9. Dezember 2012

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„Ich schlag dich tot“: György Dragománs verstörender Roman „Der weiße König“

György Dragomán wurde 1973 als Angehöriger der in Rumänien lebenden ungarischen Minderheit in Neumarkt am Mieresch (ungarisch Marosvásárhely) geboren, wo er seine ersten 15 Lebensjahre verbrachte. Seit 1988 lebt er in Budapest. Sein erster Roman erschien 2002, der zweite, „Der weiße König“, 2005 in Ungarn, 2008 in Deutschland. Er wurde 2011 mit dem Jan-Michalski-Literaturpreis ausgezeichnet und liegt jetzt als Taschenbuch vor.
Rumänien 1986: Der Vater des elfjährigen Dzsátá wird von seinen Kollegen zu Hause „in einer äußerst dringlichen Angelegenheit“ abgeholt – er soll für eine Woche oder auch länger „ans Meer, zu einer Forschungsstation“. Die Herren nehmen den Vater in ihrem grauen Kombi mit, Ehefrau und Sohn bleiben zurück. Zunächst kommen Briefe, die von immer neuen Verzögerungen und Komplikationen berichten, dann bricht der Kontakt zum Vater ab. Ein halbes Jahr später kommen die Kollegen erneut zu Besuch, und was die Mutter schon längst befürchtet hat, der Sohn sich aber nicht im Traum hätte vorstellen können, wird zur Gewissheit: „(...) da lächelte mich der Grauhaarige an und sagte, ich solle wissen, daß sie gar nicht die Kollegen meines Vaters, sondern von der Inneren Sicherheit seien, mein Vater sei verhaftet worden, weil er an einer staatsfeindlichen Aktion teilgenommen habe, so daß ich ihn eine Zeitlang bestimmt nicht wiedersehen werde, eine lange Zeit, weil mein Vater am Donaukanal schufte, ob ich wisse, was das bedeutet, das bedeute, daß er in einem Arbeitslager sei, und bei seiner Konstitution werde er bestimmt nicht lange durchhalten und nie mehr von dort zurückkehren, er sei gar nicht mehr am Leben (...)“.

Wie Dzsátá mit dieser schrecklichen Gewissheit fertig wird, wie er versucht, seine Mutter zu beschützen und der „Mann im Haus“ zu sein, weil sein Vater ihm diese Aufgabe übertragen hat, und wie er in einem unmenschlichen System erwachsen wird – davon erzählt György Dragomán in seinem Roman „Der weiße König“.

Prügeleien zwischen den rivalisierenden Jugendbanden in den Betonschluchten der Wohnblocks sind an der Tagesordnung. Mit allem, was herumliegt, wird aufeinander eingeschlagen – Bretter, Steine, Bierflaschen –, und die Halbwüchsigen, die meist noch nicht so recht wissen, was sie mit ihrer Kraft anfangen sollen, entwickeln eigene Waffen und schrecken auch vor Feuer oder den Gewehren und Pistolen der Väter, die sie einfach klauen, nicht zurück. Grausame Mutproben werden ersonnen und blutige Schlachten um einen „echten Lederball“ ausgefochten. „Ich schlag dich tot“ ist eine häufig wiederkehrende, ernst zu nehmende Drohung, und sie wird nicht nur von den Jungen ausgesprochen, sondern auch von Erwachsenen. Autoritätspersonen wie Lehrer und Sporttrainer, aber auch Bauarbeiter, die die Jungen auf der Straße abfangen und zu Arbeiten heranziehen, machen Gebrauch von Gewalt – physischer wie psychischer.

r ... Das perfide, willkürliche Spiel überrascht den Ich-Erzähler immer wieder aufs Neue, obwohl es ihm von Kindesbeinen an vertraut ist. Seine Mutter vermag ihn nicht zu beschützen, denn er erzählt ihr immer nur die halbe Wahrheit, und sie selbst befindet sich in einem Zustand verzweifelter Selbstaufgabe: ohne Ehemann, ohne Freunde und mit Schwiegereltern, die nicht mit ihr reden, weil sie ihnen nicht gut genug ist – und es niemals war. Sie sei „eine abnormale Nutte, die nicht begreife, in was für einer guten Welt wir lebten, und meinen Vater habe sie auch verrückt gemacht, ihretwegen habe er den großen Krach mit der Partei bekommen, ihretwegen sei er an den Donaukanal verbannt worden“, muss der Sohn mit anhören. Dennoch versucht sie in einem Anflug von Verzweiflung, mit Hilfe von Dzsátás Großvater etwas über den Verbleib ihres Mannes zu erfahren. Er, der ehemalige „Genosse Parteisekretär“, die stolz geschwellte Brust voller Orden, sollte über beste Verbindungen verfügen und zumindest herausfinden können, ob der Verschleppte noch am Leben ist. Doch keine Information ist zu bekommen, das Ergebnis sind nur Streit und Tränen und ein auf die Gabel geschmetterter Telefonhörer.

Letzter Rettungsanker ist der „Genosse Botschafter“, den die Mutter von früher kennt. „Mutter zog ihr elegantestes rotes Kostüm an, dazu spitze Schuhe mit spitzen Absätzen, die ich an ihr bis dahin noch nie gesehen hatte (...), entnahm ihrer Handtasche Taschenspiegel und Lippenstift, trug sich gleich da im Treppenhaus Rot auf“, und so steigen Mutter und Sohn in den vierten Stock: sie, um für sexuelle Gefälligkeiten einen Funken Hoffnung zu erkaufen, er, um eine ihm gänzlich fremde Welt zu betreten und dem titelgebenden „weißen König“ zu begegnen, der ihn fortan begleiten wird.

György Dragománs Roman ist schwer zu ertragen. Gewalt und Hass, Willkür und Tod, Verzweiflung und Grausamkeit quellen geradezu aus jeder Seite, und wäre nicht die außergewöhnliche Sprache, man würde das Buch ganz schnell zur Seite legen und sich eine leichtere Lektüre besorgen. Der Rhythmus aber hält einen gefangen. Atemlos liest man die nicht enden wollenden Satzkonstruktionen, die sich über ganze Seiten ziehen, und bleibt allein schon deswegen dabei, weil man endlich den erlösenden Absatz oder wenigstens einen Punkt erreichen möchte. Dragománs Sprache ist wie ein Sog, der einen Kapitel für Kapitel wieder in die Geschichte hineinzieht, die in einer grotesken Beerdigung gipfelt – grotesk wie so viele Begebenheiten in diesem verstörenden, großartigen Roman.

Doris Roth


György Dragomán, „Der weiße König“, Suhrkamp Verlag, Berlin, 2012, 300 Seiten, 9,99 Euro, ISBN 978-3-518-46313-0.
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Schlagwörter: Buch, Rezension, Rumänien, Roman

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