27. Dezember 2013

Kronstädter Jugendbachchor veröffentlicht seine dritte CD

Man hört es einem Chor an, wenn er über langjährige Erfahrung verfügt: Das Ensemble klingt homogen, die Choristen hören aufeinander, die Stimmen harmonieren, die Auftritte sind souverän, die zahlreichen gemeinsamen Proben machen sich in der Klangqualität bemerkbar. Eine solche Singgemeinschaft ist der Kronstädter Jugendbachchor, der heuer 20 Jahre seines Bestehens gefeiert hat – nicht nur mit Auftritten im Ausland oder im Rahmen des Sommerfestivals „Diletto musicale“ in Tartlau und am Eröffnungsabend der Festspiele „Musica Coronensis“ in Kronstadt, sondern auch mit der CD-Einspielung „Wiederentdeckte Kantaten aus der Schwarzen Kirche“.
Der Chor wurde 1993 von Hans Eckart Schlandt als „Nachwuchswerkstätte“ des Bachchors der Schwarzen Kirche ins Leben gerufen und wird seit 2004 von Steffen Schlandt geleitet. Die rund 20 Mitglieder gehören sechs Konfessionen an und sprechen drei Muttersprachen – interkulturell geht es allerdings auch in der Wahl des Repertoires zu, denn es werden Werke aus aller Welt und aus der gesamten Musikgeschichte gesungen. Außerdem macht der Chor seit seiner Gründung wertvolle einheimische Musik bekannt.

Bei der neuen CD geht es – wie der Titel sagt – um Kantaten aus den Archivbeständen der Schwarzen Kirche. Das zweisprachige Begleitheft (Deutsch und Rumänisch) skizziert den Entstehungskontext dieser Musik im 18. und 19. Jahrhundert sowie die jüngere Geschichte des Archivs selbst. Gleich nach dem Krieg etwa mussten sämtliche Handschriften, Noten und Bücher unter dem Vorwand des Platzmangels aus dem Gebäude des Honterus-Gymnasiums umgesiedelt werden, wobei viel Material verloren ging, zerstört oder gestohlen wurde. „Von etwa 1000 Opus-Nummern, die in der Sparte Musik zu verzeichnen waren, sind im Jahr 2013 nur 20 Prozent nachweisbar“, heißt es im Einführungstext. Steffen Schlandt gelang es in den vergangenen zehn Jahren, das Musikarchiv aufzuarbeiten. Im Rahmen eines postdoktoralen Forschungsprojektes befasste er sich mit den alten Handschriften, von denen er eine Auswahl mit dem Chor einstudierte und aufführte. Die Werke sind nun zum allerersten Mal auf CD zu hören.

Es geht dabei sowohl um Musik der Kronstädter Kantoren Martin Schneider und Johann Lukas Hedwig, als auch um Kompositionen weniger bekannter Musiker aus dem Ausland, die in der Vergangenheit in der Schwarzen Kirche aufgeführt wurden – etwa der Kantor der Dresdner Frauenkirche, Gottfried August Homilius, der Thüringer Johann Gottfried Krebs, Joseph Joachim Hahn aus Münnerstadt oder der Breslauer Martin Wirbach. Die Musik ist mit großer Ausdruckskraft und Lebendigkeit, mit feinen Schattierungen und durchdachter musikalischer Architektur wiedergegeben. Einen bedeutenden Mehrwert stellt außerdem die Zusammenarbeit mit den Solisten der Kronstädter Oper Cristina Radu (Sopran) und Dan Popescu (Bass) dar. Den Tenorpart singt Beniamin Ghegoiu, Mitglied des Jugendbachchors.

Die „gute Schule“ des Dirigenten und seines Ensembles ist unter anderem in den Chorälen hörbar, die mit wunderbarer Klarheit und Transparenz gesungen werden, sodass der Chor sauber wie ein Quartett klingt und gleichzeitig mit Tiefgründigkeit und Glanz imponiert. Stilistisch bleibt die Interpretation stets im Rahmen; spätromantische Elemente, die sich bei Chorformationen mit vielfältigem Repertoire oftmals auch in die Musik des 18. Jahrhunderts einschleichen, bleiben hier erspart. Nicht zuletzt ist dies dem Kammerorchester aus Miercurea Ciuc zu verdanken, dessen Erfahrung mit Barockmusik die Einspielung noch mehr aufwertet. Sanfte Bassrezitative und helle, sonnige Sopranarien sind der Flexibilität der beiden Opernsolisten zu verdanken, die sonst eher in großen Verdi- und Puccini-Aufführungen zu hören sind als in kammermusikalischem Ambiente. Dem Tenor gelingt es, Schritt zu halten – sein ehrlicher Gesang vibriert nicht wie eine Opernstimme, verfügt aber über Expressivität und Wärme.

Nicht zuletzt dürfte für den Hörer die Musik selbst eine erfreuliche Überraschung sein. Die unterstrichenen Dissonanzen in Martin Wirbachs „Weint Blut, da Jesu Thränen rinnen” erinnern an Pergolesis Meisterwerk „Stabat Mater“, während die „Trauer Cantata auf den Charfreytag” von Martin Schneider mal mit beseelten Tuttis, mal mit nachdenklichen Solopassagen beeindruckt – oder mit poetischen Textzeilen wie „Mein Geist eilt auf der stillsten Andacht Flügel entflohene Jahrhunderte zurück“ (Lucas Joseph Marienburg). Die „Kantate zur Einweihung der neuen Orgel” von Johann Lukas Hedwig ist ein musikalischer Genuss. Sie wurde anlässlich der Einweihung der Orgel von Carl August Buchholz in der Schwarzen Kirche im Jahre 1839 aufgeführt und ist nach 175 Jahren in der Vision des Jugendbachchors weiterhin ein Kronstädter Lob auf die „Wundermacht der Töne“.

Die CD wird in der Schwarzen Kirche in Kronstadt verkauft, kann aber auch bei Julius Henning in Pforzheim bestellt werden. Kontakt: Bichlerstraße 19, 75173 Pforzheim, Telefon: (0 72 31) 2 48 64, E-Mail: julhenning[ät]alice-dsl.net. Der Preis beträgt 15 Euro.

Christine Chiriac

Schlagwörter: CD, Jugendbachchor, Kronstadt

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