6. Februar 2026

Freimaurerei zwischen Zentrum und Peripherie: Die Kronstädter Ausstellung „Istorie și simbol“ im europäischen Kontext

Als die Ausstellung „Istorie și simbol“ – Geschichte und Symbol im Herbst 2025 im Kronstädter Rathaus zu sehen war, fügte sie sich in eine Reihe europäischer Initiativen ein, die sich der materiellen und ideengeschichtlichen Erforschung der Freimaurerei widmen. Während in London, Paris oder Den Haag seit Jahren neue Studien und museale Projekte entstehen, blieb der südosteuropäische Raum lange ein weißer Fleck. Die Kronstädter Schau, eine Kooperation des Hermannstädter Brukenthal-Museums und des Kronstädter Kreismuseums für Geschichte, setzte hier einen Akzent, der über die regionale Perspektive hinausweist.
Im Kronstädter Rathaus trat die Ausstellung in einen historisch markanten Rahmen, denn Kronstadt gilt als Entstehungsort der siebenbürgischen Freimaurerei.1749 gründete Martin Gottlieb Seuler von Seulen (1730-1772) hier die Loge „Zu den drei Säulen“, unter der Obödienz der Berliner Loge „Zu den drei Weltkugeln“. Die Ausstellung präsentierte Seulers Wappen und die einschlägigen Dokumente der Logengründung. Seuler war der erste Freimaurer Siebenbürgens.

Die zweite Achse der Ausstellung führte nach Hermannstadt. Die dortige Loge „St. Andreas zu den drei Seeblättern“, 1767 von neun siebenbürgisch-sächsischen Studenten gegründet, wurde in einen größeren europäischen Zusammenhang gestellt. Die jungen Männer, die zuvor in Dresden, Erlangen, Jena und Tübingen in Universitätslogen aktiv gewesen waren, brachten nicht nur Rituale, sondern auch wissenschaftliche Praktiken mit. Die Ausstellung zeigte, wie eng die Logenarbeit mit der Wissensproduktion der Aufklärung verbunden war — ein Phänomen, das sich in vielen Regionen Europas beobachten lässt, nicht zuletzt in Wien unter Ignaz von Born.

Freimaurer-Medaille, geprägt von der ...
Freimaurer-Medaille, geprägt von der Freimaurerloge in Halle 1744, als Samuel von Brukenthal Meister v. Stuhl war.
Eine zentrale Figur sowohl der Aufklärung in Siebenbürgen als auch der Freimaurerei war Franz Joseph Sulzer (1727-1791). In der Ausstellung wurde seine dreibändige „Geschichte des transalpinischen Daciens“ (1781-1782) präsentiert. Es ist nicht nur ein historiographisches Werk, sondern ein Dokument europäischer Gelehrtenkommunikation. Sulzers Rolle bei der Reorganisation der Kronstädter Freimaurerloge 1777 und bei der Anbahnung der Beziehungen zur Loge in Hermannstadt wurde nicht als lokales Ereignis interpretiert, sondern als Teil jener transregionalen Netzwerke, die die Aufklärung strukturierten. Die Ausstellung machte deutlich, dass die Freimaurerei in Siebenbürgen weniger ein isoliertes Phänomen war als ein Randbereich eines größeren europäischen Kommunikationsraums.

Eine besondere Rolle spielte in der Ausstellung Baron Samuel von Brukenthal, Gouverneur Siebenbürgens von 1777 bis 1787. In seiner Jugend, als Student in Halle, war er Gründer und erster Meister vom Stuhl der Freimaurerloge „Aux Trois Clefs d’Or“. Seine Persönlichkeit verbindet die politischen, kulturellen und geistigen Strömungen des späten 18. Jahrhunderts.

Die freimaurerischen Bestände des Brukenthal-Museums – Logen-Bijous, Schurze, Gradabzeichen, Siegel, rituelle Objekte – wurden mit einer Zurückhaltung präsentiert, die sich bewusst gegen populäre Vorstellungen von Geheimnis und Spektakel richtete. Die Ausstellung zeigte die Objekte als materielle Zeugnisse sozialer Praktiken, nicht als Träger esoterischer Bedeutungen. Ergänzt durch Dokumente des Kronstädter Geschichtsmuseums und Artefakte der Großloge von Rumänien, entstand ein Bild, das die Entwicklung der Freimaurerei bis in die postkommunistische Gegenwart nachzeichnete, ohne in kulturpolitische Wertungen zu verfallen.

Die Ausstellung wurde von Dr. Raluca Frîncu kuratiert, unterstützt von Ramona Muntean und Camelia Dordea. Auf Kronstädter Seite arbeiteten Voica Istrate, Rozalinda Posea, Cătălina Dumitrescu und Monica Popoacă. Ihre Arbeit zeichnete sich durch eine Haltung aus, die man in der musealen Landschaft Südosteuropas nicht selbstverständlich findet: analytische Disziplin, Zurückhaltung im Ton, Konzentration auf überprüfbare Fakten.

Rückblickend war „Geschichte und Symbol“ eine Ausstellung, die sich nicht in regionaler Selbstvergewisserung erschöpfte. Sie zeigte, dass die Freimaurerei in Siebenbürgen nur dann verständlich wird, wenn man sie in den größeren europäischen Kontext einbettet: als Teil jener intellektuellen Infrastruktur, die die Aufklärung trug und die bis heute nachwirkt.

Die Schau war kein spektakuläres Ereignis – aber ein notwendiges. Vor allem aber machte sie deutlich, dass historische Aufklärung nicht im Gestus der Enthüllung besteht, sondern in der sorgfältigen Arbeit am Detail.

Josef Balazs

Schlagwörter: Kronstadt, Ausstellung, Freimaurer

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