde. 1967 hatte Nicolae Ceauşescu auch diplomatische Beziehungen zur Bundesrepublik aufgenommen.

Es kam alles zu spät für Georg Hoprich, wie aus seinem Gedicht „Absage“ hervorgeht: „Wenn ich das Tiefste zu dir beginne/ Werd ich dich meiden./ Was ich dir schenke – meine Sinne –/ Heißt mich leiden./ – Wir sind einem Dunkel geweiht,/ Ohne Haus, ohne Halt;/ Nur das Ungefähre verleiht uns noch Sinn und Gestalt/ – Unsere Liebe reift/ Eine bittere Frucht./ Wir müssen sie abwerfen/ Wie die unnütze Last auf der Flucht./“

Man kann nur hoffen, dass Stefan Sienerth, der weiterhin Georg Hoprichs Werk erschließt, demnächst einen neuen Band dieses eindrucksvollen Chronisten der Ideologieungeheuerlichkeiten des 20. Jahrhunderts herausbringt.

Ingmar Brantsch

Schlagwörter: Literatur, Pastior, Hoprich, Geschichte, Securitate

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