7. Mai 2012

Hans Bergel las in Rastatt

Im schön gelegenen Café Pagodenburg in Rastatt las der siebenbürgische Schriftsteller am Abend des 13. April aus einem seiner interessantesten Werke: „Am Vorabend des Taifuns. Geschichten aus einem abenteuerlichen Leben.“
Hans Bergel war der Einladung des Freundeskreises für europäische Jugendarbeit Bühl und des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland, Kreisgruppe Rastatt gefolgt. Musikalisch umrahmt wurden die Lesung und die anschließenden Gespräche von Karl-Heinz Piringer mit: „Et såß e klīn wäld Vijeltchen“ in siebenbürgisch-sächsischer Mundart, „Auf den Flügeln einer Taube“ von Felix Mendelssohn Bartholdy, Präludium in D-Moll von J. S. Bach und „Amazing Grace“.

In seiner kurzen Eröffnungsrede erwähnte Erich Lienhart vom Freundeskreis für europäische Jugendarbeit den Umfang und die Vielfalt des literarischen Schaffens von Hans Bergel sowie die Tatsache, dass dieser in seiner alten Heimat dem Widerstand gegen das kommunistische Regime angehört hatte und dafür verurteilt worden war.

Aus dem autobiografischen Erzählband las Bergel zunächst „Violeta“ vor. Die junge Frau war ihm in Bukarest beim Studium der Securitate-Akten als wissenschaftliche Begleiterin zur Seite gestellt worden. Aus ihren Gesichtszügen und Blicken sowie aus Hinweisen von Bekannten wurde ihm allmählich klar, dass sie die Tochter jenes Untersuchungsoffiziers war, der ihn vor vielen Jahren während seiner Zeit im Gefängnis gequält hatte. Violeta selbst hat den Offizier nur als liebevollen Vater in Erinnerung, der ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen hat. Sie selbst erweist sich als aufgeschlossen, einfühlsam und liebenswürdig. Doch diese Lichtgestalt findet bei einem Autounfall ein tragisches Ende.
Hans Bergel während der Lesung in Rastatt. Foto: ...
Hans Bergel während der Lesung in Rastatt. Foto: Johann Krestel
Mit „Willi und die Bestien“ entfernte sich Bergel dann ein Stück weit von der bitter-ernsten Thematik und wandte sich den heiteren Seiten seines Lebens zu. Während einer Kanada-Reise hatte er Willi kennengelernt, der vor Jahren aus der DDR geflohen war. Seit damals galt für ihn der Leitsatz: „Nie wieder nach Osten, sondern so weit wie möglich nach Westen.“ In den endlosen Weiten Kanadas fand er eine neue Heimat. Den Gast aus Deutschland lud er zu einer Lachsjagd ein, die mit scharfen Stahlspeeren und großem körperlichem Einsatz erfolgte. Doch als sie fünf Grizzlybären entdeckten, die ebenfalls Lachse jagten, gerieten sie in Panik und rannten Hals über Kopf davon. Bergel bemerkte als Erster, dass die Bären friedlich weiter ihre Lachse fingen und sich nicht um die beiden Männer kümmerrten, doch Willi rannte weiter und erst als sein Gast ihm den bedeutungsvollen Satz „Willi, du rennst ja nach Osten!“ zurief, blieb er verblüfft stehen.

Humorvolle Passagen finden sich auch im Manuskript „Die Novelle“. Während einer nächtlichen Zugfahrt durch Siebenbürgen sitzt der Autor zunächst allein im Abteil und schreibt. Der Zufall beschert ihm eine ungewöhnliche Begegnung, die den Stoff für eine neue Geschichte liefern wird. Eine schreibunkundige Zigeunerin betritt das Abteil und kann ihre wachsende Neugier nicht zügeln. Sie interessiert sich zuerst schüchtern und dann immer eindringlicher für die Arbeit ihres Gegenübers. Als sie endlich halbwegs verstanden hat, dass Bergel eine „Novelle“ schreibt und das Wort nach einiger Übung auch aussprechen kann, ist sie schlagartig von der Wichtigkeit dieses Unterfangens derart überzeugt, dass sie keine weiteren Fahrgäste das Abteil betreten lässt, denn „wir schreiben eine Novelle!“ Beim Abschied bittet sie Bergel, er möge in einer weiteren Erzählung auch über sie schreiben. Den beiden Studentinnen Iulia und Angelina, die er im Vorfeld kennengelernt hatte und die sich für das Wesen dieser literarischen Gattung interessieren, schickt er als Antwort auf ihre Fragen keine trockenen wissenschaftlichen Formulierungen, sondern die neue Geschichte zu.

Die von der Sprach- und Erzählkunst Hans Bergels beeindruckte Hörerschaft wollte Einzelheiten wissen: Welches war sein Weg zum Schriftsteller? Wie viel an den Erzählungen ist Wahrheit und wie viel ist Dichtung? Sind die Securitate-Akten eigentlich vollständig oder sind sie „entkernt“? Spielt die Securitate auch heute noch eine Rolle? Welche Chancen hat Rumänien auf dem Weg zu einer modernen Demokratie? – Diese Fragen beantwortete Bergel freundlich, kompetent und ausführlich. Er stamme zwar aus einer Musikerfamilie und war auch zeitweilig als Musiker und Leistungssportler tätig, doch am meisten faszinierte ihn das Schreiben. Er deutete eine Seelenverwandtschaft mit Gabriel García Márquez an und verwies auf dessen Memoirenband „Leben, um davon zu erzählen.“ Die im vorgestellten Buch dargestellten Ereignisse seien wahr und nur wenige Einzelheiten verändert oder verklärt. Während seiner Haftzeit hatte er Rumänen von hoher Intelligenz und edlem Charakter kennen gelernt. Eine gewisse Sympathie für die Völker des Balkans und auch für die Roma ist in vielen seiner Geschichten zu spüren. Im Sinne des Philosophen Emil Cioran meinte er: Während der langen Türkenherrschaft haben diese Völker eine besondere Überlebensstrategie entwickelt: Dulden statt voreilig handeln, Warten auf den richtigen Zeitpunkt. Die momentanen Chancen Rumäniens auf dem Weg zur modernen Demokratie und Marktwirtschaft schätzte er als bescheiden ein. Gegen die Auffassung Bergels, dass die Folgen der Fremdherrschaft die alleinige Ursache für die aktuellen Probleme in Rumänien seien, wurden keine Bedenken laut. Die Securitate-Akten bezeichnete er als unzuverlässig und lückenhaft. Die früheren Offiziere der Securitate spielten aber heute in der Wirtschaft eine Schlüsselrolle, da sie nach dem Umsturz von 1989 in der Lage waren, ganze Unternehmen aufzukaufen. Während seinen Ausführungen blendete Hans Bergel immer wieder persönliche Begegnungen und Erlebnisse ein.

„Ich könnte noch stundenlang zuhören“, meinte Karl-Heinz Piringer zum Schluss und sprach damit wohl vielen der anwesenden Literaturfreunde aus der Seele. Trotz Freitag, dem Dreizehnten: Es war für alle Beteiligten ein schöner, unvergesslicher Abend.

Johann Krestel

Schlagwörter: Lesung, Bergel, Rastatt

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